Brillanter Allrounder
Von Erich Hackl
Von A wie Adur, Claudio bis Z wie Zavala Rodríguez, Miguel Ángel reicht die Liste der 223 Journalisten und Medienarbeiter, die während der letzten und blutigsten Militärdiktatur in Argentinien verschleppt und ermordet worden sind. Das ist eine geringe und zugleich erschreckend hohe Zahl; gering nur gemessen an den von Menschenrechtsorganisationen, Regierungsstellen oder Geheimdiensten erstellten Gesamtstatistiken, die für die Jahre 1976 bis 1983 zwischen 9.000 und 30.000 Fällen von Entführungen mit Todesfolge schwanken. Dabei ist zu beachten, dass der Staatsterrorismus in Argentinien nicht erst mit dem Militärputsch vom 24. März 1976, der sich heute zum fünfzigsten Mal jährt, begonnen hat.
Schon in den Jahren davor, in der Regierungszeit von Juan Peróns Witwe María Estela »Isabel« Martínez de Perón, häuften sich die Mordanschläge auf linke Oppositionelle und Angehörige revolutionärer Organisationen, unter denen die linksperonistischen Montoneros und – mit erheblichem Abstand – das Revolutionäre Volksheer (ERP), der bewaffnete Arm der marxistischen Revolutionären Arbeiterpartei (PRT), den größten Zulauf hatten. Die Morde gingen zumeist auf das Konto der »Triple A« (Alianza Anticomunista Argentina), einer von José López Rega, Isabels Sekretär im Präsidialamt, gegründeten Todesschwadron. Das politische Klima im Land war infolge des Konflikts zwischen Herrschaft und Befreiung, der in der Provinz Tucumán Züge eines Bürgerkriegs annahm, des von der Regierung erlassenen Ausnahmezustands und einer enormen Inflationsrate schon vor dem Staatsstreich derart aufgeladen, dass dieser von großen Teilen der Bevölkerung begrüßt wurde. In der Hoffnung auf eine Befriedung des öffentlichen Lebens nahmen sie das klare Ziel der Militärs in Kauf, den Peronismus zu zerschlagen, die Guerilla zu vernichten und eine neoliberale Wirtschaftspolitik nach chilenischem Muster durchzusetzen.
Verschwindenlassen
Was von den Leuten nicht vorhergesehen wurde, war das Ausmaß der Repression, die alle früheren argentinischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts – die sich 1930, 1943, 1955, 1962 und 1966 etabliert hatten – weit übertraf. Traurigen Ruhm errang die Regierung unter den Generälen Videla, Viola, Galtieri und Bignone aufgrund der Methode, ihre Gegner durch Sicherheitskräfte in Zivil zu entführen, in über achthundert geheimen Lagern zu verhören, dort zu Tode zu foltern, an unbekannten Orten zu verscharren oder sie zu betäuben und aus Flugzeugen über der Mündung des Río de la Plata abzuwerfen. Mit diesem Vorgehen stand das argentinische Regime nicht allein da; auch in den anderen Diktaturen Südamerikas, in Paraguay, Uruguay, Chile, Bolivien und Brasilien, verschwanden Oppositionelle spurlos, wobei die Geheimdienste im Rahmen des von CIA und FBI konzipierten »Plan Cóndor« länderübergreifend zusammenarbeiteten.
