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Aus: Ausgabe vom 18.02.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Länderrisikoatlas von Allianz Trade

Allianz sieht steigende Risiken

Neues Rating konstatiert »Schocks« durch KI und Klimawandel. Ökonomische Lage für mehr Länder prekär, in BRD insbesondere Exportwirtschaft gefährdet
Von Jörg Kronauer
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KI gilt – nach Cyberattacken – als zweitgrößter Risikofaktor in der Unternehmenswelt: Logo des Startups Deep Seek

Eine starke Wirtschaft bedeutet nicht automatisch, dass es der arbeitenden Klasse gut geht, auch wenn das gern suggeriert wird. Eine kriselnde Volkswirtschaft aber kann auf kommende schärfere Verteilungskämpfe hinweisen. Unter diesem Gesichtspunkt kann der am Montag veröffentlichte jüngste Länderrisikoatlas von Allianz Trade gelesen werden. In dem Bericht analysiert der Finanzkonzern die ökonomischen Perspektiven für 83 Länder, die rund 94 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erzielen, und er wägt ihre Chancen und Risiken gegeneinander ab. Anschließend vergibt er ein Rating, das Unternehmen weltweit als Kompass dienen soll, um ihre Geschäfte möglichst sicher zu gestalten und Zahlungsausfälle zu vermeiden. Als weltweit führender Kreditversicherer hat Allianz Trade mit Hauptsitz in Paris, bis 2022 unter dem Namen Euler Hermes bekannt, ein großes Interesse daran. Die aus seiner Sicht gute Nachricht: Laut dem jüngsten Länderrisikoatlas haben sich die Ratings für 36 Länder verbessert und nur für 14 Länder verschlechtert. Die nicht so gute Nachricht: Vor einem Jahr verzeichnete der Atlas nur für fünf Länder eine Verschlechterung; diesmal sind es also rund dreimal so viele. Außerdem stehen die Länder, deren ökonomische Risiken gestiegen sind, für ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung, rund zehnmal so viel wie die Länder, die ihre Ratings verbessern konnten. Das wiegt schwer.

Während sich die Ratings von Allianz Trade für Länder wie Italien, die Türkei, Ecuador und Vietnam verbessert haben, sind sie unter anderem für die USA, Frankreich und Belgien gefallen, zwar nur von AA1 auf A1, aber immerhin. Wenn A1 auch ein »insgesamt niedriges Länderrisiko« sei, deute die Verschlechterung »auf anhaltende und erhebliche mittelfristige Risiken für Unternehmen hin«, erläutert der Vorsitzende von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Milo Bogaerts. Speziell für die Bundesrepublik sei folgenreich, dass allein die USA, Frankreich und Belgien rund ein Fünftel aller deutschen Exporte abnähmen. Dass dort das Risiko von Zahlungsausfällen steigt, wiegt schwer. Um so mehr, als Besserung nicht wirklich in Sicht ist. Für Frankreich etwa haben sich die Risiken laut Allianz Trade unter anderem deshalb verschlechtert, weil die Staatsschulden gestiegen sind – von 98 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2019 auf gut 116 Prozent des BIP im Jahr 2025. Für 2027 werden 120 Prozent des BIP erwartet. Es kommt politische Instabilität hinzu, verursacht durch den Aufstieg des Rassemblement National.

Recht skeptisch betrachtet Allianz Trade auch die Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Auch dort sind die Staatsschulden von 108 Prozent des BIP im Jahr 2019 auf 124 Prozent des BIP im Jahr 2025 gestiegen; sie werden wohl weiter zunehmen, obwohl die Zinslast von zehn Prozent der Bundeseinnahmen im Jahr 2019 auf bereits 18 Prozent im Jahr 2025 gestiegen ist. Die aktuelle Wirtschaftsdynamik beruhe zu einem signifikanten Teil auf KI-Investitionen, die im kommenden Jahr wohl geringer würden, urteilt Allianz Trade. Daher sei 2027 mit einer schwächeren Wirtschaftsleistung zu rechnen. Negativ wirke sich aus, dass die USA im Vergleich zu anderen Industrieländern nur recht dürftig gegen Korruption vorgingen, dass sie unter einer zunehmenden politischen Polarisierung litten und die Politik in Washington unberechenbar geworden sei. Laut Allianz Trade belasten die Zölle, die letztlich zum größten Teil von der US-Bevölkerung bezahlt werden, den privaten Konsum, der nur deshalb nicht eingebrochen sei, weil »wohlhabendere Haushalte« noch Geld ausgeben.

Die Chefin von Allianz Trade, Aylin Somersan Coqui, zog mit Blick auf die Länderrisiken speziell bei wirtschaftsstarken Staaten eine wenig optimistische Bilanz. »Die Weltwirtschaft durchläuft eine der turbulentesten Phasen seit Jahrzehnten«, konstatierte sie am Montag; »Schocks und strukturelle Veränderungen« – etwa KI und der Klimawandel – addierten sich. Erst kürzlich hatte eine Untersuchung von Allianz Trade gezeigt, dass KI aufgrund der mit ihrer Nutzung einhergehenden Unwägbarkeiten inzwischen als zweitgrößter Risikofaktor in der Unternehmenswelt eingestuft werden muss – nach Cyberattacken. Weil Unternehmen aber immer mehr auf KI setzen, ist Besserung auch hier nicht in Sicht.

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