KI weiter im Wild-West-Modus
Von Jörg Kronauer
Ohne die von vielen erhoffte Einigung auf verbindliche Regeln zur Kontrolle von künstlicher Intelligenz (KI) ist Ende vergangener Woche ein großer internationaler KI-Gipfel in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi zu Ende gegangen. Zu der Veranstaltung, der bereits vierten ihrer Art nach den KI-Gipfeln im britischen Bletchley Park (2023), in Seoul (2024) und in Paris (2025), waren zahlreiche Staats- und Regierungschefs, Minister und Konzernchefs angereist. Frankreich war mit Präsident Emmanuel Macron vertreten, Deutschland mit Digitalminister Karsten Wildberger; die USA hatten Michael Kratsios entsandt, ehedem enger Mitarbeiter des Oligarchen Peter Thiel, heute Techberater von US-Präsident Donald Trump. Präsent waren unter anderem auch die Chefs der US-AI-Konzerne Open AI, Sam Altman, und Anthropic, Dario Amodei.
Die am Sonnabend offiziell präsentierte Abschlusserklärung des KI-Gipfels sieht auf Druck der Vereinigten Staaten lediglich freiwillige Regeln für KI vor. KI müsse ohne verbindliche Regulierung »vertrauenswürdiger« und »demokratischer« werden, heißt es darin – grotesk in Zeiten, in denen ein simples Kommando von Elon Musk genügt, seinen AI-Chatbot Grok die Selbsteinschätzung ausspucken zu lassen, er sei »MechaHitler«. Immerhin ein Ergebnis erzielen konnte die Bundesregierung: Digitalminister Karsten Wildberger und sein indischer Amtskollege Ashwini Vaishnaw einigten sich auf einen KI-Pakt, der gemeinsame Arbeiten etwa an KI-Lösungen für die Industrie sowie einfacher erhältliche Arbeitserlaubnisse für indische KI-Spezialisten umfasst. Beobachter gaben sich skeptisch; das Handelsblatt schrieb mit Blick auf den Mangel an bedeutenden KI-Konzernen in beiden Ländern trocken von einem »Bündnis der Abgehängten«.
Abgehängt ist – trotz aller Anstrengungen, in der KI endlich aufzuholen – auch Indien. Das Land verfügt über eine starke Softwareindustrie mit Konzernen wie Infosys, dessen Gründer und langjährigen Chef, den Milliardär N. R. Narayana Murthy, man als Schwiegervater des früheren britischen Premierministers Rishi Sunak kennt. Auf dem weiten Feld der KI tummeln sich jedoch hauptsächlich kleine Unternehmen. Indische Rivalen zu KI-Chip-Herstellern wie Nvidia oder Cambricon aus China sucht man ebenso vergeblich wie indische Konkurrenz zu großen KI-Sprachmodellen wie Chat-GPT oder Deep Seek. Angesichts der Schwäche der eigenen Industrie setzt Indiens Premierminister Narendra Modi nun darauf, im großen Stil die US-Branchenriesen ins Land zu holen, um nicht noch weiter zurückzufallen. Doch das hat Folgen.
So siedeln sich zwar reihenweise US-Konzerne in Indien an; in den vergangenen Monaten haben etwa Google, Microsoft und Amazon Investitionen in Höhe eines zweistelligen Milliarden-Dollar-Betrags in KI-Infrastruktur in dem Land angekündigt. Mit den – dank Modi nur schwach geschützten – Daten seiner mittlerweile mehr als 1,4 Milliarden Einwohner ist Indien für den KI-Sektor ein Paradies. Doch droht parallel Indiens Softwarebranche unter die Räder zu geraten. Als etwa Anthropic kürzlich ein KI-Tool präsentierte, das beispielsweise Mitarbeiter im Vertrieb oder in der Datenanalyse überflüssig macht, stürzten die Aktien unter anderem von Infosys ab; dessen Software wird bislang in den erwähnten Branchen genutzt. Mit eigenen Versuchen, auf dem Feld der KI Erfolge zu erringen, kommen Infosys sowie weitere indische IT-Großkonzerne bislang nicht recht voran.
Für die Trump-Administration ist der Durchmarsch der US-amerikanischen KI-Branche in Indien bei ihren Versuchen, die globale KI-Dominanz zu erlangen, höchst willkommen. In Indien selbst wird inzwischen erste Kritik an Modis Vorgehen laut, das Land faktisch den US-Branchenriesen auszuliefern. Darüber hinaus nehmen Befürchtungen zu, KI könne in Indien allzu viele Arbeitsplätze überflüssig machen. Ohnehin wirkungslos verhallt ist eine Warnung, die UN-Generalsekretär António Guterres auf dem KI-Gipfel in Neu-Delhi äußerte: »Die Zukunft der KI darf nicht von einer Handvoll Länder entschieden oder den Launen einiger weniger Milliardäre überlassen werden.« Um etwas dagegen zu unternehmen, ist es womöglich längst zu spät.
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