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Aus: Ausgabe vom 16.03.2026, Seite 12 / Thema
US-Geschichte

Der Mob und sein Recht

Vorabdruck. Besser im Kampf gegen Ungerechtigkeit sterben als wie die Ratte in der Falle: Ida B. Wells-Barnetts gegen die rassistische US-»Lynchjustiz«
Von Jeanelle K. Hope, Bill V. Mullen
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Vorkämpferin gegen den »südlichen Horror«: Ida B. Wells-Barnett

Im Folgenden drucken wir aus dem Ende März im Kölner Papyrossa-Verlag erscheinenden Buch »Black Antifascism: Widerstand in den USA« eine mit freundlicher Genehmigung des Verlags redaktionell gekürzte Fassung des Kapitels »Der frühe schwarze Antifaschismus« ab.

Im Jahr 1892 schrieb der Abolitionist und Verfechter von Frauenrechten Frederick Douglass an die »mutige Frau« Ida B. Wells-Barnett und lobte sie für die kurz zuvor erfolgte Veröffentlichung von »South­ern Horrors: Lynch Law in All Its Phases«. Er überreichte ihr die sprichwörtlichen Blumen für ihre Pionierarbeit. In diesem Werk dokumentierte sie die Lynchmorde, die sich nach der Phase der Reconstruction im gesamten Süden der USA häuften, und deckte die wichtigsten Grundlagen der Gewalt und des rassistischen Terrors auf.

Eine Reihe schwarzer Historikerinnen und Feministinnen, darunter Paula Giddings, Mia Bay, Beverly Guy-Sheftall, Darlene Clark Hine, Brittney Cooper, Daina Berry und Kali Nicole Gross, haben schon seit langem Wells-Barnetts Leben und Werk als grundlegend für die Kampagne gegen Lynchjustiz im 20. Jahrhundert bezeichnet. Tatsächlich war Wells-Barnett die »Mutter der Anti-Lynchjustiz-Bewegung«. In seiner letzten Bemerkung in der Korrespondenz mit Wells-Barnett greift Douglass jedoch einen oft unterschätzten Aspekt ihres Schaffens auf: »Sogar das Verbrechen hat die Macht, sich selbst zu reproduzieren und Bedingungen zu schaffen, die seine eigene Existenz begünstigen.« Wells-Barnett dokumentierte nicht nur Lynchmorde, sondern deckte auch etwas noch Unheilvolleres auf.

Antischwarzer Faschismus

Mit Akribie spürte Wells-Barnett der Entwicklung vom ungeschriebenen Gesetz der Lynchjustiz bis hin zum sich herausbildenden formellen Rechtssystem nach und beschrieb, wie Gouverneure, Gefängniswärter und andere Ebenen der Strafverfolgungsbehörden die Umsetzung der »Lynchjustiz in Amerika« durch den weißen Mob unterstützten. Wells-Barnett verstand die Lynchjustiz als Teil eines größeren Apparats, der sowohl gerichtliche als auch außergerichtliche Elemente umfasste und ausdrücklich aus der Feindschaft gegenüber Schwarzen geboren wurde. Sowohl Douglass als auch Wells-Barnett sahen voraus, dass sich das entstehende Rechtssystem und die Lynchjustiz in der Ära der Reconstruction und darüber hinaus als große Herausforderungen erweisen würden.

Robin D. G. Kelley hat angemerkt, dass Cedric Robinsons »The Making of the Black Radical Tradition« eine Anerkennung des schwarzen und politischen Bewusstseins aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg beinhaltet. Dieses sah den Aufstieg des Faschismus voraus, und Kelley bezeichnet seine Protagonisten als »frühe Antifaschisten«.¹ Ausgehend von ihren eigenen Lebenserfahrungen erkannten Schwarze, dass sich die Fassade des Faschismus, der viele weiße Eliten und die Arbeiterklasse in seinen Bann zog, bald als antidemokratisch und als Variante der weißen Vorherrschaft entpuppen würde. Als eine autoritäre Monstrosität, deren Blick sich eines Tages von den Kolonien, Plantagen und schwarzen Gemeinschaften abwenden würde.²

Wells-Barnetts bahnbrechende Zeitungsberichterstattung in der Chicago Daily, dem Conservator, der Memphis Free Speech and Headlight (deren Miteigentümerin und Herausgeberin sie war) sowie ihre Mitwirkung bei der Gründung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) und der National Association for Colored Women sind oft die wichtigsten Anknüpfungspunkte für die Beschäftigung mit ihrem Leben als »Crusader for Justice« – »Vorkämpferin für Gerechtigkeit«. Wir sehen ihr Werk jedoch auch als einen frühen Aufruf gegen die Strategien und Taktiken des Faschismus. Sie war die erste schwarze Antifaschistin.

