Faules Ei des Tages: Naziverwechslung
Von Arnold Schölzel
Am Mittwoch veröffentlichte Die Zeit die Geschichte einer Frau, die im Sommer 2024 von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) entlassen wurde, weil sie Whitedate.net betreibe, eine Kuppelagentur für Neonazis, die »reinrassige« Kinder zeugen wollen. Das hätten damals das Bundesamt für Verfassungsschutz (VS) und dessen Berliner Filiale der HWR mitgeteilt. Laut Zeit war das falsch: Die Internetpuffmutter Christiane H., die Whitedate seit 2017 betrieb, hatte als Pseudonym den Namen der HWR-Assistentin Liv Heide gewählt, was den VS nach einer 2022 beginnenden Tiefenrecherche dazu brachte, beide für ein und dieselbe Person zu halten.
Am Donnerstag aktivierte das deutsche Mediengewerbe das bei öffentlichem Sichtbarwerden des VS vorgeschriebene Standardgejammer: »Panne« (T-Online, B. Z., Berliner Kurier), »Irrtum« (Spiegel) und schrieb unisono »Verwechslung«. Das Vokabular hat sich seit der VS-moderierten Doppelt- und Dreifacherschießung der beiden NSU-Uwes im Wohnwagen von Eisenach 2011 nicht geändert. Warum auch, wenn der VS-Schredder übriges erledigt? Wobei diesmal zu unterschlagen war: Whitedate gab es bis Ende 2025. Da wurde es beim Chaos-Computer-Club-Treffen mit allerhand Tamtam gehackt und gelöscht. Das Medienvölkchen hatte zudem mehrfach über den Naziporno berichtet, was der VS nicht mitbekommen konnte. Der hatte zu tun, nichts über Faschisten in der AfD zu finden.
Die echte Liv Heide gab eine eidesstattliche Erklärung ab, nicht die Nazi-Liv zu sein, und erstattete Anzeige. Der Berliner VS räumte ein, dass »eine dritte Person in diesem Zusammenhang mit dem Namen Liv HEIDE aufgetreten« sei. Aber da war die HWR-Stelle schon besetzt. Entschuldigt hat sich niemand. Außerdem hatte der VS seinen Hauptauftrag,»hoheitliche Verrufung«, wieder einmal erfolgreich erfüllt.
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