Tarifrunde in den Startlöchern
Von Gudrun Giese
Arbeitsbedingungen und Entlohnung im Handel sind schlecht. Eine hohe Teilzeit- und Minijobquote im Einzelhandel sowie die massenhafte Tarifflucht der Unternehmen verstärken die Sorgen der Gewerkschaft Verdi um die bundesweit rund 5,2 Millionen Beschäftigten im Handel. Unter diesen Vorzeichen beginnen demnächst die Verhandlungen über neue Tarifverträge, die in dieser Branche zum einen aufgeteilt sind nach Einzel- und Versandhandel sowie Groß- und Außenhandel, zum anderen regional in den Landesbezirken geführt werden. Allerdings stimmen sich die verantwortlichen haupt- und ehrenamtlichen Gewerkschafter vorab über die zentralen Ziele ab. Das geschah in der vergangenen Woche für die beiden Teilbranchen in Kassel. Zu der von hundert Vertretern aus den regionalen Tarifkommissionen festgelegten Orientierung für die Tarifrunde äußerte sich am Freitag Silke Zimmer, Verdi-Bundesvorstandsmitglied für den Handel. Im Mittelpunkt stünden Forderungen nach Einkommenssteigerungen deutlich über dem Inflationsniveau, sagte sie. »Zentral für alle ist der Anschluss an die Löhne in anderen Branchen«, denn der Bruttodurchschnittsverdienst im Einzelhandel liege deutlich unter dem der Gesamtwirtschaft. Kein Wunder, dass einem Großteil der Beschäftigten in dieser Teilbranche Altersarmut drohe.
Arbeiten im Handel sei Knochenarbeit, und dennoch erhielten die meisten Beschäftigten kein existenzsicherndes Einkommen, so das Verdi-Bundesvorstandsmitglied. Mitverantwortlich für diesen Zustand sei auch die massenhafte Tarifflucht seit dem Jahr 2000, zu der sich mittlerweile weit mehr als 80 Prozent der Branchenunternehmen entschlossen haben. Nur Tariflöhne könnten den Beschäftigten zu spürbar mehr Geld verhelfen. Im Moment müsse eine Mehrzahl derer, die im Handel arbeiten, rund 70 Prozent ihres Einkommens für Miete, Energie und Lebensmittel ausgeben. »Die Grundversorgung frisst praktisch das ganze Geld auf«, betonte Zimmer. Deutlich höhere Einkommen seien nötig, damit die Beschäftigten Mittel »etwa für Bildung, Gesundheit, Rücklagen« oder für die von der Politik regelmäßig geforderte zusätzliche Altersvorsorge hätten. Ein weiterer Grund für viele Handelslöhne unter dem Existenzminimum lässt sich allerdings durch mehr Tarifbindung nicht beseitigen: die hohe Teilzeit- und Minijobquote im Einzelhandel. Derzeit haben nahezu 40 Prozent nur eine Teilzeitstelle. Von ihnen sind über 17 Prozent ausschließlich geringfügig beschäftigt. Weitere neun Prozent üben einen Nebenjob aus. Das müsse geändert werden, fordert die Gewerkschafterin, zumal der Handel zu den expandierenden Branchen zähle. Die Unternehmen sollten endlich mehr Vollzeitstellen und damit auskömmliche Jobs schaffen.
Als nächstes finden Beschäftigtenbefragungen in den Teilbranchen statt. Die detaillierten Forderungen für die im April beginnenden Tarifverhandlungen werden in nächster Zeit in den 16 Tarifgebieten für den Einzel- und Versandhandel sowie den 20 Tarifgebieten für den Groß- und Außenhandel formuliert und aufgestellt. Dabei dürfte sich Verdi auch von den Wirtschaftsdaten der Teilbranchen leiten lassen: Im Jahr 2024 verbuchte der Einzelhandel Gewinne in Höhe von 29,7 Milliarden, der Groß- und Außenhandel von 44,7 Milliarden Euro. Die Beschäftigten, das wurde bei der Konferenz in Kassel in einem Vortrag deutlich, erwirtschaften nicht allein ihr Gehalt, sondern steuern einen erheblichen Gewinnbeitrag bei – im Groß- und Außenhandel 2.880, im Einzelhandel 612 Euro monatlich. Davon wollen sie ihren Anteil haben.
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