Seeleute sitzen fest
Von Burkhard Ilschner
Seit Wochen hat sich abgezeichnet, dass Donald Trump und Benjamin Netanjahu in Kürze einen militärischen Angriff auf den Iran befehlen könnten. Aber in der internationalen Schiffahrt scheint das zunächst niemanden so recht interessiert zu haben: Im Persischen Golf und im Golf von Oman liegen nach Schätzungen des Infodiensts splash247.com in diesem Moment etwa 3.200 Schiffe mit mindestens 50.000 Seeleuten vor Anker. Überwiegend handelt es sich um Öl- und Gastanker, hinzu kommen viele Container- und Massengutschiffe – sie alle sind von ihren Reedereien nach dem Motto »business as usual« losgeschickt worden, als ob nichts zu befürchten wäre.
Am Dienstag erklärten Irans Revolutionsgarden die Meerenge von Hormus für gesperrt und kündigten Angriffe auf alle Schiffe an, die sie dennoch passieren sollten. Schon zu Kriegsbeginn hatten die USA »Seewarnzonen« gemeldet, in denen »gefährliche Militäroperationen« stattfinden könnten, so das Portal Hansa, sie seien »nach Möglichkeit« zu meiden. Bis Dienstag Mittag sind fünf Angriffe auf Handelsschiffe gemeldet worden. Auf einem Rohöltanker starb ein Besatzungsmitglied, bei Attacken auf einen unter US-Flagge fahrenden und mit US-Truppenversorgung betrauten Produktentanker im Hafen von Bahrain wurde ein Werftarbeiter getötet, es gab zwei Verletzte. Auf einem weiteren Tanker wurden vier von 20 Seeleuten verletzt, alle jedoch schließlich evakuiert. Das Joint Maritime Information Center (JMIC), vor zwei Jahren als Reaktion auf die Ansarollah-Angriffe im Roten Meer eingerichtet, unterstreicht, Handelsschiffe jeder Flagge oder Nationalität seien in den Golfgewässern »existentiellem Risiko« ausgesetzt.
Nun fordern mehrere Organisationen laut dem maritimen Informationsportal gcaptain.com – spät, aber immerhin – wortreich Schutz für Seeleute und zivile Schiffe. So mahnt etwa Joe Kramek vom World Shipping Council (WSC), Lobbyverband der internationalen Linienschiffahrt, die Sicherheit der Seefahrer sei »von größter Bedeutung«, Seeleute dürften nicht als Folge von Konflikten ins Visier genommen oder in Gefahr gebracht werden. Die International Chamber of Shipping (ICS), Lobbyorganisation globaler Schiffseigner, hat gemeinsam mit den Reederverbänden der EU und der Asian Shipowners’ Association (ASA) in einer gemeinsamen Erklärung ihre »tiefe Besorgnis« zum Ausdruck gebracht, es gelte, die Besatzungen zu schützen, die »unverschuldet« in einer volatilen Situation gefangen seien.
Die International Transport Workers’ Federation (ITF) forderte am Montag Abend einen sofortigen Waffenstillstand und verurteilte sowohl die illegalen Bombenangriffe Israels und der USA als auch die anschließenden Vergeltungsangriffe des Iran: »Ohne dringende Deeskalation werden die Folgen für die arbeitenden Menschen, den Welthandel und die internationale Sicherheit schwerwiegend sein.«
Nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder (VDR) sind mindestens 25 Schiffe von sieben deutschen Unternehmen in den Golfgewässern und derzeit nicht in der Lage, die Region sicher zu verlassen – darunter auch zwei Kreuzfahrtschiffe mit rund 7.000 Passagieren. Der Generalsekretär der UN-Schiffahrtsorganisation IMO, Arsenio Dominguez, mahnte mehr Rücksichtnahme an: »Kein Angriff auf unschuldige Seeleute oder zivile Schiffahrt ist jemals gerechtfertigt«. Die Crews machten nur ihre Arbeit und müssten vor den Folgen breiterer geopolitischer Spannungen geschützt werden.
Das dürfte um so problematischer werden, je länger dieser Krieg dauert. Die Blockade der Straße von Hormus wird vor allem eine Konsequenz haben – man kennt das von der Pandemie oder der Havarie der »Ever Given« im Suezkanal: Das zwangsläufig folgende Chaos weltweiter Logistikketten trifft nicht nur Handel und Verbraucher auch hierzulande, sondern insbesondere die Seeleute an Bord der festliegenden oder später umgeleiteten Schiffe – Probleme bei Heimreise, Austausch, Landgang oder ärztlicher Hilfe sind programmiert. Denn auf ihre Anerkennung als gesellschaftlich relevante »Keyworker« warten die Seeleute weltweit bis heute.
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