In seiner »Kleinen Geschichte Argentiniens« hat der Historiker Michael Riekenberg auf die psychischen Folgen des Verschwindenlassens von Personen hingewiesen: »Das Totengedenken gehört zur Kultur menschlicher Gemeinschaften. Das Begräbnis und seine Rituale gestatten es den Überlebenden, von den Verstorbenen Abschied zu nehmen. Die Praxis des ›argentinischen Todes‹ nahm den Angehörigen jedoch die letzte Tröstung und dadurch auch Lebensmut. Nachfragen Angehöriger nach dem Verbleib der Verschwundenen wurden von den Behörden mit der stereotypen Formulierung beantwortet: ›Die Person ist nicht als verhaftet registriert und wird von der Polizei im Auftrag des Innenministeriums gesucht.‹ Der Staat ließ Menschen nicht nur verschwinden, er raubte auch Kinder. Säuglinge, die im Gefängnis auf die Welt kamen, wurden ihren Müttern weggenommen. Die Mütter wurden umgebracht, die Säuglinge an kinderlose Offiziersfamilien vergeben, so dass sich im Umfeld des Verschwindenlassens eine Art Menschenhandel entwickelte.«
Vor diesem Hintergrund wird klar, warum in Argentinien noch während der Diktatur – die nach sieben Jahren mit einem wirtschaftlichen Fiasko und der totalen Diskreditierung der Streitkräfte endete – und in den Jahren danach es hauptsächlich die Angehörigen waren, allen voran die mutigen Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo, die durch ihre Forderungen nach Wiederkehr der Verschwundenen für eine weltweit einzigartige Aufarbeitung der jüngsten Geschichte sorgten.
Um so bestürzender ist der Aufstieg des ultraliberalen Kettensägenmonsters Javier Milei zum Präsidenten Argentiniens, dem es nicht nur darum geht, an die gescheiterte Wirtschaftspolitik der Diktatur anzuknüpfen. Seinem Regierungskabinett ist es ebenso ein Anliegen, deren Kampf gegen die »Subversion« zu legitimieren, die Gedenkstätten in den ehemaligen Folterlagern zu schließen und die immer noch andauernde Suche nach den sterblichen Überresten von Verschwundenen zu beenden.
Verhinderter Künstler
Die Suche also auch nach einem der eingangs erwähnten Journalisten, die Suche nach Enrique Raab. Sein Schicksal liegt mir besonders am Herzen: weil er älter war als die meisten seiner Kollegen; weil der Judenhass und die wütende Homophobie der Militärs und ihrer Schergen ihn besonders treffen mussten; weil er gesellig war, humorvoll und hilfsbereit; weil seine Berichte, Reportagen und Kritiken nie verletzend waren; weil er sprachliche Gemeinplätze vermied und immer um den exakten Ausdruck bemüht war; weil Wahrheitssuche für ihn das Verlangen nach Schönheit einschloss; weil die Menschen, die ihn gekannt hatten, mir mit so großer Zuneigung und Hochachtung von ihm erzählt haben; weil er in Wien geboren ist, am 2. Februar 1932, und die ersten sechs Lebensjahre in der Nordbahnstraße gewohnt hat, in einem Gründerzeithaus kaum fünfzehn Minuten von meinem Zuhause entfernt. Wer es betritt, begibt sich auf eine Zeitreise in Raabs Kindheit, da die Bodenfliesen, Treppenstufen und Handläufe noch die von damals sind, als Familie Raab hier gelebt hat, hinter Tür 30, im vierten Stock.
Sein Vater Salomon Raab, Jahrgang 1897, stammte aus der galizischen Ortschaft Jasienica und hatte sich nach dem Ende der Donaumonarchie in Wien niedergelassen, wo er die vier Jahre jüngere Malvine Frankl heiratete und mit seinen Brüdern Lesor und Jakob, dann allein, eine Maßschneiderei betrieb, die zuerst am Hohen Markt, später am Franz-Josefs-Kai untergebracht war. Von den vier Kindern des Ehepaares starben die beiden ältesten noch in ihren ersten Lebensjahren an Tuberkulose und Lungenentzündung.
Enrique (damals noch Heinrich) war sechs, seine Schwester Evelina (Evelyn) noch keine zwei Jahre alt, als die Deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschierte. Das Ehepaar Raab entschloss sich sofort zur Flucht. Zum Glück war Malvines ältere Schwester schon früher nach Argentinien ausgewandert. Nun bürgte sie für ihre Verwandten, nachdem alle Bemühungen um ein Affidavit für die USA erfolglos geblieben waren. Die Überfahrt erfolgte im November 1938 von Triest aus über Piräus nach Buenos Aires. Dort begann Salomon in einer Fabrik für Herrenbekleidung zu arbeiten; später fertigte er in Heimarbeit Regenmäntel. Malvine belieferte Konditoreien mit selbstgebackenen Mehlspeisen. Das doppelte Einkommen reichte für einen bescheidenen Wohlstand.
