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Aus: Ausgabe vom 09.02.2026, Seite 15 / Politisches Buch
Marx in den USA

Der Weg in die Freiheit

Der Historiker Andrew Hartman betrachtet die Geschichte der politischen Linken in den USA durch das Prisma der Marx-Rezeption
Von Marc Bebenroth
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Halten Marx – und Lenin – hoch: Demonstranten fordern Schröpfung der Banken statt der Arbeiterklasse (Los Angeles, 10.11.2011)

Karl Marx ist, anders als seine Tochter Eleanor, nie persönlich in die USA gereist, obwohl er nachweislich großes Interesse an der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung dieser aufstrebenden Industrienation ­entwickelte. Als Korrespondent der New York Daily Tribune wandte er sich aber für mehrere Jahre – gemeinsam mit Friedrich Engels als wiederholtem Ghostwriter – direkt an das US-amerikanische Publikum. Dem im Laufe von mehr als 150 Jahren unterschiedlich stark ausgeprägten Interesse am Werk von Marx hat der Historiker und Rezeptionsforscher Andrew Hartman ein 2025 vorgelegtes Buch gewidmet.

Ein Funken Hoffnung

Der Professor für Geschichte an der Illinois State University überlegt eingangs, ob der Autor von Das Kapital nicht deshalb bis heute in den USA relevant geblieben sei, weil er eine »alternative Perspektive auf Freiheit« (»freedom«) vorgeschlagen habe. Auf Leben und Werk geht Hartman in seiner vorangestellten Marx-Biographie ein. Für »Karl Marx in America« heißt das: Welche US-Autoren und Akteure hat der Ökonom, Philosoph und Journalist bei seinen Studien berücksichtigt; welche Schlüsse zog Marx aus den Ereignissen auf der anderen Seite des Atlantiks?

Die »Workies«-Bewegung beispielsweise – also die ersten, um 1830 einsetzenden und kurzlebigen Versuche von Arbeitern in den USA, eigenständige Zusammenschlüsse zu bilden – habe bei Marx zunächst zu der Annahme geführt, dass das allgemeine Wahlrecht ein Vorbote des Sozialismus sei. Allerdings habe »sein wachsendes Wissen über andere amerikanische Entwicklungen« solche Hoffnungen relativiert. So hätten viele Amerikaner aus der Arbeiterklasse die von der Regierung in Washington und vom industriellen Bürgertum forcierte »Expansion nach Westen als ihren Weg in die Freiheit« betrachtet. Daraus habe Marx wiederum geschlussfolgert, dass die bürgerliche Gesellschaft der USA noch viel zu unreif sei, um den Klassenkampf wahrnehmbar und verständlich zu machen. Aber: »Am Ende seines Lebens hegte Marx noch einen Funken Hoffnung auf einen zukünftigen amerikanischen Sozialismus.«

Die Spannbreite der bei Hartman auftretenden Figuren reicht von europäischen Einwanderern, ersten Übersetzern der Werke von Marx und revolutionären Sozialisten, die aktiv am Kampf der Arbeiterklasse teilnehmen, über progressiv gesinnte Intellektuelle und Publizisten bis hin zu ihren Gegnern, die Marx und alles, was mit ihm in Verbindung gebracht werden konnte, vehement bekämpften. Ihnen allen gibt Hartman viel Raum. Haupteffekt dieses kleinteiligen Vorgehens ist nicht nur, dass das Buch auf nahezu 600 Seiten Umfang kommt. Inhaltlich hilft die Lektüre dem deutschen Leser immer dann weiter, wenn es sich um Akteure der politischen Linken in den USA handelt, die hierzulande kaum oder gar nicht bekannt sind. Je nach persönlicher politischer Verortung des Lesers bietet »Karl Marx in America« damit die Gelegenheit, neue sowie alte Akteure in ihrer politischen Entwicklung – hin zum oder weg vom Marxismus – kennenzulernen.

In Erinnerung bleiben dabei Frauen wie die seit jungen Jahren blinde und taube Helen Keller ­(1880–1968) aus Alabama oder die New Yorker Kommunistin ­Elizabeth Gurley Flynn (1890–1964). Letztere habe stets die bürgerlich-feministische Position abgelehnt, wonach Frauen Teil der arbeitenden Bevölkerung werden müssten, um Gleichheit mit den Männern erlangen zu können. »Sie vertrat die Ansicht, dass Sozialisten Bündnisse mit der Mainstream-Frauenwahlrechtsbewegung vermeiden sollten. Gleichberechtigung für alle Menschen, einschließlich Frauen, werde es erst geben, wenn die Arbeiterklasse ihren Kampf gegen den Kapitalismus gewonnen habe.« Auch Geschlechterungleichheit sei schließlich ein Produkt des ausbeuterischen Klassensystems oder werde zumindest durch dieses verschlimmert, argumentierte Flynn demnach.

