Schlaf bitte
Von Max Grigutsch
Für die effiziente Abschöpfung des Mehrwerts ist die alltägliche Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendig. Zum Leidwesen der Abschöpfer bedeutet das: Der Mensch muss zwischendurch schlafen, das ausreichend und bestenfalls erholsam. Nun hat die Industrialisierung nie dagewesene Menschenmengen in Städten zusammengepfercht. Und wo viele Menschen, da viel Lärm, und wo viel Lärm, da schlechterer Schlaf. Das schadet dem Herz-Kreislauf-System. Eine am vergangenen Mittwoch veröffentlichte Studie der Universität Mainz legt jetzt nahe, dass schon eine einzelne Lärmnacht physiologische Folgen nach sich zieht.
Für ihre Schlussfolgerungen haben die Wissenschaftler Omar Hahad und Kollegen die häufigste nächtliche Unruhequelle in Europa unter die Lupe genommen: den Straßenverkehrslärm. Untersucht wurden 74 junge, gesunde Studienteilnehmer in ihren privaten Schlafzimmern.
Auf das gerade in Großstädten allzu bekannte Getöse vorbeifahrender Autos reagiert der Körper demnach auch im Schlaf mit Stress. Schon einzelne Lärmereignisse sorgen für einen schnelleren Herzschlag, eine einzelne laute Nacht führt zu steiferen Blutgefäßen, was den Blutdurchfluss beeinträchtigt. »Unsere Studie liefert kontrollierte experimentelle Hinweise darauf, dass akuter nächtlicher Straßenverkehrslärm direkt in die Regulation des Gefäßsystems eingreift«, wird Hahad von dem Wissenschaftsportal Scinexx.de zitiert. Besonders belastend ist nach Auffassung der Studienautoren das wiederholte Auftreten von störenden Geräuschen, etwa durch vorbeifahrende Fahrzeuge.
Ungünstig also, dass laut Statistischem Bundesamt rund 71 Prozent der Bevölkerung Deutschlands in Großstadtregionen leben (so Zahlen von 2022). Da ist es nun mal so: Wer eine Nacht an einer lärmenden Straße wohnt, der wohnt wahrscheinlich auch die nächste Nacht noch dort. Viele Städter wollen der Lage Herr werden, indem sie sich zum Beispiel von monotonem Rauschen, genannt »White Noise«, in den Schlaf lullen lassen. Zu früh gefreut. »Verkehrslärm allein verkürzte den Tiefschlaf, das Rauschen den Traumschlaf«, fasste der Psychiatrieprofessor Mathias Basner am Sonnabend für Spektrum.de die Ergebnisse seiner Anfang Februar veröffentlichten Studie zusammen.
Ein kleiner Lichtblick: Straßenlärm plus »White Noise« ergaben selteneres Aufwachen. Aber insgesamt war der Schlaf trotzdem schlechter als ganz ohne Geräuschkulisse. Was tut man nicht alles, um morgens wieder einigermaßen erholt durch die Großstadt zu gurken, um an den heiligen Arbeitsplatz zurückzukehren. Und wer irgendwann kann, der geht aufs Land.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (2. März 2026 um 22:42 Uhr)Wie wäre es mit aktiver Geräuschunterdrückung? Das Problem ist halt, frau hört weder den Wecker noch das weiße Rauschen.
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vom 03.03.2026