Als 1940 weitere Verwandte aus Wien in Buenos Aires eintrafen, kamen sie fürs erste bei der Familie Raab unter, die im Zentrum der Stadt wohnte, in der Calle Reconquista. Es war die Familie Sperber, deren Sohn sich sofort mit dem zwei Jahre älteren Enrique anfreundete. »Er war eine Art Mentor für mich«, erzählte mir Federico Sperber im Februar 2004, »und hat mich in meinen künstlerischen Interessen bestärkt. Er war in allen Sparten beschlagen, egal, ob es sich um Musik, Philosophie, bildende Kunst oder Literatur handelte.«
Eine enge Freundschaft von Kindheit an verband Raab auch mit seinem Mitschüler und späteren Schwager Roberto Rosenfeldt, der seine Cinephilie teilte. Sie begeisterten sich vor allem für das expressionistische Filmschaffen der Weimarer Republik, die frühen sowjetischen sowie die Filme des italienischen Neorealismus, die nicht oder nur in verstümmelten Fassungen in die argentinischen Kinos kamen. Aber es gab in Buenos Aires zwei Filmklubs, Gente de Cine und Núcleo, die die Zensurbestimmungen und das kommerzielle Diktat durch halbprivate Vorführungen unterliefen. Raab war in ihnen bald die bestimmende Figur.
Er hatte das Colegio Nacional de Buenos Aires, Argentiniens angesehenstes öffentliches Gymnasium, wegen eines feindseligen Geschichtslehrers ohne Abschluss verlassen und Arbeit in einem Reisebüro gefunden, die ihm erste Reisen nach Europa ermöglichte. Für Gente de Cine gab er unter Rosenfeldts Mitwirkung 1961 ein Schwerpunktheft über Luchino Visconti heraus und drehte im Jahr darauf den Kurzfilm »José«, der leider verschollen ist. Ein weiteres Filmprojekt zerschlug sich wegen mangelnder Finanzierung, seine Bearbeitung eines Molière-Stücks wurde nie aufgeführt. Darüber zeigte er sich nicht bekümmert, auch wenn sein Kollege Edgardo Cozarinsky später behauptete, dass Raab ein verhinderter Künstler gewesen sei, »der seine Intelligenz und Sensibilität, die er nicht schöpferisch umsetzen konnte, in den Journalismus einbrachte«.
Mit Einstecktuch zum Streik
Raabs Karriere fiel in eine Wendezeit des argentinischen Zeitungswesens. Ab dem Jahr 1962 erschienen Magazine wie Primera Plana, Panorama, Confirmado, Siete Días, Análisis und Tageszeitungen wie El Cronista und La Opinión, die mit dem bis dahin üblichen Verlautbarungsjournalismus brachen und im Auslands- und Kulturteil sowie in der großzügigen graphischen Gestaltung der Aufbruchsstimmung eines bildungshungrigen, an der internationalen Avantgarde interessierten Mittelstands Rechnung trugen. In allen genannten Blättern war Raab über Jahre oder, wie im Fall der kurzlebigen Zeitschrift Todo, ein paar Wochen lang als Redakteur tätig, fast immer unter der Direktion des Journalisten und Medienunternehmers Jacobo Timerman, einer schillernden Gestalt mit guten Beziehungen in die Hochfinanz.
Zu Timermans Ärger war Raab eine treibende Kraft der Journalistengewerkschaft; zu einem Warnstreik gegen drohende Kündigungen fand er sich festlich gekleidet ein, wie für einen Opernabend im Teatro Colón, um dem Anlass, wie er der Belegschaft erklärte, durch sein Outfit gerecht zu werden. In den Erinnerungen seiner Kollegen und Kolleginnen erscheint Raab als unerschöpfliche Quelle von Neuigkeiten aller Art, untersetzt, pausbäckig, mit schütterem Haar, auch im journalistischen Alltag tipptopp gekleidet, mit Anzug, Krawatte und Einstecktuch, dabei quirlig, gut gelaunt und stets bereit, Anfängern ihre Texte auf eine Art zu redigieren, die sie nicht entmutigte.
