Schwerkraft
Von Max Grigutsch
Es ist wieder alles im Lot. Das Erwartbare hat sich durchgesetzt, die Erde dreht sich wieder in die gewohnte Richtung, die Schwerkraft zieht wieder gen Erdkern, und Leon Draisaitl ist wieder Topscorer. Der Deutschen. Raus sind sie nach einer Niederlage im Viertelfinale des olympischen Eishockeyturniers in Mailand trotzdem – Draisaitls Assist auf Lukas Reichel für etwas Seelenbalsam hin oder her. Mit einem Endstand von 6:2 sagten die Slowaken am Mittwoch, es war ihnen eine Freude, aber das war’s dann. Damit endet für die nominell wohl beste deutsche Mannschaft aller Zeiten ein durchwachsener Wettkampf.
Zuvor, bei der erwarteten 5:1-Behauptung gegen die französische Mannschaft, die der deutschen dank eines mehr als glücklichen Turniermodus im Qualifikationsspiel am Dienstag gegenüberstand, hatte Draisaitl drei Punkte gemacht, ein Tor und zwei Assists. Damit lag der Hoffnungsträger vor dem Viertelfinale mit insgesamt sechs Punkten gleichauf mit dem vielleicht besten deutschen Stürmer des Turniers, Tim Stützle, und den Kanadiern Sidney Crosby und Macklin Celebrini. Der Treffer in bekannter Draisaitlscher Manier in Überzahl kurz nach Spielbeginn: Stützle auf Joshua Samanski vor dem Tor, weiter zu Draisaitl, der per One-Timer verwandelt.
Eishockeyfans durften aufatmen, hatte die Leistung des bestverdienenden NHL-Spielers (knapp 14 Millionen Euro in dieser Saison) bis dahin doch eher zu wünschen übrig gelassen. Auch nach dem Auftakttor wirkte Draisaitl zuerst unsicher, verdribbelte die Scheibe ohne Bedrängnis in der Angriffszone und stieß in Zeitlupe mit Teamkollege Moritz Seider zusammen, was fast zu einer Chance für Frankreich führte. Schließlich waren es aber der überlegene deutsche Gesamtkader, weitere Tore von Freddie Tiffels, J. J. Peterka, Samanski und Nico Sturm und einige Topsaves des Torwarts Philipp Grubauer, die obsiegten. Überzeugend war das nicht – Torschussverhältnis nur 36 zu 31 für die Favoriten.
Glück hatten die Deutschen. Es musste Meisterleistung folgen. Die Sterne standen eigentlich gut. Ein Journalist machte Draisaitl nach dem Match gegen Frankreich darauf aufmerksam: 1998 führte sein Vater Peter Draisaitl die deutsche Eishockeytruppe mit einem Tor und einem Assist zum 4:2-Sieg gegen die Slowakei. Draisaitl junior: »Hoffentlich kann ich das wiederholen.« Konnte er nicht. Es ist wie Schwerkraft.
Ergebnisse produziert man eben nicht alleine, sondern zwangsläufig gemeinsam. Ein-saitl reicht nicht. Vor der Partie gegen Frankreich hatte Exkapitän und Mannschaftsältester Moritz Müller gewarnt: »Wir haben ganz tolle Eishockeyspieler, die zu den besten auf der Welt gehören. Aber wir können nicht denken, dass wir denen jedes Mal, wenn sie auf dem Eis sind, die Scheibe geben und dann ein Wunder passiert.« Wohl wahr, diese Taktik hatte sich schnell erschöpft. Gegenüber den Teams, die ihre Aufstellungen komplett aus der NHL befüllen können, war man so von vornherein am Katzentisch.
Erwartungskonform war am Dienstag auch die Begegnung Schweiz–Italien mit einem 3:0 ausgegangen – ein fast schon moderates Ergebnis für die Italiener, verglichen mit der 11:0-Klatsche gegen Finnland am Sonnabend. Damit sind die Gastgeber ebenfalls raus. Knapp, aber auch vorhersehbar, warfen die bisher enttäuschenden Tschechen die Dänen aus dem Turnier (3:2). Schweden inszenierte sich selbstbewusst als Wächter der kosmischen Eishockeygesetze und besiegte Lettland 5:1. Die spannendsten Spiele stehen noch bevor, zu vermuten bleibt ein Gesamtsieg der Superstarteams aus Kanada oder den USA.
Das müsste nicht so sein und war nicht immer so. Ein Rückblick auf die Winterspiele von 1956 bis 1988 offenbart Dekaden sowjetischer Eishockeydominanz. Auch 2018 holten die »Olympischen Athleten aus Russland« Gold, 2022 Silber. Die Russen sind in diesem Jahr wegen des Ukraine-Kriegs gänzlich ausgeschlossen – aus sportlicher Sicht ein herber Verlust, da nur die russischen Eishockeytalente den nordamerikanischen hätten Paroli bieten können. Darauf, dass die jahrzehntelange Rivalität der Hockeylegenden Crosby und Alexander Owetschkin auf olympischem Eis fortgeführt würde, hofften Fans vergeblich. Ferner fehlen mit Andrei Wassilewski, Sergei Bobrowski und Ilja Sorokin gleich drei Top-ten-Goalies aus der NHL, mit Nikita Kutscherow und Kirill Kaprisow Plätze drei und sieben auf der Punkteliste der Feldspieler. Dass unterdessen israelische Sportler an Olympia teilnehmen dürfen, ist an Doppelmoral kaum zu überbieten. Aber auch hier: alles wie erwartet.
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