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Aus: Ausgabe vom 05.03.2026, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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»Kaum noch etwas übrig«

Zu jW vom 2.3.: »Erst einmal die Welt ­bewahren«

Günther Anders hat »Die Antiquiertheit des Menschen« seinem Vater gewidmet, daraus: »In Erinnerung an ihn, der den Begriff der Menschenwürde dem Sohne unausrottbar eingepflanzt hat, sind diese traurigen Seiten über die Verwüstung des Menschen geschrieben worden.« Als Anders seine Grußbotschaft an den Internationalen Vietnamkongress formulierte, war ich noch nicht ganz neunzehn Jahre alt und machte die ersten politischen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg und dem Kampf gegen die Notstandsgesetze. Heute muss ich erschüttert feststellen, dass bewusstseins- und bewegungsmäßig kaum noch etwas übriggeblieben ist aus dieser Zeit.

Gerhard Hanloser ist es hervorragend gelungen, die Bezüge zur heutigen Zeit aufscheinen zu lassen. Die Antisemitismuskeule hat damals noch nicht so funktioniert wie heute, war aber im Kern schon da. Klassenartiges Bewusstsein kam hie und da noch zum Vorschein, in den Gewerkschaften war noch bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts vom Interessengegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital die Rede. Dass er »unter Allergie gegen stereotype philosophische Schulausdrücke« litt, macht ihn für mich sehr sympathisch. Mehr von solchen Themen, wenn es die aktuelle Lage erlaubt!

Heinrich Hopfmüller, Stadum

Blick von der Bühne

Auf die Premiere von Elfriede Jelineks »Rechnitz (Der Würgeengel)« am Deutschen Nationaltheater Weimar waren wir sehr gespannt. Als erste Überraschung gab es nur einen Eingang zum Zuschauerraum, und wir wurden auf der Bühne plaziert und blickten in den Zuschauerraum. Durch unsere Sitzreihen auf der Bühne führte ein Gehweg von der hinteren Bühne zum eigentlichen Zuschauerraum. Aus diesem kamen die fünf Boten auf ihrem Podest, das als Bühne diente. Der Chor sang abwechselnd auf dem 2. Rang, dem Gehweg und auf dem Podest. Als Symbol gab es einen Erdhügel hinter dem Podest, der an die ermordeten 180 jüdisch-ungarischen Zwangsarbeiter auf Schloss Rechnitz im Burgenland Österreich erinnern soll.

Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee feierten die Gräfin Batthyány, Mitglieder der SS, örtliche Parteiprominenz und die Führer der Hitlerjugend im Schloss Rechnitz ein letztes großes Fest, das in der Ermordung von Zwangsarbeitern mündete. Sie wurden auf einem Acker nahe dem Tatort verscharrt, bis heute ist ihr Massengrab nicht gefunden. Die TäterInnen tauchten unter oder flohen. Die EinwohnerInnen von Rechnitz wollen vor allem eins: nicht erinnert werden!

Doch die fünf Boten machen auf dieses gesellschaftskritische Thema mit einer eindringlichen Sprechtheatercollage aufmerksam. Konkret geht es um das verdrängte Massaker, die Verlogenheit darüber, die Täter-Opfer-Verhältnisse und das Verschweigen, basierend auf dem realen, nie vollständig aufgeklärten Verbrechen.

Interessant die künstlerische Darstellung von Boten und Chor zeitweise als Pflanzen. Das ist eine Allegorie: Bilder mit verborgener Bedeutung. Wie Pflanzen brauchen Menschen, Wurzeln, Nahrung, Wasser und Licht, um zu gedeihen. Dieses Bild zeigt, dass Entwicklung Zeit braucht, Pflege erfordert und von der Umgebung abhängig ist. Der letzte Akt in der Jagdhütte, wo sich die Boten gegenseitig kannibalisieren, verbildlicht, wie unsere Welt durch den Kapitalismus aus den Fugen geraten ist. Die Menschen haben Angst vor Statusverlust, sind im gesellschaftlichen Überlebenskampf und verzehren sich quasi dabei gegenseitig.

Das Stück ist hochaktuell. AfD-Politiker Höcke bezeichnete in seiner Dresdner Rede 2017 vor seinen Anhängern das Holocaustmahnmal in Berlin als »Denkmal der Schande« und forderte eine Wende in der Erinnerungskultur um 180 Grad. Weiter kritisierte er die Erinnerungskultur und bezeichnete diese als eine Last, die Deutschland stark beeinträchtige.

»Rechnitz (Der Würgeengel)« zwingt zum Nachdenken, und deshalb empfehlen wir dieses Stück. Unser großer Dank gilt allen Mitwirkenden auf und hinter der Bühne.

Heidrun und Stanislav Sedlacik, Weimar

»Mit Brotkrumen abgespeist«

Zu jW vom 18.2.: »Blume will stillegen«

Die Linke und die IG Metall wollen den Kapitalismus erhalten. Sie sind gegen betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen. Jahrzehnte ist VW ein Staatskonzern mit sozialem Anstrich gewesen, wo sich Konzernchefs, Manager und Gewerkschaftsfunktionäre im Aufsichtsrat die Taschen gefüllt haben. Auf Kosten der Arbeiter natürlich, die man mit Brotkrumen abgespeist hat. Wann wachen die Arbeiter auf? Wenn sie arbeitslos sind und an die Front des nächsten Krieges geschickt werden? Wozu brauchen die Arbeiter eine IG Metall? Wozu brauchen alle Gewerkschaftsmitglieder den DGB, eine Organisation, die nur zur Erhaltung der Machtstrukturen des Kapitals da ist? Also für Krieg statt Frieden. Wer fordert endlich für solche Konzerne die Anwendung des Grundgesetzes, Artikel 14 (Enteignung/Entschädigung von Konzernen)? Wer sagt das laut in unserer bürgerlichen Demokratie!?

B. Schmidt, per E-Mail

Solidarität verschenken

Zu jW vom 12.2.: »Gewerkschafter für Kuba«

Mit großer Freude nahm ich den Beitrag von Kurt Terstegen zur Kenntnis. Deshalb, weil die konkreten Aussagen zu den gewerkschaftlichen Aktivitäten genauso zutreffend sind wie für den seit Jahrzehnten währenden solidarischen Kampf von Karibik Energie, kurz: Karen. Diese Unterstützung verlangt für die Stärkung der Energiebasis Kubas sehr viel Geld. Woher nehmen?

In unserem großen linken Freundeskreis hat sich eine bemerkenswerte Tradition herausgebildet, die bis heute am Leben ist. Hat einer Geburtstag, so bittet er seine Gratulanten anstelle von Blumen um Solidaritätsgelder für Kuba. Auf dem Geburtstagstisch steht dafür eine Sammelbüchse zur Sicherung der Anonymität. So konnte ich bereits vor circa zehn Jahren zu einem runden Geburtstag einen Beitrag von mehreren hundert Euro überweisen. Ich denke, eine Anregung für tätige Solidarität kommt nie zu spät.

Siegfried Mechler, Berlin

Der letzte Akt von ›Rechnitz (Der Würgeengel)‹ in der Jagdhütte, wo sich die Boten gegenseitig kannibalisieren, verbildlicht, wie unsere Welt durch den Kapitalismus aus den Fugen geraten ist.

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