Lynchmorde sind eine von mehreren Gewalttechniken des Faschismus – damals wie heute. Wells-Barnett erkannte, dass es sich dabei nicht um isolierte Gewalttaten im Geist der weißen Vorherrschaft handelte, sondern um ein systematisches Vorgehen. Lynchmorde trugen dazu bei, Schwarzen ihre Bürgerrechte zu verweigern und ihr allgemeines Recht auf Teilhabe an der Demokratie zu unterdrücken. Die Androhung von Lynchmorden wurde damals als Waffe eingesetzt, um Schwarze bestenfalls in Unterwerfung und Sklaverei zurückzudrängen; schlimmstenfalls war es das Mittel zu ihrer systematischen Ausrottung.

Antifaschistischer Alarm

In ihren Schriften analysiert Wells-Barnett die US-amerikanische Genealogie des Faschismus bereits Jahrzehnte vor der offiziellen Einführung des Begriffs durch Benito Mussolini. Mit ihrer Zeitung, mit Flugblättern, Lobbyarbeit bei der US-Bundesregierung und einer internationalen Vortragsreise bot sie Argumente an, um der Ausblendung des Phänomens der »Strange Fruit«, der »seltsamen Frucht«, aus der nationalen und internationalen Presse entgegenzuwirken. Sie war fest davon überzeugt, dass »der Weg, Unrecht zu korrigieren, darin besteht, das Licht der Wahrheit darauf zu richten«.

In »A Red Record«, Wells-Barnetts Nachfolgewerk zu »Southern Horrors«, brachte Wells-Barnett die frühe Saat des Faschismus, die im Ausland gesät wurde, mit dem in Verbindung, was Schwarze im US-amerikanischen Süden lange Zeit ertragen mussten. Sie forderte: »Sicherlich wird der humanitäre Geist dieses Landes, der die Behandlung der russischen Juden, der armenischen Christen, der werktätigen Armen Europas, der sibirischen Exilanten und der einheimischen Frauen Indiens anprangert, sich nicht länger weigern, seine Stimme zu diesem Thema (Lynchmorde) zu erheben.«³

Wells-Barnett sah eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem, was im US-amerikanischen Süden geschah, und den Pogromen gegen die russischen Juden sowie anderen »ethnischen Säuberungen« und Völkermorden, die Teile Europas und Asiens heimsuchten. Ihre Ausführungen trugen dazu bei, die internationale Aufmerksamkeit auf diese Terrorakte zu lenken. Sie wies nach, dass diese nicht im luftleeren Raum stattfanden, sondern von einem Geflecht sich überschneidender autoritärer, religiöser sowie die weiße Vorherrschaft verteidigender politischer Kräfte innerhalb des Staates beeinflusst waren.

In dieser Hinsicht stellt Wells-Barnetts Fundus der Gegenerzählungen eine der ersten großen Strategien des schwarzen Antifaschismus dar: den sprichwörtlichen Alarm zu schlagen, um andere vor dem Aufstieg des Faschismus zu warnen.

Um die Jahrhundertwende war Wells-Barnett in verschiedenen Frauenklubs der schwarzen Bevölkerung sehr bekannt und einflussreich. Viele von ihnen griffen auch ihre Anti-Lynch-Kampagne als maßgebliche Initiative auf. Schwarze Frauengruppen wie die Neighborhood Union in Atlanta, Georgia, bauten auf ihrem analytischen Ansatz auf, dokumentierten örtliche Lynchmorde und nutzten diese Aufzeichnungen für ihre Lobbyarbeit gegenüber der US-Bundesregierung, um eine Strafverfolgung dieser extralegalen Verbrechen zu erreichen. Darüber hinaus benannten die Black Women’s Clubs und Wells-Barnett zu Recht geschlechtsspezifische Gewalt sowie Frauen- und Schwarzenfeindlichkeit als wesentliche Merkmale des antischwarzen Faschismus.

