Kopf voran
Von Thomas Behlert
Es ist immer etwas Besonderes, wenn man Frauen und Männer beobachtet, wie sie mit dem Kopf nach vorn auf ihre Schlitten springen und die kompletten Kurven der Eisbahnen befahren wie in Cortina. Nach meiner verdammt kurzen Karriere als Bobfahrer wollte ich endlich mit einem Skeletonschlitten auf die Bahn. Es war die Hölle. Meine Beine schlenkerten hinter dem Schlitten gegen die Bande, ich betete jede Sekunde der Fahrt und kam dann irgendwie heile am Ziel an, wo bereits ein Sanitäter mit großer Ausrüstung bereitstand. Skeleton hat seinen Ursprung in St. Moritz, auf dem Vorgänger der Natureisbahn. Bereits 1887 befuhr ein erster Fahrer die Abfahrt liegend mit dem Kopf voran.
Mit dieser gefährlich aussehenden Sportart hatte dann das IOC in den folgenden Jahren so seine Zweifel. Skeleton wurde zwar 1926 olympisch, wobei 1928 in St. Moritz auch schon wieder die letzten olympischen Wettkämpfe stattfanden. 1948 war Skeleton wieder Teil der Olympischen Spiele in St. Moritz. Allerdings durften nur die Männer die Bahn befahren. Bis zu den Spielen 2002 in Salt Lake City kam »Kopf voran« nicht mehr vor. Seitdem sind Wettkämpfe von Frauen und Männern Bestandteil der Spiele und werden oft von den Skeletonpiloten der BRD gewonnen. In diesem Jahr schob sich allerdings bei den Frauen die Österreicherin Janine Flock mit vier glänzenden Läufen an den Deutschen Susanne Kreher, Jacqueline Pfeifer und Hannah Neise vorbei.
Schön ist es, wenn sich neben den Gewinnernationen auch Sportler aus Ländern, die sonst nicht viel mit Wintersport zu tun haben, kopfüber in die Bahn stürzen. Zu nennen wären Kellie Delka aus Puerto Rico, Nicole Rocha Silveira aus Brasilien und Nicole Burger aus Südafrika. Bei den Männern kamen einem die Plazierungen der BRD-Sportler bekannt vor: Axel Jungk erreichte Silber und Christopher Grotheer die Bronzemedaille. Nicht zu schlagen war Matt Weston aus Großbritannien, der am 12. und am 13. alle vier Läufe in Bestzeit fuhr und mit einem Vorsprung von 0,880 Sekunden das Siegerpodest bestieg. So war schon fast klar, dass er einen Tag später zum Abschluss der Skeletonwettbewerbe mit seiner Partnerin Tabitha Stoecker die Skeletonmixstaffel gewann. Weston war so in Fahrt, dass er den Rückstand von Stoecker (0,30 Sekunden) noch einfuhr und am Ende mit einem Vorsprung von 0,170 und 0,180 Sekunden die deutschen Teams Susanne Kreher/Axel Jungk und Jacqueline Pfeifer/Christopher Grotheer auf die Plätze zwei und drei verwies.
Vorab war der ukrainische Skeletoni Wladislaw Geraskewitsch von den Wettkämpfen ausgeschlossen worden. Er wollte mit einem Helm fahren, auf dem 20 Sportlerinnen und Sportler abgebildet sind, die während des Krieges zwischen Russland und der Ukraine ums Leben kamen. Das IOC berief sich bei der Disqualifizierung auf die Olympische Charta. Diese schränkt Meinungsäußerungen von Sportlern auf olympischen Wettkampfstätten und bei Zeremonien ein. Politische Botschaften sind untersagt. Trotz der klaren Richtlinie ging Geraskewitsch mit einem Anwaltsteam gegen das IOC-Urteil vor Gericht, das am Ende aber dem IOC recht gab.
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