Apotheker in Proteststimmung
Von Oliver Rast
Ein junger Vater schiebt den Kinderwagen durch die automatische Schiebetür und bittet mit belegter Stimme um Fiebersaft. Nach ihm hastet eine Büroangestellte zwischen zwei Meetings an den Tresen, um ein Rezept für ein Medikament gegen Migräne einzulösen. Ihr folgt eine Seniorin mit Rollator und nimmt die neue Ausgabe der Umschau aus dem Zeitschriftenständer. Alltagsszenen aus einer Vor-Ort-Apotheke – einem Arzneimittelgeschäft, das immer öfter dichtmacht.
Seit 2013 hätten knapp 20 Prozent der stationären Apotheken schließen müssen, wurde Thomas Preis jüngst in einer Mitteilung zitiert. Ursache seien stetig steigende Personal-, Energie- und Betriebskosten. Und ein »Ende der Schließungswelle« sei nicht absehbar, so der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) weiter. Zugleich kündigte der Verbandschef einen bundesweiten Protesttag der Apothekerschaft am 23. März an. Betreiber und Inhaber sind aufgerufen, ihre Geschäfte geschlossen zu halten. Mehr noch: Landesapothekerverbände organisieren in Berlin, Hannover, München und Düsseldorf Kundgebungen und Demonstrationen.
Der zentrale Anlass, wenig überraschend: Geld. Bereits seit Jahren fordert die ABDA, die Apothekervergütung pro Medikamentenpackung zu erhöhen – sie liegt seit 2013 unverändert bei 8,35 Euro. Im Koalitionsvertrag der »schwarz-roten« Bundesregierung steht, das sogenannte Packungsfixum auf 9,50 Euro anzuheben. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken will die bislang aufgeschobene Erhöhung des Fixbetrags nun zügig anstoßen, erklärte die CDU-Politikerin am Freitag im Bundestag bei der ersten Lesung des Entwurfs des Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetzes (ApoVWG). Eine entsprechende Verordnung solle »im Frühjahr« vorgelegt werden.
Nur 34 Minuten – mehr Zeit habe sich der Bundestag »für die Zukunft der Apothekenversorgung an diesem Freitag nicht genommen«, wie die Deutsche Apothekerzeitung (DAZ) gleichentags kritisch bemerkte. Neben dem Gesetz geht es um Änderungen bei der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV). Diese sehen laut DAZ vor, Preisnachlässe über handelsübliche Skonti zu ermöglichen und den Nacht- und Notdienstzuschuss zu verdoppeln.
Das »Honorarversprechen« taucht weder im ApoVWG noch in der AMPreisV auf. Politisch scheint das jedoch kein Hindernis zu sein: Die SPD hat ihre Zustimmung zu dem im Kabinett vereinbarten Aufschlag bekräftigt. Zugleich mahnt sie, dass ein höheres Packungsfixum nur möglich sei, wenn die Beiträge der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stabil bleiben. »Wir müssen erst die GKV-Finanzen konsolidieren, dann schaffen wir neue Spielräume«, sagte SPD-Gesundheitsexperte Christos Pantazis.
Gegenwind von den Krankenkassen. Der GKV-Spitzenverband lehnt pauschale Honorarerhöhungen für Apotheken ab. Verbandschefin Stefanie Stoff-Ahnis argumentierte am Freitag, dass eine gleichmäßige Verteilung der Mittel ineffektiv wäre und vor allem wirtschaftlich starke Apotheken in Ballungsräumen profitieren würden. Um eine verlässliche Versorgung in Stadt und Land sicherzustellen, verlangt Stoff-Ahnis statt dessen ein differenziertes Vergütungssystem, das strukturschwache Regionen gezielt stärkt und bei ökonomisch potenten Apotheken auch niedrigere Fixhonorare ermöglicht.
Der Kassenspitzenverband betont, die Vergütung der Apotheken steige ohnehin kontinuierlich, da sie teilweise an die Medikamentenpreise gekoppelt sei. Trotz der Konkurrenz durch Versandapotheken beschäftigten die Vor-Ort-Apotheken so viele Mitarbeiter wie nie zuvor. Zudem wachse ihr Umsatz Jahr für Jahr, weil die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen stetig zunähmen.
Abda-Präsident Preis widerspricht. Es sei schlichtweg falsch zu behaupten, »dass nur die Apotheken in strukturschwachen Regionen oder Landapotheken vom Apothekensterben betroffen seien«. Alle Arzneimittelgeschäfte in Deutschland müssten wirtschaftlich stabilisiert werden. Dringend. Falls nicht, könnte genau jene Anlaufstelle für den Vater mit dem Fiebersaft, für die Angestellte mit dem Rezept und für die Seniorin mit der Umschau verschwinden.
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