Seine eigenen Arbeiten liegen in zwei Auswahlbänden vor, die Ana Basualdo und María Moreno 1999 bzw. 2015 herausgegeben haben. Das von Moreno zusammengestellte Buch hat den Untertitel »Periodismo todoterreno« (»Allroundjournalismus«), der nicht abschätzig gemeint war, sondern der Tatsache Rechnung trug, dass Raab die Grenzen zwischen Politik und Kultur ebenso überschritten hat, wie er die damals noch existierende Trennung von Hochkultur und populärer Kultur (Fußball, Tango, Schlager, Telenovelas) missachtet hat. Obwohl viele seiner Schreibanlässe in Vergessenheit geraten sind, macht es immer noch ein großes Vergnügen, Raabs »notas« zu lesen. Das liegt an seiner Fähigkeit, das gesellschaftliche Leben von einer unerwarteten, scheinbar abseitigen Warte aus zu beleuchten, mit feiner Ironie und einem ausgeprägten Sinn für Komik, egal ob er sich die Wohnungspreise in Buenos Aires vornahm, die Touristenmassen in Mar del Plata, die bizarren Begleiterscheinungen eines Derbys zwischen River und Boca oder eine Autogrammstunde mit Jorge Luis Borges, die von der dröhnend lauten »Marcha Peronista« aus dem Plattengeschäft gegenüber untermalt wurde. »Die Deutschen …«, hörte er den blinden Dichter seufzen, »ein fehlgegangenes Volk … Aber nicht das einzige … Es gibt noch eines, das sieben Millionen Stimmen verschenkt hat …«
Sieben Millionen für Perón, den greisen Rückkehrer aus der Verbannung, der seine jugendlichen Anhänger bei der denkwürdigen Kundgebung auf der Plaza de Mayo, am 1. Mai 1974, als Grünschnäbel und Dummköpfe abkanzelte. Mittendrin unter den Hunderttausenden, die, eben noch unter dem angeblichen Heilsbringer der Nation geeint, sich in zwei einander feindliche Blöcke aufspalteten: Enrique Raab, der die Stimmung einfing, sich dabei jeder Wertung enthielt und doch die Tragik erfasste, die dem Ereignis folgen sollte.
Bemerkenswert ist auch die Hellsicht, mit der er – drei Jahre zuvor – im Streit um die Argentinien-Premiere des von der Amtskirche verbissen bekämpften Musicals »Hair« den Zwang zur falschen Alternative aufgezeigt hatte: »Einige Ideologen – diejenigen, die schließlich grünes Licht für das Projekt gaben – werden sich gedacht haben, es sei weniger gefährlich, eine Jugend zu zeigen, die Drogen konsumiert, als eine, die für die Guerilla optiert; einige talentierte Unternehmer haben sich diese Spekulation zunutze gemacht, so dass ein paar Dutzend harmlose Teenager auf der Bühne nun das tun können, was seit fünf Jahren in Hunderten Wohnungen im Barrio Norte und in San Telmo geschieht.«
Zwischen Hoffnung und Aufruhr
Raabs einziges Buch, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde, versammelt acht Chroniken, die er als Sonderkorrespondent von La Opinión über Kuba fünfzehn Jahre nach der Revolution geschrieben hat: »Cuba: Vida Cotidiana y Revolución«. Das Resümee seines Aufenthalts fiel, vereinfacht gesagt, abwartend zuversichtlich aus. Bei aller Würdigung der sozialen Errungenschaften und Sympathie für die Menschen, die er auf der Straße oder in den Komitees zur Verteidigung der Revolution ansprach, störte ihn die bürokratische Anmaßung, »die Vielfalt des kulturellen Lebens hinter einer dicken Mauer an Förmlichkeit zu begraben«. Das galt, seiner Meinung nach, auch und vor allem für das Zeitungswesen, dessen Niveau ihn in seiner Berufsehre kränkte: »Die asketische Ausrichtung der kubanischen Presse ist wie eine Krankheit, die alle erkennen, für die aber niemand ein Heilmittel findet.« Erstaunlich ist, dass Raab die schändliche Diskriminierung der Homosexuellen aussparte. Immerhin hätte sie ihn selbst betroffen. Darauf angesprochen, zeigte er sich optimistisch, dass sie mit der Zeit verschwinden werde.