Gegen die »Lynchjustiz«

Im Februar 1898 wurden Frazier Baker, der Postmeister von Lake City in South Carolina, und seine Tochter gelyncht. Wells-Barnett verstärkte ihre Strategie, Gegendarstellungen in lokalen Zeitungen zu veröffentlichen und in Broschüren zu verbreiten. Sie nutzte diese Materialien als Beweise dafür, die US-Bundesregierung zum Erlass eines Gesetzes zu bewegen, das Lynchmorde unter Strafe stellte. Diese Strategie, sich direkt an US-Präsidenten und Kongressabgeordnete zu wenden, wurde über ein Jahrhundert lang fortgesetzt und größtenteils von schwarzen Frauen initiiert. Darüber hinaus wandten sich nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn der Black-Lives-Matter-Bewegung schwarze Antifaschisten wie William Patterson an internationale Regierungsgremien, um ähnliche Sanktionen zu fordern.

Als der Fall Baker Aufmerksamkeit erregte, wandte sich Wells-Barnett im April 1898 über die Cleveland Gazette direkt an den damaligen US-Präsidenten William McKinley: »Seit fast zwanzig Jahren werden Lynchmorde, die mit den Greueltaten in Armenien und Kuba vergleichbar sind, von dieser christlichen Nation begangen und geduldet. Nirgendwo sonst in der zivilisierten Welt – außer in den Vereinigten Staaten von Amerika – gehen Männer, die über alle zivilen und politischen Machtbefugnisse verfügen, in Gruppen von 50 bis 5.000 Personen auf die Jagd, um einen einzelnen, unbewaffneten und absolut machtlosen Menschen zu erschießen, zu erhängen oder zu verbrennen. Statistiken zeigen, dass in den letzten 20 Jahren fast 10.000 amerikanische Bürger gelyncht wurden. Auf unsere Forderungen nach Gerechtigkeit lautete die stereotype Antwort, dass sich die Regierung nicht in eine Angelegenheit der Bundesstaaten einmischen könne. Der Fall von Postmeister Baker war jedoch eine Angelegenheit des Bundes. Er starb bei der Verteidigung der Ehre seines Landes, genauso wie jeder Soldat auf dem Schlachtfeld.«⁴

Für Wells-Barnett stellte der antischwarze Faschismus ein globales Phänomen dar, da sie erneut Vergleiche zu den Greueltaten in Armenien, Italien und anderen Ländern anstellte und es als verwerflich bezeichnete, dass die USA Lynchmorde im Ausland verurteilten, während sie diejenigen im Süden des eigenen Landes ignorierten. Diese Einstellung manifestierte sich ebenfalls im Aktivismus von Mary McLeod Bethune, die eine Zeitgenossin von Wells-Barnett war und eine tatkräftige Kämpferin der schwarzen Frauenklubs, Humanistin und wegweisende Pädagogin. Sie »vertrat die Auffassung, dass Menschenrechte zu Hause beginnen«, war überzeugt, dass »Rassismus und Sexismus nationale Grenzen überschreiten«, und sie »sah in einer internationalistisch ausgerichteten Denkweise den Weg zu Solidarität, Gerechtigkeit und Freiheit für schwarze Frauen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Vereinigten Staaten«.⁵

