»Man kann uns nicht einfach vernichten«
Von Michael Koch
Anfang 2025 berichtete jW über die Haftentlassung des nahezu 50 Jahre lang inhaftierten indigenen politischen Gefangenen Leonard Peltier. Weltweit freuten sich Millionen Menschen mit dem 80jährigen Aktivisten des American Indian Movement – Mitkämpfer und dessen Familie, auch in Deutschland. Aufgrund der Artikel spendeten viele Leser dieser Zeitung für die weitere medizinische und rechtliche Unterstützung Peltiers, wofür er sich immer wieder bedankt. Im Sommer 2025 besuchten wir Peltier in seinem neuen Zuhause in der Turtle Mountain Reservation. Anlässlich des ersten Jahrestages der Haftentlassung in den Hausarrest am 20. Februar baten wir ihn um ein weiteres Interview. Wegen des tragischen Todes seiner Tochter Mitte Februar mussten wir das Gespräch um einige Tage verschieben.
Am 20. Februar 2025, kurz vor Donald Trumps Amtseinführung als 47. Präsident, gab der scheidende Präsident Joseph Biden öffentlich bekannt, dass er Sie im Rahmen einer Strafmilderung aus dem Gefängnis in den Hausarrest entlassen würde. Wie haben Sie sich dabei gefühlt, dass Sie nicht auch vollständig rehabilitiert wurden?
Wie ich mich dabei gefühlt habe? Zum einen ist es millionenmal besser als die Gefängniszelle. Aber das wichtigste von allem ist, dass ich meine Familienmitglieder wiedersehen konnte. Ich habe noch nicht alle getroffen. Ich habe nicht die Mittel, meine Angehörigen, die Enkelkinder zu mir kommen zu lassen. Aber wir sprechen miteinander, wann immer sie anrufen. Und es ist soviel besser, es ist soviel einfacher für mich, wieder am Leben teilhaben zu können. Ich muss zugeben, nach 49 Jahren im Gefängnis war ich in einer Verfassung, in der es mir egal war, ob ich noch einen Tag weiterlebe.
Gehen wir ein Jahr zurück: 20. Februar, jener Tag, an dem sich die eisernen Türen des US-amerikanischen Gulags, wie Sie dies einmal bezeichnet haben, für Sie öffneten. Wie war es, als Sie nach 49 Jahren und zwölf Tagen aus dem Gefängnis herausgingen?
Ich hatte zwei verschiedene Gefühle. Einerseits konnte ich es nicht glauben, andererseits war ich begeistert und aufgeregt und fragte mich, ob das wirklich real war. Bin ich wirklich aus diesem Gefängnis herausgekommen? Ich bin Ihnen und Ihrer Organisation extrem dankbar für die Unterstützung, die Sie mir in den vergangenen 25 Jahren zuteilwerden ließen. Es hat mir geholfen, zu wissen, dass dort drüben jemand solche Anstrengungen unternimmt, um mich aus dem Gefängnis zu holen.
Die Menschen hier fragen uns immer wieder, wie Ihre aktuelle gesundheitliche Situation ist.
Ich war bei einer Reihe von Ärzten, und sie haben den guten Zustand meiner inneren Organe bescheinigt. Im Gefängnis hatten sie mir gesagt, dass mein Aortenaneurysma kurz davor stehe zu platzen. Sie stellten eine falsche Diagnose, und ich musste etwa zehn Jahre lang mit der Sorge leben, dass ich jede Minute sterben könnte. Das war eine enorme Belastung. Ich habe seit mehr als zehn Jahren Diabetes. Das hat dazu geführt, dass meine Netzhaut im linken Auge gerissen ist und ich dort 80 Prozent meiner Sehkraft verloren habe.
Sie bekommen viel Besuch, auch von Medienvertretern. John Densmore, der Drummer der »Doors«, war bei Ihnen und die frühere Innenministerin Deb Haaland.
Ja, das war sie. Sie kandidiert gerade als Gouverneurin in New Mexico und liegt in den Umfragen weit vorne. Wir setzen alles daran, dass sie mit einem Erdrutschsieg gewinnt. Wir müssen der US-Regierung die Botschaft senden, dass man uns als indigenes Volk nicht einfach vernichten kann. Wir kommen jetzt auf politischem Weg. Die Rechten versuchen, uns als Indigene auszulöschen, und wir müssen Widerstand leisten. Widerstand zeigt Wirkung. Wir müssen uns fragen, wie entschlossen wir sind, eine freie Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder zu sichern. Wenn wir nicht kämpfen, werden sie unter einem faschistischen System leben. Wir haben gesehen, was unter Hitler passiert ist. Wir müssen aus der Geschichte lernen, um zu verhindern, dass sich das wiederholt. Man muss bedenken, dass wir auf diesem Kontinent seit mehr als 500 Jahren Widerstand gegen die Besatzung und Diktatur leisten. Viele unserer Leute wurden dabei getötet. Wir haben aus diesen Lektionen gelernt. Wenn wieder Versuche zur Auslöschung unternommen werden, brauchen wir Ihre Hilfe. Wir hängen von der weltweiten Unterstützung ab. In Amerika haben wir Millionen von Unterstützern, die sicherstellen müssen, dass dieser Vernichtungsprozess nicht abgeschlossen wird. Die Linke lässt Menschen im Widerstand nicht im Stich.
Informationen und Spenden über Tokata-LPSG Rhein-Main e. V.
E-Mail: lpsgrheinmain@aol.com
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