Unterlassene Hilfeleistung
Von Jürgen Heiser
Erneut erreicht uns aus den USA die Nachricht, dass sich der US-Bürgerrechtler und politische Gefangene Mumia Abu-Jamal in einem besorgniserregenden gesundheitlichen Zustand befindet. Es geht um die längst überfällige Behandlung seiner schweren Augenerkrankung, die zum »irreversiblen Verlust seines Augenlichts« führen könne, wie Noelle Hanrahan von Prison Radio bereits 2025 warnte. Der Augenarzt, von dem der 71jährige damals wegen seines Grauen Stars am linken Auge behandelt wurde, hatte dabei seine fortschreitende Erkrankung an diabetischer Retinopathie und einem aggressiven Glaukom festgestellt und seine sofortige Behandlung durch einen Netzhautspezialisten gefordert.
Seitdem ist schon wieder über ein halbes Jahr vergangen, und nichts ist geschehen. So war es bereits 2025. Mumia war monatelang »praktisch unfähig zu lesen, unfähig zu schreiben, unfähig, mehr als den Titel einer Zeitung zu erkennen«, wie er selbst im August offenbarte. Dass dann sein Sehvermögen wenigstens auf einem Auge wiederhergestellt wurde, war dem damaligen öffentlichen Druck zu verdanken, den die Solidaritätsbewegung auf die Justiz ausübte. An jedem Tag ohne fachärztliche Behandlung erhöht sich seitdem das Risiko der Erblindung.
Mumia sei jemand, »der nicht nur über die hässlichsten Seiten dieses Landes schreibt, sondern sie auch jeden Tag selbst erlebt«, schrieb Dave Zirin zu seinem Interview mit dem Ex-Black-Panther im Juni 2025 im Musikmagazin Rolling Stone und meinte die Gefängniszellen, in denen Mumia seit Dezember 1981 eingesperrt ist.
Für die permanente Unterlassung medizinischer Behandlung, die ihn bereits 2015 fast das Leben gekostet hätte, sind aktuell zwei Personen direkt verantwortlich. Zum einen Staatssekretärin Laurel R. Harry, die 2023 vom demokratischen Gouverneur Joshua Shapiro zur Leiterin der Gefängnisbehörde Pennsylvania Department of Corrections (PADOC) ernannt und einstimmig vom Senat Pennsylvanias bestätigt wurde. Während ihrer Karriere war die promovierte Strafjuristin in sechs Haftanstalten tätig, davon zehn Jahre lang als Anstaltsleiterin des berüchtigten Staatsgefängnisses SCI Camp Hill nahe der Hauptstadt Harrisburg.
Die zweite Verantwortliche ist Bernadette Mason, Leiterin des Staatsgefängnisses Mahanoy, in dem Mumia seine lebenslange Haft absitzt. Von ihr berichtete der Prison-Radio-Knastkorrespondent Derrick Gibson im Mai 2021, sie und ihr Team praktizierten seit langem »übermäßige Gewaltanwendung und Vergeltungsmaßnahmen« gegenüber Häftlingen, das beinhalte auch »die Verweigerung angemessener medizinischer Versorgung«. Darüber hinaus herrsche unter Mason »eine Kultur des Schweigens und der Einschüchterung«.
Harry und Mason sind zudem verantwortlich für den privaten Dienstleister Wellpath (dt. etwa »gesunder Weg«), der auch in Pennsylvanias Knästen die Krankenstationen wirtschaftlich betreibt. Die Machtfülle dieses Unternehmens lässt sich an seiner Selbstdarstellung ablesen. Wellpath biete mit »rund 8.000 Fachkräften in Haftanstalten von 37 US-Bundesstaaten medizinische und psychologische Gesundheitsversorgung« an und versorge dort »täglich fast 200.000 Patienten«.
Wie diese »Versorgung« aussieht, hat nicht nur Mumia Abu-Jamal über die Jahre erfahren müssen, dessen Beschwerden regelmäßig vernachlässigt wurden. In seiner aktuellen jW-Kolumne schreibt er von den »schweren gesundheitlichen Probleme« seines Genossen Kamau Sadiki, der »teilweise erblindet« ist.
