Rückblick ohne Erinnerung
Von Igor Kusar, Tokio
Man reibt sich die Augen. Am Mittwoch hat sich der nukleare Super-GAU von Fukushima erst zum fünfzehnten Mal gejährt. Doch Atomkraft ist in Japan wieder salonfähig. Vergessen scheint, dass nach der Havarie mehr als 150.000 Menschen ihre Häuser verließen. Dass es Pläne gab, im absoluten Notfall alle Bewohner aus der Metropole Tokio zu evakuieren, wodurch der japanische Staat kollabiert wäre. Und dass die japanische Atomlobby über Jahrzehnte Sicherheitsmängel vertuscht hatte, was schließlich in der Katastrophe endete. Daran hat sich trotz gegenteiliger Beteuerungen bis heute nicht viel geändert. Im Januar wurde beispielsweise bekannt, dass der Stromversorger Chūbu Denryoku die seismischen Daten rund um sein stillstehendes AKW Hamaoka rund 200 Kilometer südwestlich von Tokio frisiert hatte. Im Umkreis des Kraftwerks befinden sich geologische Verwerfungen, das Gebiet ist im höchsten Maße erdbebengefährdet.
Momentan bildet Atomstrom rund zehn Prozent des totalen Elektrokuchens, 2030 sollen es zwanzig Prozent werden – ein kaum realistisches Ziel. Viele Japaner begrüßen die AKW-Neustarts der vergangenen Jahre in der Hoffnung, der Strom werde billiger. Die Haushaltskasse geht in diesen schwierigen ökonomischen Zeiten vor, Sicherheit ist nachrangig. Die Atomlobby, zu der auch die neue Premierin Takaichi Sanae gehört, tut derweil alles, um solche Mythen von billigem und sicherem Atomstrom zu fördern.
»Die billigste Energiequelle ist auch in Japan die Sonne«, betont dagegen Matsukubo Hajime, Generalsekretär der Anti-AKW-Organisation »Citizens’ Nuclear Information Center«, gegenüber jW. Die wahren Kosten des Atomstroms, die wegen Sicherheitsauflagen und Reparaturen ziemlich hoch ausfallen, werden verschleiert und sind den meisten Japanern nicht bewusst. Dazu kommen die vielen Milliarden Euro, die der Rückbau des havarierten AKW Fukushima Daiichi verschlingt. Und Großereignisse wie die Olympischen Sommerspiele 2021 in Tokio sollten das Gefühl vermitteln, die Lage sei »unter Kontrolle« gebracht worden, wie es der frühere Premier Abe Shinzō ausgedrückt hatte – dass der GAU also der Vergangenheit angehöre. Dabei ist beim Rückbau in Fukushima noch vieles ungelöst, etwa, wie die geschmolzenen Brennelemente geborgen werden sollen.
Die japanischen Medien tun derweil zuwenig, um eine alternative Informationsquelle anzubieten. Von den etablierten Medienhäusern unterhält einzig die Nachrichtenagentur Kyōdō Tsūshinsha ein separates Journalistenteam für die AKW-Berichterstattung, sagt Matsukubo. Auch für die Protestbewegung ist es schwierig, ein Gegengewicht zur Atomlobby zu bilden. Die Motivation zum Protest, die nach dem GAU aufkam, ist erlahmt. An der zentralen Kundgebung am vergangenen Sonnabend in Tokios Yoyogi-Park nahmen knapp 10.000 Menschen teil. »Unser Hauptziel ist es im Moment, die Neustarts der AKW unter allen Umständen zu verhindern«, meint Matsukubo.
Die Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahren in ihr Privatleben zurückgezogen und sieht auf den Super-GAU wie auf eine normale Naturkatastrophe zurück. Eine neue Sichtweise, die nach 2011 einen Umbau Japans hätte auslösen können, fehlt. Dies war nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki 1945 anders. In der Nachkriegszeit versuchte Japan, durch die Trennung der Atomkraft in militärische und zivile, »friedliche«, Nutzung das Trauma zu überwinden. Der Aufstieg der Nation zum nuklearen Technologieriesen wirkte kathartisch. Dieses Narrativ endete 2011, wurde jedoch noch nicht wirklich überwunden. Dafür scheint Japan die nötige Kraft zu fehlen. Das Land verharrt in einer »postmodernen Leere« oder auch einer Art »Postapokalypse«.
Natürlich wird der Super-GAU in der japanischen Literatur und Popkultur verarbeitet, wo etwa der ländliche Raum, der früher für Reinheit und heilende Kraft stand, nun plötzlich die Katastrophe repräsentiert. Doch auch konservative Deutungen sind en vogue, die eine neue Einheit von Mensch, Land und Kultur beschwören. Eine einigende Erzählung, die den Japanern neue Horizonte eröffnen würde, sucht man jedoch vergebens. Und das gestiegene Bewusstsein für Lebenssicherheit und Lebensmittelsicherheit, das einige Kommentatoren im Verhalten der Japaner nach 2011 ausmachen, ist zuwenig, um eine neue Katharsis zu bewirken.
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