Bethune war keineswegs eine so radikale Linke wie die schwarzen Kommunistinnen jener Zeit, beispielsweise Claudia Jones oder Grace P. Campbell. Sie gehörte zu einer Gruppe schwarzer Frauen aus der Mittelschicht, die das »Ideal« schwarzer Weiblichkeit definierten und damit den Grundstein für die von Evelyn Brooks Higginbotham beschriebene »Politik der Respektabilität« legten.⁶ Bethunes Auffassung von schwarzer Weiblichkeit verschaffte ihr Zugang zu nationalen und internationalen Machtstrukturen, darunter eine Freundschaft mit der First Lady Eleanor Roosevelt sowie die Mitarbeit in einer US-Delegation, die die Vereinten Nationen ins Leben rief. Auf nationaler Ebene war Bethune eine leidenschaftliche Verfechterin der Demokratie, deren Verheißungen, wie sie erkannt hatte, niemals auf die schwarze Bevölkerung ausgeweitet worden waren. Auf internationaler Ebene schloss sie sich im Gründungsprozess der Vereinten Nationen anderen schwarzen Delegierten wie W. E. B. Du Bois an, der »den Kolonialismus mit Jim Crow und Amerikas Kampf gegen den Faschismus mit dem Kampf gegen den Rassismus im eigenen Land verband«.⁷

Allerdings unterschied sich Bethune in bezug auf Geschlechterpolitik häufig von ihren schwarzen männlichen Kollegen. Sie beklagte die ausschließlich Weißen und/oder Männern zustehenden gesellschaftlichen Bereiche und setzte sich für die ausdrückliche Einbeziehung schwarzer Frauen ein. Sie ging sowohl die Feindlichkeit gegenüber schwarzen Frauen (Misogynoir) als auch den antidemokratischen Charakter der USA – den Anti-Black Fascism – frontal an. Ihre Arbeit ist auch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie spätere schwarze Feministinnen zu der Erkenntnis gelangten, dass Faschismus »Frauen herabwürdigt«. Wie Michael O. West es formulierte: »Der Kampf gegen Imperialismus, Rassismus und Faschismus überschneidet sich weltweit, und die afroamerikanische Aktivistin stand als vielschichtige Figur mittendrin und kämpfte auch gegen das Patriarchat.«⁸

Radikaler als der Rest

Obwohl Wells-Barnetts Appell an US-Präsident McKinley erfolglos blieb, gab es über Jahrzehnte hinweg ähnliche Appelle aus verschiedenen Teilen des Landes an den US-Kongress und an zukünftige Präsidenten. Sie wurden größtenteils von Organisationen schwarzer Frauen verfasst. Wie die schwarzen Historikerinnen Mia Bay und Brittney Cooper in ihren Arbeiten dokumentieren, war Wells-Barnett maßgeblich an der Entwicklung der Bewegung der Frauenklubs beteiligt. Sie half bei der Gründung mehrerer regionaler und lokaler Organisationen, darunter der Alpha Suffrage Club und der bereits erwähnte Ida B. Wells Woman’s Club. Im Jahr 1896 gründete sie gemeinsam mit Mary Church Terrell, Frances Watkins Harper, Harriet Tubman und anderen die National Association of Colored Women mit der Mission »Lifting as We Climb«.

Diese Organisationen waren weit mehr als nur gesellige Freizeitvereine, obschon sie häufig Vorstellungen von schwarzem Elitismus vertraten sowie Respektabilität einforderten. Viele dieser Organisationen waren stark von der frühen Integrations- und Assimilationspolitik bedeutender Vertreter der Schwarzen des 20. Jahrhunderts, wie Du Bois oder Booker T. Washington, beeinflusst.

Das brachte Wells-Barnett, die radikaler war als ihre männlichen Kollegen, oft mit einigen von ihnen in Konflikt. Während ihre Mitstreiter im Rahmen der Gesetze agierten, sich an die Gerichte wandten oder, wie Bethune, die internationale Diplo­matie nutzten, hatte Wells-Barnett kein Problem damit, die Weißen im Süden als »gesetzlose Lügner« zu bezeichnen und Vorschläge zur Rassenintegration zu verurteilen.

Sie war auch eine Befürworterin der bewaffneten Selbstverteidigung. Nach dem Lynchmord an den drei Betreibern des Lebensmittelladens People’s Grocery kaufte sie sich eine Pistole und forderte andere auf, es ihr gleichzutun. Leidenschaftlich erklärte sie: »Lieber stirbt man im Kampf gegen die Ungerechtigkeit, als wie ein Hund oder eine Ratte in einer Falle zu sterben.«⁹ Auch hier agierte Wells-Barnett als eine »frühe« schwarze Antifaschistin und nahm damit die Selbstverteidigungsstrategien späterer schwarzer Antifaschisten, wie Robert F. Williams oder der Black Panther Party, vorweg.

