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Aus: Ausgabe vom 12.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Ästhetische Kurzschlüsse

»Once Upon a Time in Gaza«: Lässt sich das Kino politisch munitionieren oder ballert die Geschichte für sich allein?
Von Holger Römers
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Die Wahl der Waffen: Vor oder hinter der Kamera

Noch bevor es in »Once Upon a Time in Gaza« irgend etwas auf der Leinwand zu sehen gibt, wird der märchenhafte Beiklang des Filmtitels durch einen Originaltonschnipsel aus dem Off auf Trumps Fabulieren von einer »Riviera des Mittleren Ostens« bezogen. Mit etwas Phantasie lassen sich danach Ähnlichkeiten zu Kinovorbildern erkennen, deren (Original-)Titel bereits dieselbe Märchenfloskel variiert haben: So mag man diesen dritten Spielfilm der palästinensischen Zwillingsbrüder Tarzan und Arab Nasser wie Sergio Leones Westernklassiker »Spiel mir das Lied vom Tod« (1968), der auf Italienisch »C’era una volta il West« (Es war einmal im Westen) hieß, als revisionistischen Beitrag zu einer Nationalgeschichte auffassen. Wie der Abschluss von Leones Amerika-Trilogie, »Es war einmal in ­Amerika«(1984), ist »Once Upon a Time in Gaza« wiederum zugleich als Gangsterballade angelegt. Und wie in Quentin Tarantinos »Once Upon a Time in Hollywood« (2019) bekommen wir hier außerdem ein Stück erfundener Filmgeschichte geboten.

Dabei trägt zum Charme dieses in Jordanien gedrehten Films bei, dass die in der zweiten Hälfte geschilderten Dreharbeiten zu dem angeblich ersten Actionstreifen »made in Gaza« denkbar hemdsärmelig wirken. Zwar gelingt einem Trailer, den wir zunächst ohne erkennbaren Kontext zu sehen bekommen, eine herrlich reißerische Wirkung. Doch das vermeintliche Rohmaterial, das später regelmäßig eingestreut wird, offenbart den entwaffnenden Dilettantismus aller am Film-im-Film Beteiligten. Ebenso bezeichnend ist, dass die 1988 in Gaza geborenen Nassers, die gemeinsam auch das Drehbuch verfasst haben und deren vorangegangener Spielfilm »Gaza mon Amour« (2020) ebenfalls einen deutschen Kinostart hatte, nicht wie Leone von der Landnahme einer künftigen Weltmacht erzählen oder von Karrieren bei der Mafia.

Zwar verweist das anfängliche Handlungsjahr 2007 implizit auf den Regierungsbeginn der Hamas. Deren winziger Herrschaftsbereich bleibt jedoch, wie ein eingeblendeter TV-Nachrichtenbeitrag vor Augen führt, buchstäblich eingemauert. Zeitungen, die beiläufig ins Bild gerückt werden, vermelden, dass Israel den Küstenstreifen zum »feindlichen Gebiet« erklärt habe, woraufhin wiederholt die Verschärfung von Isolationsmaßnahmen notiert wird. Nachdem schon die Titelsequenz einige Totalen enthalten hat, die knapp die Bombardements einzelner innerstädtischer Hochhäuser zeigen, werden gelegentlich noch weitere dokumentarische Aufnahmen eingeschoben, die mit bezeichnender Unvermitteltheit israelische Attacken zu Protokoll geben.

Derweil schuftet der Protagonist Yahya (Nader Abd Alhay), bevor er zwei Jahre später unverhofft als Hauptdarsteller für besagten Filmdreh angeworben wird, in einer Falafelbude. Zwar lässt er sich vom Imbissbetreiber Osama (Majd Eid) auch für dessen illegale Nebengeschäfte mit Schmerztabletten einspannen. Aber zwei kurze Rückblenden deuten an, dass der junge Mann sich zur schmuddeligen Kleinkriminalität mitnichten hingezogen fühlte und die Tristesse seines aktuellen Alltags statt dessen der Perspektivlosigkeit seines Studiums sowie der Trennung von der Familie geschuldet ist, die im nahen Westjordanland unerreichbar bleibt. Yahya hat denn auch keine Ahnung, dass sein Boss neuerdings von dem korrupten Polizisten Abou Sami (Ramzi Maqdisi) unter Druck gesetzt wird, der seinerseits beim Tablettenhandel mitmischen und Spitzeldienste erzwingen will.

Über die einst für B-Filme typische Dauer von kaum anderthalb Stunden erinnert indes nur Amine Bouhafas elegische Musik an die epische Weitschweifigkeit eines Leone. Und der bei Tarantino stets unübersehbare Stilwillen bleibt bescheiden auf eine einzige Sequenz konzentriert: Zunächst wird der düstere Realismus von Christophe Graillots Kameraarbeit nur durch wenige Unterbrechungen des Zeitflusses akzentuiert, mit denen Sophie Reines Montage dem Geschehen kurz vorgreift oder dessen Vorgeschichte aufscheinen lässt. Dann bietet ein dramatischer Höhepunkt neben dezenten Jump Cuts noch ein paar ebenso unangestrengte Kameratricks, bevor ein Pistolenschuss auf der Tonspur durch einen Donnerhall ersetzt wird.

Das greift ironisch dem Umstand vor, dass bei den bald darauf geschilderten Dreharbeiten mangels Pyrotechnik, die für einfachste Spezialeffekte nötig wäre, scharfe Munition verwendet wird. Und diese Kuriosität komplementiert wiederum ebenso amüsant wie subtil eine Reflexion der Frage, ob Filme sich politisch munitionieren lassen – ohne jenen ästhetischen Kurzschlüssen zwischen Bild und Realität zu erliegen, denen die am Film-im-Film Beteiligten offenbar allesamt anhängen.

»Once Upon a Time in Gaza«, Regie: Arab und Tarzan Nasser, ­Palästinensische Autonomiegebiete/Vereinigte Arabische Emirate/UK u. a. 2025, 87 Min., Kinostart: heute

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