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Aus: Ausgabe vom 20.02.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Beschäftigungspolitik

Akuter Fachkräftemangel

Österreich: Koalition beschließt Strategie für aktive Arbeitsmarktpolitik. ÖGB für »Fachkräftemilliarde«
Von Oliver Rast
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Vertreter der »Zuckerl«-Koalition: Mittenmang SPÖ-Arbeitsministerin Korinna Schumann (Wien, 18.2.2026)

Es soll ein großer Wurf werden: die Fachkräftestrategie der »Zuckerl«-Koalition in Österreich. Die Bundesregierung aus ÖVP, SPÖ und Neos beschloss am Mittwoch im Ministerrat, den Arbeitsmarkt »zu aktivieren«. Ab März soll das Konzept zur Mobilisierung von aus- und weitergebildeten sowie qualifizierten eingewanderten Arbeitskräften umgesetzt werden, erklärte Arbeitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) gleichentags in Wien vor Medienvertretern. Damit wolle man den demographischen und technologischen Veränderungen Rechnung tragen, so die Ministerin weiter. Federführend ist dabei Schumanns Ressort, unterstützt vom Wirtschafts- und vom Bildungsministerium.

Schumann spricht von einem »tiefgreifenden Umbruch« in der Arbeitswelt. Die Gesellschaft werde älter und zugleich immer digitaler. »Erstmals seit 1950 schrumpft die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, und Österreich fehlen derzeit rund 200.000 qualifizierte Arbeitskräfte«, betonte die Ressortchefin. Häufig liege das Problem darin, dass Arbeitssuchende nicht über die nötige Qualifikationen verfügen. Daher brauche es nun eine klare Strategie, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken

Wie im Regierungsprogramm vorgesehen, soll die künftige Fachkräftestrategie auf drei Säulen beruhen: einer Qualifizierungsoffensive, der Stärkung der Lehre sowie der Ausschöpfung des Potentials internationaler Fachkräfte als ergänzende Maßnahme. Zudem erinnerte Schumann daran, dass Arbeitsmarktpolitik allein nicht ausreiche: »Auch die Rahmenbedingungen wie Kinderbetreuung, Pflege, Mobilität und leistbares Wohnen müssen stimmen.« Entscheidend sei insgesamt eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen.

Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) begrüßt die Regierungsinitiative. Denn die Fachkräftesicherung dürfe nicht erst beginnen, wenn der Mangel schon da sei, betonte ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Helene Schuberth am Mittwoch in einer Stellungnahme. Jetzt müsse das Arbeitsmarktprogramm »aber mit Tempo, verbindlichen Maßnahmen und ausreichender Finanzierung hinterlegt werden – sonst bleibt die Strategie ein gutes Papier ohne Wirkung«. Und: Wer heute bei Weiterbildung kürze, zahle morgen doppelt. Wie? Mit Produktivitätsverlusten, großem Fachkräftebedarf und sozialer Spaltung. Schuberth: »Aktive Arbeitsmarktpolitik ist keine Ausgabe, sondern eine Investition in die Zukunft von uns allen.«

Wie ernst die Lage ist, zeigt ein Blick auf den Lehrstellenmarkt: Sowohl die Zahl der Lehrlinge als auch jene der ausbildenden Betriebe gehen zurück – allein im Jahr 2025 um 3,8 Prozent. Gleichzeitig nimmt die Zahl der sofort verfügbaren Lehrstellensuchenden zu. »Jede nicht besetzte Lehrstelle bedeutet eine verpasste Chance«, weiß Schuberth. Es genüge nicht, »auf eine Erholung des Marktes zu hoffen«. Die Betriebe müssten stärker in die Pflicht genommen werden, damit wieder mehr ausgebildet werde.

Das ÖGB-Modell der »Fachkräftemilliarde« setzt genau an diesem Punkt an: Es sieht vor, dass alle Unternehmen, die grundsätzlich ausbilden könnten, in einen gemeinsamen Fonds einzahlen. Aus diesem Topf werden jene Betriebe unterstützt, die tatsächlich Lehrlinge ausbilden. Auf diese Weise könnten sich ausbildungsunwillige Firmen nicht länger ihrer Verantwortung entziehen, so die Gewerkschaftsfunktionärin.

Auch der Österreichische Seniorenbund schaltet sich in die Debatte ein. Die Erwerbslosigkeit älterer Menschen steige ungebremst, wurde dessen Präsidentin Ingrid Korosec am Mittwoch in einer Mitteilung zitiert. Im Januar waren 116.749 Personen über 50 Jahre erwerbslos – ein Anstieg von 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Schlimmer noch: Viele bleiben es langfristig. Und: Drei von zehn Unternehmen beschäftigen niemanden, der älter als 60 ist. Unverständlich, zumal erfahrene Kollegen »ein wertvoller Expertenpool« seien und sich weiterbilden würden, so Korosec.

Das Problem: Die Fachkräftestrategie steht in Zeiten der »Budgetdisziplin« der »schwarz-rot-pinkfarbenen« Koalition unter einem Finanzierungsvorbehalt. Ein »großer Wurf« ist dabei kaum zu erwarten, eher eine Luftnummer.

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