Trotz dieser unterschiedlichen Ansichten war der Einfluss von Wells-Barnett unbestreitbar. Im Jahr 1918 war die Anti-Lynchjustiz-Bewegung in vollem Gange, und die Bemühungen schwarzer Frauen, sich beim US-Kongress für ihre Anliegen einzusetzen, zeigten erste Erfolge. Lugenia Burns Hope und andere schwarze Frauen, die der in Atlanta ansässigen Neighborhood Union angehörten – einem Verein schwarzer Frauen, der sich hauptsächlich aus den Ehefrauen von Lehrkräften der in der Nähe gelegenen Historically Black Colleges and Universities (HBCU) zusammensetzte – prangerten beim US-Kongress erneut die herrschenden Zustände an. Sie argumentierten, dass Lynchmorde »schlimmer als das Preußentum« seien und die Gesetzlosigkeit des Lynchmords das Vertrauen in die Gerechtigkeit sogenannter demokratischer Institutionen untergrabe.¹⁰

Sie erklärten: »Wir sind die einzige Gruppe des amerikanischen Volkes, die loyaler ist als alle anderen, aber dennoch Diskriminierung, Demütigung und Missbrauch ausgesetzt ist. In großen patriotischen und humanitären Bewegungen, in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie in Dienststellen der Bundesbehörden wird uns eine Behandlung zuteil, die demütigend, entmenschlichend und höchst verwerflich ist.« Mit dem Brief forderte die Neighborhood Union das Wahlrecht sowie die Einführung von Strafgesetzen gegen die Lynchmorde und vereinte damit die beiden wichtigsten Initiativen der Bewegung der schwarzen Frauenklubs.

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Die Ida B. Wells Homes, eines der ältesten Housing-Projekte in Chicago, wurden erst zwischen 2002 und 2011 abgerissen (Foto von Mai 1973)

Später im Jahr 1918 legte der Abgeordnete Leonidas Dyer aus Missouri dem US-Kongress den ersten Gesetzentwurf gegen Lynchmorde vor, der »Dyer Bill« genannt wurde. Dyer vertrat eine Community in St. Louis, die an die überwiegend von Schwarzen bewohnte Industriestadt East St. Louis im US-Bundesstaat Illinois grenzte. Dyers Gesetzentwurf war eine direkte Reaktion auf einen sogenannten Race Riot (Rassenaufstand) im Sommer zuvor sowie auf die jahrzehntelange Lobbyarbeit von Wells-Barnett, den schwarzen Klubfrauen, der sich gründenden NAACP und anderen Kräften. East St. Louis war ein wichtiger Siedlungsort für Schwarze, die zu Beginn der Great Migration aus dem Süden flohen. Viele von ihnen fanden in den dortigen Fabriken Arbeit. Während des Sommers 1917 waren die rassistischen Spannungen hoch, da streikende weiße Arbeiter durch schwarze Arbeiter ersetzt wurden.

Das Pogrom von St. Louis

Im Juli kam es schließlich zum Eklat. Drei Tage lang wurde die Stadt East St. Louis von einem weißen Mob verwüstet, der von Polizei und Militär unterstützt wurde. In den frühen Morgenstunden des Massakers wurden Häuser niedergebrannt, beschossen und schwarze Bürger auf dem Weg nach Hause aus Straßenbahnen gezerrt und zusammengeschlagen. Viele suchten ihr Heil in der Flucht aus der Gemeinde, doch die örtliche Polizei sperrte eine nahegelegene Brücke und schnitt den Menschen so den Fluchtweg ab. In ihrer Verzweiflung versuchten einige, den Mississippi zu durchschwimmen, wobei mehrere der Flüchtenden ertranken. Ein lokaler Reporter bezeichnete das Ereignis als »eine Menschenjagd, die wie ein Sport betrieben wurde«. Er enthüllte, dass sich die Parole »Schnappt euch einen Nigger« in der Menge des weißen Mobs verbreitete und die schwarzen Einwohner der Stadt massakriert wurden.¹¹ Mehr als hundert schwarze Männer, Frauen und Kinder wurden getötet, und die gesamte Stadt wurde in Schutt und Asche gelegt. W. E. B. Du Bois bezeichnete die Szenen als »Pogrom«.¹²