Über seine sexuelle Orientierung wussten nur wenige Bescheid. Überhaupt sei, nach Auskunft seines ehemaligen Kollegen Oscar González, Raabs Privatleben unbekannt geblieben. Er war ja auch in einer Gegend zu Hause, in der damals – und noch vor zweiundzwanzig Jahren, als ich seinen Spuren folgte – kaum jemand wohnen wollte: in der Calle Viamonte, mitten im Zentrum, das tagsüber wegen der Banken und Büros belebt war, aber nachts durch die vielen Animierlokale zwielichtige Gestalten anzog.
Sein Wohnungsnachbar in den letzten Jahren war Ernesto Schoo, ebenfalls ein herausragender Publizist, der im Gegensatz zu Raab von Politik nichts wissen wollte. Gesprächsstoff hatten sie dennoch zur Genüge: Jazz, Alban Bergs »Wozzeck«, Nouvelle Vague, die Literatur Brochs, Musils, Kafkas … Aber weder seine Deutschkenntnisse noch sein Faible für die Klassiker der Moderne schlugen sich in Raabs Arbeiten nieder. Näher als sie wären ihm die Wiener Feuilletonisten gestanden, Polgar, Kuh, Friedell und vor allem Joseph Roth, aber sein ebenso empfindsamer wie geistreicher Biograph Máximo Eseverri fand keinen Hinweis darauf, dass er sie gelesen oder geschätzt hat.
Mir ist überhaupt nur ein Artikel zur deutschsprachigen Literatur untergekommen. Raab hatte ihn anlässlich einer Ausstellung im Jüdischen Museum von Buenos Aires über die Bücherverbrennung im Mai 1933 verfasst. Darin findet sich nicht nur eine traurige Reminiszenz an das Wien der Novemberpogrome, sondern auch eine Reflexion über die Welthaltigkeit des deutschen sowie, in der Person und im Werk Stefan Zweigs, des österreichischen Judentums. Des progressiven Teils, müsste man ergänzen, denn Raab wies ihm eine Stelle »zwischen Hoffnung und Aufruhr« zu.
Vielleicht war das auch sein Ort, in Argentinien. Der Religion gegenüber war er jedenfalls, nach den Schilderungen seiner Schwester, seines Schwagers und seines Cousins Sperber, völlig indifferent. Er missachtete die jüdischen Feiertage, er ging nicht in die Synagoge, und natürlich hielt er sich auch nicht an die jüdischen Speisevorschriften; Schoo zufolge hatte Raab immer genug Aufschnitt vorrätig, den er in der Calle Esmeralda kaufte, in einem Feinkostladen mit dem Namen Austria.
Öffentlich denunziert
Wenig überraschend, dass er dennoch als Jude erkannt wurde, in anonymen Drohbriefen, nachdem ein Kommando der »Triple A« die Wohnung gestürmt und verwüstet hatte. Zum Glück war er nicht zu Hause gewesen.
Der Vorfall hatte sich im Dezember 1975 zugetragen, und ausschlaggebend waren mehrere Artikel gewesen, in denen Raab die Ideologie extrem rechter Peronisten in Film, Funk und Fernsehen seziert hatte. Einer der durch ihn bloßgestellten Faschisten, der Intendant des städtischen Senders Radio Ciudad, rächte sich mit einem alle zwei Stunden ausgestrahlten Spot, in dem Raab als »judío, marxista y trotskista« denunziert wurde.
