Leere Stadien in Argentinien
Von Frederic Schnatterer
Am kommenden Wochenende bleibt es still in den Stadien des fußballverrückten Argentiniens. Keine fanatischen Anfeuerungsrufe, keine Trommeln und Trompeten, keine Grillaromen in der Luft: Der Fußballverband des Landes, AFA, hat beschlossen, den Ball ruhen zu lassen. Von der Entscheidung sollen alle Spiele betroffen sein, die von Donnerstag bis Sonntag hätten ausgetragen werden sollen – sowohl im Torneo Apertura der höchsten Spielklasse als auch in den niedrigeren Ligen.
Mit der außergewöhnlichen Maßnahme protestiert der Verband gegen die Anklage ihres Vorsitzenden, Claudio »Chiqui« Tapia, und des Schatzmeisters, Pablo Toviggino. Sie wurden für den kommenden Donnerstag vorgeladen, um in einem Fall mutmaßlicher Steuerhinterziehung und Einbehaltung von Beiträgen vernommen zu werden. Angestrengt wurde die Anklage von der Steuer- und Zollbehörde ARCA. Der Verband sieht darin eine von der ultraliberalen Regierung von Javier Milei orchestrierte Aktion.
Im Dezember hatte die ARCA den Fußballverband wegen mutmaßlicher Veruntreuung von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen in Höhe von 19 Milliarden Peso angezeigt. Das entspricht rund 14 Millionen US-Dollar. Konkret geht es um einen Zeitraum zwischen März 2024 und September 2025. Ende des Jahres ordnete der Richter für Wirtschaftsstrafsachen, Diego Amarante, an, das Bank-, Börsen-, Finanz- und Steuergeheimnis der Beschuldigten und der AFA aufzuheben. Ein Antrag auf Nichtzulassung der Klage durch den Verband und dessen Vorsitzenden Tapia wurde abgewiesen, ein Ausreiseverbot gegen letzteren jedoch nicht aufrechterhalten.
Am Mittwoch schaltete sich die Generalinspektion der Justiz (IGJ) ein. Die Kontrollbehörde, die dem Justizministerium unterstellt ist, beantragte dort die Ernennung von Prüfern, mit deren Hilfe sie sich erhofft, Zugang zu Buchhaltungs- und Finanzinformationen des Fußballverbands zu erhalten. Das sei angesichts der »Schwere der Unregelmäßigkeiten« angebracht. Die AFA hatte sich zuvor geweigert, die Unterlagen herauszugeben.
Nur einen Tag später reagierte der Fußballverband mit einer ausführlichen Stellungnahme, in der er alle Vorwürfe von sich weist. Der Generalinspektion wirft sie politische Motivation vor – das belege allein der Satz, mit dem der Antrag der IGJ endet. Dort heißt es drohend: »Im neuen Argentinien von Präsident Javier Milei gibt es keine Privilegien mehr.« In der AFA-Stellungnahme wird der Satz als »Geständnis« aufgefasst, das »den wahren Charakter der Maßnahme« enthülle. »Es geht darum, eine öffentliche Politik durchzusetzen, mit der der Verband geschwächt werden soll, um so private Aktiengesellschaften durchzusetzen.«
Seit ihrem Amtsantritt Ende 2023 versucht die rechte Milei-Regierung, die Privatisierung der argentinischen Fußballvereine voranzutreiben. Allerdings verbietet der Dachverband AFA in seinen Statuten solchen Klubs die Mitgliedschaft, die keine »Asociaciones civiles« sind, also gemeinnützige Vereine. An dieser Position halten die Verantwortlichen weiter fest. »El Chiqui« Tapia hat sich zum wichtigsten Gesicht des Widerstands in der Öffentlichkeit entwickelt – und damit zu einem Feind der Regierung. In der vergangenen Woche berichteten mehrere Medien, die Milei-Regierung prüfe wegen des Spielstreiks Sanktionen gegen die AFA.
In der AFA-Stellungnahme vom Donnerstag, die die Unterschrift von Tapia trägt, heißt es: »Der argentinische Fußball gehört seinen Vereinen, deren Mitgliedern und Fans.« Von »politischen Manövern« oder »Wirtschaftsinteressen« lasse man sich nicht vereinnahmen. Und weiter: »Der argentinische Fußball gehört dem Volk. Und das Volk lässt sich nicht kaufen.« Tatsächlich geht die Bedeutung der Vereine in Argentinien weit über den Profifußball hinaus. Oftmals sind sie zentral daran beteiligt, das Zusammenleben und soziale Miteinander gerade auch in marginalisierten Vierteln zu organisieren.
Es wäre das erste Mal seit Jahren, dass in Argentinien ein ganzes Wochenende lang Fußballspiele suspendiert werden. Zuletzt war das während der Coronapandemie der Fall gewesen. Dass sich nun alle Vereine des Landes hinter den Verband und Tapia gestellt haben, ist eine Machtdemonstration. Denn im Inneren des Verbandes gibt es durchaus Kritik am AFA-Präsidenten. Doch selbst die Erstligavereine Talleres de Córdoba und Estudiantes de la Plata, die sich beide in der Vergangenheit für die Öffnung des Verbands für Aktiengesellschaften ausgesprochen hatten, kritisierten die Suspendierung der Partien am kommenden Wochenende nicht öffentlich.
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