Race Riots stellten eine Weiterentwicklung der Lynchmorde dar. Als weit fortgeschrittene Methode faschistischer Gewalt erreichten sie ihren Höhepunkt in den 1910er und 1920er Jahren. Die Entwicklung verdeutlicht, dass es sich bei den Lynchmorden tatsächlich um Völkermord handelte, da ganze Gemeinschaften schwarzer Menschen getötet wurden. Harry Haywood, ein einflussreicher schwarzer Kommunist, bezeichnete den Race Riot von Chicago im Jahr 1919 sowie die allgemeine Ungleichbehandlung schwarzer Menschen in der Stadt später als »Holocaust«.¹³ In diesem Zeitraum widmeten sich bedeutende schwarze Aktivisten und Denker der Erweiterung des Wells-Barnett-Archivs, das sich mit der Gewalt der Lynchmorde und der Verschwörung der Lynchjustiz befasst. Darüber hinaus wurde von ihnen eine spezifische Sprache verwendet, um ihr Engagement als »frühe schwarze Antifaschisten« zu signalisieren. Diese Sprache, die Begriffe wie Holocaust und Pogrom beinhaltete, wurde später dazu verwendet, die Greueltaten des europäischen Faschismus ausdrücklich hervorzuheben.

Die im Dyer Bill vorgeschlagene Gesetzgebung wurde schnell zum Hebel der Anti-Lynchjustiz-Bewegung. Zahlreiche schwarze Aktivisten sahen in dem Gesetzentwurf nicht nur die Möglichkeit, die Gewalt weißer Mobs zu ahnden, sondern sahen ihn auch als Mittel, autoritäre Regierungen der US-Bundesstaaten und lokale Strafverfolgungsbehörden, die mit den Mobs kollaborierten, zur Rechenschaft zu ziehen. Damit sollte dem antischwarzen Faschismus ein schwerer Schlag versetzt werden. In dem zuvor angeführten Schreiben der Neighborhood Union wiesen die Mitglieder auf die Race Riots sowohl in East St. Louis als auch in Houston im Jahr 1917 hin und führten aus: »Es ist nicht möglich, zu ignorieren, dass weiße Soldaten, die für die Tötung unserer schwarzen Brüder und Schwestern in East St. Louis verantwortlich waren, nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Es kann ebenso wenig ignoriert werden, dass unsere schwarzen Brüder, die weiße Bürger in Houston massakriert haben, die schmachvollste Strafe erhalten haben, die in diesem Land einem Mann in Uniform auferlegt werden kann.«

Im Jahr 1922, als die Mitgliederzahlen des Ku-Klux-Klans und die Aktivitäten des weißen Terrorismus explosionsartig anstiegen, scheiterte der Entwurf zum Dyer-Gesetz im Senat, nachdem er von den Südstaatendemokraten mittels einer Filibuster­debatte blockiert worden war. Später wurden ähnliche Vorlagen wie jene für das Wagner-Costigan-Gesetz von 1935 mit dem gleichen Ziel vorgelegt, schwarze Menschen vor Gewalt durch weiße Mobs und staatlich sanktionierter Gewalt zu schützen.

Lynchmorde heute

Mehr als ein Jahrhundert nach den Ereignissen von Memphis, bei denen Wells-Barnetts Freunde gelyncht wurden, verabschiedete der US-Senat im Jahr 2022 endlich ein Gesetz, das Lynchmorde unter Strafe stellt: den Emmett Till Antilynching Act. Trotz der Verabschiedung dieses Gesetzes kommt es weiterhin zu Lynchmorden, viele davon in Form von staatlich sanktionierter Polizeigewalt gegen Schwarze. Wells-Barnett erkannte, dass, wenn die Strafverfolgungsbehörden nicht handelten, es der Mob tun würde – und umgekehrt –, wodurch eine symbiotische Verbindung zwischen beiden entstand. Diese heimtückische Beziehung hat sich bis in die Gegenwart noch verstärkt. Staatliche Kontrollgremien und investigative Journalisten haben detailliert aufgezeigt, wie die Reihen der Strafverfolgungsbehörden in den letzten zwanzig Jahren zunehmend von Rechtsextremen und Neonazis unterwandert wurden. Dies deutet darauf hin, dass der antischwarze Faschismus nach wie vor sehr lebendig und aktiv ist.