Dass er Marxist war, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Seine junge Kollegin Susana Viau hatte ihn für die PRT geworben. Raab war kein Mitglied, aber immerhin »colaborador«, und als solcher bemühte er sich, angesichts des bevorstehenden Militärputsches – die Partei hatte davon erfahren, nur der genaue Zeitpunkt war ihr unbekannt – Allianzen mit Vertretern demokratischer Kräfte zu schmieden. Außerdem übernahm er im Juli 1975 die redaktionelle Leitung ihrer Zeitschrift Nuevo Hombre, die vierzehntägig erschien und wegen der originellen Aufmachung und der frechen Kolumnen große Resonanz fand. Bis auf den Herausgeber Manuel Gaggero blieben alle Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen anonym, es gab auch keine Redaktionsadresse, der Umbruch wurde nachts heimlich in einem Büro vorgenommen.
Nuevo Hombre starb mit dem Militärputsch. Aber Raab war, unmittelbar davor, an einem weiteren Zeitungsprojekt beteiligt, nämlich der Wochenzeitung Información, die der legale Arm der Montoneros, der Partido Auténtico, herausbringen wollte, ganz offiziell mit angemieteten Räumlichkeiten und den Namen aller Redakteure. Es erschienen vier Nullnummern und eine einzige reguläre Ausgabe, just am 23. März, dem Vorabend des Staatsstreichs. Im Impressum scheint Enrique Raab als Chef vom Dienst auf.
Er schwebte von nun an in Lebensgefahr, denn er war bekannt und verfemt, und die Militärs wussten, wo sie ihn finden konnten. Seine Angehörigen und Freunde bestürmten ihn, das Land zu verlassen. Die PRT bot sich an, ihn nach Paris zu schicken, wo er schon einmal, als Korrespondent von Confirmado, ein Jahr lang gelebt hatte; er sollte in Europa um Hilfe im Kampf gegen die Diktatur werben. Aber Raab fand immer neue Ausflüchte. Einmal war es die Beteuerung des Bürgermeisters von Buenos Aires, Brigadegeneral Osvaldo Cacciatore, dass die Militärs es nicht auf ihn abgesehen hätten, ein andermal die Tatsache, dass ein Presseoffizier der Marine für ein neues, sein allerletztes Zeitungsprojekt kein Veto gegen ihn als Redakteur eingelegt habe, ein drittes Mal das vertrauliche Geständnis seinen engsten Freunden gegenüber, dass er privat, in einer Partnerschaft, so glücklich sei wie schon lange nicht und deshalb hierbleiben wolle, ein viertes Mal die Angst vor dem Exil, das womöglich erst enden würde, wenn er zu alt für eine Rückkehr wäre. Susana Viau: »›Was habe ich schon zu befürchten?‹ hat er mich gefragt. ›Die Folter‹, habe ich erwidert. Und Enrique: ›Schlimmer als die Schmerzen bei einem Infarkt oder bei Krebs wird sie nicht sein. Das werde ich aushalten.‹«
Inzwischen spitzte sich die Lage zu. Sowohl Viau als auch Raab verloren den Kontakt zur Partei. Er verbrachte viele Nächte bei ihrer Mutter, seinen Eltern, seiner Schwester, kehrte aber immer wieder in seine Wohnung zurück.
Die Verschleppung
Am 16. April 1977, einem Sonnabend, zwischen drei und halb vier Uhr morgens, wurde das Haus in der Calle Viamonte Nummer 332 von Dutzenden Männern in Tarnanzügen gestürmt. Weil Raab nicht gleich die Wohnungstür öffnete, schossen sie das Schloss auf und verletzten ihn dabei am Arm. Wie seinen Lebensgefährten Daniel Girón, der als Fremdenführer im Teatro Colón arbeitete, warfen sie Raab, mit übergestülptem Sack, in einen Kleinbus. Nach halbstündiger Fahrt trafen sie in einem Gebäude ein, in dem die beiden getrennt voneinander stundenlang verhört wurden. Nach der Beschreibung, die Girón viele Jahre später vor der Wahrheitskommission zu Protokoll gab, welche die Verbrechen der Diktatur untersuchte, befanden sie sich in der ESMA, der Mechanikerschule der Kriegsmarine.