Beide teilen das Los Tausender älterer Mitgefangener, deren Anzahl unter den über zwei Millionen zu langen Strafen verurteilten Menschen im US-Gefängnissystem ständig wächst. Durch die ständige medizinische Unterversorgung erkranken die meisten chronisch und werden körperlichen und geistigen Invaliden. Da das US-Justizsystem kaum Gnadenakte aus humanitären Gründen kennt, betrifft diese äußerst prekäre Lage der älter werdenden Gefangenen heute nicht mehr nur die Veteranen revolutionärer Bewegungen, sondern alle Opfer der Masseninhaftierungen der letzten drei Jahrzehnte. Die vorwiegend schwarzen, hispanischen und indigenen Häftlinge werden als moderne Sklaven in den lukrativ arbeitenden Knastfabriken des gefängnisindustriellen Komplexes in der Landwirtschaft, beim Straßenbau und der Brandbekämpfung der »Wildfires« infolge des Klimawandels ausgebeutet und müssen schuften, bis sie umfallen. Die US-Abolitionistenbewegung fordert vor dem UN-Menschenrechtsausschuss regelmäßig die Freilassung aller inhaftierten kranken und schwachen Senioren.
Inmitten der allgemeinen Niedertracht »dieser Bestie«, wie Mumia das US-Imperiums im Rolling Stone nennt, die derzeit im Nahen Osten und gegen das progressive Lateinamerika wütet, geht es jetzt kurzfristig darum, sich schützend vor den bedrohten Revolutionär zu stellen und gemeinsam »unsere Stimmen zu erheben«, wie es Jennifer Black von Prison Radio fordert: »Wir bitten die solidarische Öffentlichkeit, wieder massenhaft Anrufe, E-Mails und Briefe an das Staatsgefängnis SCI Mahanoy und die Staatssekretärin des PADOC zu richten.« Wenn der Kapitalismus »Gangstertum auf globaler Ebene« ist, »dem man entgegentreten muss«, so Mumia im Rolling Stone, dann ist es an der Zeit, denen entgegenzutreten, die ihm für seine offenen Worte nun außer seiner Freiheit auch noch den klaren Blick auf die Verhältnisse nehmen wollen.
Aktionsaufruf
»Die Uhr tickt«
Jennifer Black von Prison Radio übermittelte junge Welt einen neuen, dringenden Aufruf der Solidaritätsbewegung für den politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal. Ziel ist, die Verantwortlichen der zuständigen Gefängnisbehörde, dem Pennsylvania Department of Corrections (PADOC), und der Anstaltsleitung des Staatsgefängnisses SCI Mahanoy in die Pflicht zu nehmen, Mumia die benötigte medizinische Behandlung zu ermöglichen. Schon mehrfach hat es Wirkung gezeigt, möglichst viele Anrufe zu tätigen und E-Mails sowie Briefe zu senden und so Druck zu erzeugen. Die Behandlung von Mumias schwerer Augenerkrankung durch externe Spezialisten ist überfällig. Andernfalls könnte er auf Dauer erblinden.
Anrufen oder Brief schreiben:
Anstaltsleiterin des SCI Mahanoy Superintendent Bernadette Mason: Fon 001-570-773-2158
Superintendent Bernadette Mason, SCI Mahanoy, 301 Grey Line Drive, Frackville PA 17931, USA
Anrufen oder E-Mail schreiben:
Staatssekretärin des PADOC, Secretary Dr. Laurel R. Harry: Fon 001-717-728-2573 (oder -4109)
E-Mail an PADOC Secretary Dr. Laurel R. Harry: ra-crpadocsecretary@pa.gov
Vorschlagtext (Englisch) für diese Adressaten:
Mrs Laurel R. Harry (alternativ: Mrs Bernadette Mason),
I am writing to express my deep concern regarding the health of Mr. Mumia Abu-Jamal (AM-8335 / SCI Mahanoy). Although his vision has been partially restored after the removal of his secondary cataracts, he is still not receiving specific treatment for his very serious retinal condition and active glaucoma, both of which could cause him to go blind. He also needs to be examined for new glasses and, due to his congestive heart disease, he needs a heart-healthy diet, filtered water and regular exercise, indoors and out.
I would therefore urge you to do everything in your power to resolve this situation quickly.
Yours sincerely,
(Name, City, Country)
Deutsche Übersetzung:
Mrs Laurel R. Harry / Mrs Bernadette Mason,
ich schreibe Ihnen, um meine tiefe Besorgnis über den Gesundheitszustand von Mr Mumia Abu-Jamal (AM-8335 / SCI Mahanoy) zum Ausdruck zu bringen. Obwohl sein Sehvermögen nach der Entfernung des Grauen Stars teilweise wiederhergestellt wurde, erhält er immer noch keine spezifische Behandlung für seine schwere Netzhauterkrankung und sein aktives Glaukom, die zu seiner Erblindung führen könnten. Er benötigt außerdem eine neue Brille und aufgrund seiner Herzinsuffizienz eine herzgesunde Ernährung, gefiltertes Wasser und regelmäßige körperliche Bewegung, sowohl drinnen als auch draußen.
Ich möchte Sie daher dringend bitten, alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, um diese Situation schnellstmöglich zu lösen.
Mit freundlichen Grüßen,
(Name, Stadt, Land)
(jh)
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