In dem 2012 erschienenen Bericht »Operation Ghetto Storm« liefern Kali Akuno, Mitbegründer von Cooperation Jackson, einem Netzwerk radikaldemokratischer Genossenschaften, und Mitglieder des Malcolm X Grassroots Movement, einen detaillierten Bericht über die »extralegalen Tötungen von 313 Schwarzen durch Polizei, Sicherheitspersonal und Bürgerwehren«. Sie argumentieren: »Wie zu Zeiten der Lynchmorde gibt es auch heute keinen geschützten Zufluchtsort«; sie verurteilen dieses Phänomen als eine Epidemie »moderner Lynchmorde«, die von einigen als systematischer Völkermord bezeichnet wird.¹⁴

Die Ermordung von Michael Brown jr. durch den Polizeibeamten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, im Jahr 2014 war ein wichtiger Auslöser für Black Lives Matter. So wie sich der antischwarze Faschismus seit der Phase der Reconstruction und den Race Riots der 1910er Jahre weiter entfaltet hat, so hat sich auch die Tradition des schwarzen Antifaschismus weiterentwickelt, und ein großer Teil des Verdienstes dafür gebührt der Pionierarbeit von Ida B. Wells-Barnett.

Anmerkungen:

¹ Vinson Cunningham: The Future of L.A. Is Here. Robin D. G. Kelley’s Radical Imagination Shows Us the Way, Los Angeles Times, 17.3.2021

² Robin D. G. Kelley: Births of a Nation, Redux. Surveying Trumpland with Cedric Robinson, Boston Review, 5.11.2020

³ Jacqueline Jones Royster (Hg.): Ida B. Wells-Barnett: Southern Horrors and Other Writings. The Anti-Lynching Campaign of Ida B. Wells, 1892–1900. Boston 1996, S. 148

Cleveland Gazette, 9.4.1898. Abgedruckt in Herbert Aptheker (Hg.): A Documentary History of the Negro People in the United States, Bd. 2. New York 1970, S. 798

⁵ Keisha Blain and Tiffany Gill (Hg.): To Turn the Whole World Over: Black Women and Internationalism. Urbana 2019, S. 194, 199, 206

⁶ Evelyn Brooks Higginbotham: Righteous Discontent. The Women’s Movement in the Black Baptist Church, 1880–1920. Cambridge 1994

⁷ Blain and Gill: To Turn the Whole World Over (Anm. 5), S. 198

⁸ Ebd., S. 263

⁹ Ida B. Wells: Crusade for Justice. The Autobiography of Ida B. Wells. Chicago 2020

¹⁰ Neighborhood Union: Anti-lynching Statement to the President, the Cabinet, the Congress of the United States, the Governors and Legislators of the Several States of the United States of America, 1.3.1918, Neighborhood Union Collection, Atlanta University Center Robert W. Woodruff Library, Atlanta, GA

¹¹ Allison Keyes: The East St. Louis Race Riot Left Dozens Dead, Devastating a Community on the Rise, Smithsonian Magazine, 30.6.2017

¹² Chad Williams: World War I in the Historical Imagination of W. E. B. Du Bois, in: Modern American History (März 2018)

¹³ Harry Haywood: A Black Communist in the Freedom Struggle. Minneapolis 2012

¹⁴ Malcolm X Grassroots Movement and Every 36 Hours Campaign: Operation Ghetto Storm. 2012 Annual Report on Extrajudicial Killings of 313 Black People by Police, Security Guards, and Vigilantes (2013), S. 20

Jeanelle K. Hope u. Bill V. Mullen: Black ­Antifascism. Widerstand in den USA. Aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Heiser. Köln: Papy-Rossa 2026, 311 Seiten, 24 Euro

Am 22. März wird das Buch mit dem Übersetzer Jürgen Heiserauf der Leipziger Buchmesse vorgestellt.

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