Girón wurde am Abend des nächsten Tages, blind unter einer Augenbinde, in eine Art Box geworfen. In den Verschlägen vor und hinter ihm andere Gefangene. Einer von ihnen war Raab. Girón erkannte ihn am Husten, erkundigte sich flüsternd nach seinem Befinden. Er solle sich keine Sorgen machen, ließ ihn Raab wissen, die Schusswunde sei nicht weiter schlimm. Sechs Tage später wurde Girón frühmorgens durch viele Gänge und über mehrere Treppen ins Freie geführt, in einen Ford Falcon gestoßen und im Stadtteil Palermo freigelassen. »Weitergehen, nicht umdrehen, Maul halten!«
Nach Bekanntwerden der Entführung hatten Raabs Vater und seine Schwester zusammen mit Rosenfeldt und Sperber alles unternommen, ihn freizubekommen. Aber Polizei wie Militär leugneten, etwas mit der Entführung zu tun zu haben. Drei Habeas-Corpus-Anträge, die sie einreichten, blieben erfolglos, genauso wie die Bitten um Intervention in der Österreichischen Botschaft und, durch einen Verwandten in New York, bei Kongressabgeordneten der Demokratischen Partei. Ein Priester mit guten Beziehungen ins Innenministerium ließ Evelina ausrichten, dass über Raabs Verbleib nichts bekannt sei.
Girón hatte nach seiner Freilassung Buenos Aires verlassen, kehrte erst nach einem Jahr aus Mar del Plata zurück, war lange zu keiner Aussage zu bewegen. Auch Schoo, der Ohrenzeuge des Überfalls geworden war, äußerte sich darüber erst 1983, vor der Wahrheitskommission. Die meisten anderen Journalisten aus Raabs Umfeld flohen ins Exil, sofern sie nicht, wie Timerman, ebenfalls verschleppt worden waren, oder versuchten, unter falscher Identität zu überleben. Nur Viau unterstützte die Familie Raab bei ihrer Suche. Klandestin, weil sie selbst auf den Fahndungslisten stand; und sogar noch von Brasilien aus, ihrem unsicheren Zufluchtsland. Aber ihr Freund blieb für immer verschwunden.
Erst in der Regierungszeit von Raúl Alfonsín, der in den ersten demokratischen Wahlen nach dem Ende der Diktatur zum Präsidenten gewählt wurde, bezeugten überlebende Opfer des Staatsterrors, Raab in der ESMA gesehen zu haben. Es gilt die Vermutung, dass er mit einer Pentothal-Spritze betäubt, in ein Flugzeug der Marine verfrachtet und über dem Südatlantik abgeworfen wurde. Bis auf Oscar González sind in der Zwischenzeit alle gestorben, die mir vor zwei Jahrzehnten ihre Erinnerungen an ihn anvertraut haben: Susana Viau und Ernesto Schoo 2013, Evelina Raab de Rosenfeldt 2018, Federico Sperber 2020, Roberto Rosenfeldt 2021.
Als erster hatte der tapfere Radiojournalist Ariel Delgado schon am 17. April 1977 und von Colonia aus auf der uruguayischen Seite des Río de la Plata, Raabs Verschwinden gemeldet. Er nannte ihn den »brillantesten Journalisten seiner Generation«. Ein brillanter Journalist, belehrt mich die KI auf meinem Computer, zeichne sich durch eine Kombination aus unermüdlicher Neugier, hoher ethischer Integrität, präziser Sprache und analytischem Scharfsinn aus.
Erich Hackl schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20./21. und 22. September 2025 über die österreichische Schriftstellerin und Widerstandskämpferin Doris Brehm: »Vorschein einer Unbekannten« und »Ganz ohne Bindungen«
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