Ein letzter Dienst
Wenn Menschen zwischen Obermosel und Westerwald, zwischen Ahr und Südlicher Weinstraße aufgerufen sind, ein neues Parlament zu wählen, an Orten also, die andernorts niemand kennt, spricht trotzdem die gesamte Republik darüber. Kaum je, weil man sich dafür interessierte, welche Politik nun in diesem Rheinland-Pfalz fürderhin gemacht werden wird, was voraussetzte, man wüsste intimer davon, welche verfassungsrechtlichen Kompetenzen so ein Bundesland hat, sondern eher, weil am Wahlausgang abgelesen werden soll, in welchem generellen Zustand die rivalisierenden Parteien sich befinden und was das wiederum für das weitere Schicksal der Nation bedeutet.
Während der verstorbenen FDP nicht einmal mehr nachgerufen wird, stehen die Chefdiagnostiker grübelnd um das Krankenbett der komatösen SPD. Der Befund geht so: »In Berlin ist die SPD ein Bremsklotz, in Mainz wurde sie dafür bestraft, in Baden-Württemberg und Bayern darf sie einen Blick in die Zukunft riskieren: als sektiererische Splitterpartei« (FAZ). Und das ist ein Naturgesetz, stipuliert die Süddeutsche Zeitung, wonach »diese Legislaturperiode für die SPD zum Endspiel geworden« ist. »Sie kämpft gegen ihren irreversiblen Abstieg.«
Aber wenn der Niedergang schon nicht mehr aufzuhalten sein wird, soll die Sozialdemokratie dem Land und seinen Unternehmern, bevor sie in die Grube fahren darf, wenigstens einen letzten Dienst erweisen, nämlich endlich die notwendigen Reformen ermöglichen – Auf- und Abstieg sind schicksalhaft miteinander verwoben, bedürfen aber eines Subjekts.
Deshalb darf Lars Klingbeil nicht vom SPD-Vorsitz zurücktreten, fordert die Welt: »Jetzt zählt keine Personalie. Jetzt zählt Verantwortung. Klingbeil muss bleiben. Nicht, weil er unersetzlich wäre. Sondern weil Deutschland jetzt endlich Reformen braucht.« Wie der Junkie seinen Stoff. »Klingbeil, der immer wieder Reformbereitschaft bekundete, muss jetzt endlich zeigen, dass er ein Anführer ist. (…) Es ist zu hoffen, dass die SPD nun endlich den Mut findet, sich den unbequemen Wahrheiten zu stellen, und sei es auch der Mut der Verzweiflung« (FAZ). Es ist, weiß das Handelsblatt, die »letzte Chance für den Aufbruch« eines fett und träge gewordenen Landes. »Deutschland muss abspecken. Diesmal gibt es keine Ausreden mehr.« Nation ist, wenn Kapitalinteressen als Gesamtinteressen ausgegeben werden. (brat)
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (25. März 2026 um 11:12 Uhr)Doch welche Perspektive (Einzahl!) bleibt den Spitzen/Führungsligen/Fachkräften/Spezialisten und Spezialistinnen/Expertinnen und Experten usw. denn noch? Beginnen wir entspannt, zuerst für mich: Am 11. April 2017, um die Mittagszeit, wurde mir/uns ein einstündiges Interview mit Martin Schulz gewährt. Rein in die SPD-Zentrale, per Fahrstuhl in die Höhen, dann durch den mit Portraits der Heroen (nur Männer) verzierten Wandelgang hinein ins Refugium der beiden Vorzimmerdamen (damals ein Fachbegriff) und nach einem sanften Handwink rechterseits der wohl Chefin hinein, hinein! Bei mir, Familienmensch: BOAH! Hier passt unser Zuhause locker dreimal rein! Ich trete ein und wir ziehn um. Martin hatte sage und schreibe drei Assistenten dabei, die mir sogar Anweisungen geben wollten, aus welchem Winkel ich Fotos knipsen darf. Diese Fachkräfte haben dann unser offenherziges Gespräch zur Propagandafarce minimiert: Aus seinen und meinen Ehrlichkeiten (Herr Schulz: »Es wird wieder eine GroKo, leider.«) wurde: Wir gewinnen die Wahl! Das hat Martin Schulz in unserem Gespräch niemals gesagt. Wen juckt’s, dass ich’s aufgenommen habe … Doch wenn im selben Prachtbau nun tatsächlich drei Etagen freigegeben werden, dann könnten wir doch zuerst die Frage klären – nach Einschätzung der weltweit firmierenden Aggretatorinnen und Aggregatoren –, ob nun die Überbleibsel der SPD der PdL das halbe Haus überlassen. Wegen des Kennenlerneffekts. Die neue Fusion ist seit langem im Gespräch und unterwegs. Ein Problem bleibt, da das Linkssein vorbei und unnötig ist: Vielleicht moderne Linke? = ML?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (25. März 2026 um 12:30 Uhr)Das Akronym »ML« würde auch auf »Muffige«, »Modderige«, »Morastige«, »Miefige«, »Mittelmäßige«, »Machtgeile«, »Machulle«, »Madige«, … lauten können. Mehr davon im Duden-Wörterbuch.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (25. März 2026 um 14:32 Uhr)Modern bedeutet zeitgemäß. ML also geegenwärtige/alltägliche Linke. Darauf haben wir alle gehofft, Millionen von uns, weil mehr nich mehr drin ist?
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