Dreierlei Marx

Hartman beschreibt ebenso ausführlich allerlei Spaltungen und Neugründungen der Linken in den USA sowie deren jeweils zeitgenössische Gegnerschaft. »Die Rezeption von Marx in der amerikanischen Geschichte verlief keineswegs linear«, fasst Hartman ein Ergebnis seiner Forschungen zusammen. In dem Buch unterscheidet der Verfasser zwischen Anhängern dreier Marx-Versionen. Die erste fokussiere demnach auf den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. »In dem langen, schwierigen und oft verlorenen Kampf um den Einfluss der Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten formten diese Amerikaner einen arbeiterorientierten Marx zu einer politischen Waffe.« Dieser sei eine »revolutionäre Muse« gewesen, da er in der Arbeiterklasse das Subjekt der Befreiung im kapitalistischen Amerika ausgemacht habe.

Die zweite Variante ist nach Hartman »ein hybrider Marx«. Dabei handele es sich um eine »gegenseitige Befruchtung des Marxismus mit Traditionen wie Christentum, Republikanismus, Populismus, Pragmatismus, schwarzem Nationalismus, Indigenität, Keynesianismus, Feminismus und mehr«. In diese Kategorie fallen bei Hartman im Grunde alle Versuche, marxistische Analyse und Politik durch ideologische Kreuzungen irgendwie mit bereits bestehenden politischen, philosophischen oder gesellschaftlichen Tendenzen in Einklang zu bringen – sei es, um dem Marxismus zu einer Anschlussfähigkeit mit bürgerlichen Ideologemen und Bewegungen zu verhelfen, oder um die im Marxismus vermutete Gefahr für den Status quo zu verwässern.

Die dritte Variante ist das Bild, das sich der politische Gegner von Marx gemacht hat. Dessen Vorstellung des »bärtigen Kommunisten« zeuge vom außergewöhnlichen Ausmaß, mit dem der Antikommunismus die Vereinigten Staaten geformt habe. Dazu zählen die verschiedenen »Red Scare«-Wellen und Dämonisierungen der radikalen Linken bzw. antikapitalistischer Bewegungen schlechthin, vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Hartman nimmt dabei jeweils auch die Attacken gegen den liberal-progressiven Teil der herrschenden Klasse in den Blick: »Konservative hatten über Marx geschrieben, um zu zeigen, dass amerikanischer Liberalismus gefährlich ist, gerade wegen seiner Nähe zum Marxismus.«

Darüber hinaus unterscheidet Hartman auch die Rezeption durch Gruppen im bürgerlich-progressiven Lager. Da wären beispielsweise die »moralischen Linken« und die Linksliberalen (»liberals«). Letztere »neigten dazu, an die Kraft des Gesetzes zu glauben, um Ungerechtigkeiten zu beseitigen«, während die Moralistenlinke an die Macht dramatischer Taten geglaubt habe: »Beide standen dem marxistischen Paradigma des Klassenkampfs skeptisch gegenüber. Keiner von beiden stützte seine Politik auf Marx’ Arbeitswerttheorie.« Wiederum andere nahmen vor allem die Schriften des jungen Marx zur Kenntnis.

Es passt nicht

Doch eine Lektion, die sich durch dessen gesamtes Lebenswerk ziehe, ist Hartman zufolge für US-Amerikaner die allerwichtigste: »In einem System, das die Mehrheit zum Vorteil einer Minderheit ausbeutet, ist niemand frei.« Diese Einsicht sei wiederum »die größte Bedrohung für ein System, das Menschen gegeneinander ausspielt«. Der gemeinhin postulierte »amerikanische Common Sense« gehe davon aus, »dass der Kapitalismus nicht mehr wegzudenken« sei. Marx und der amerikanische Common Sense »passen nicht zusammen«, konstatiert Hartman. »Und doch: Die Geschichte von Karl Marx in Amerika könnte uns eine Alternative bieten, die notwendig ist, um von einer besseren Zukunft zu träumen. Eine Zukunft, in der die Menschen frei leben.«

Andrew Hartman: Karl Marx in America. University of Chicago Press, Chicago 2025, 594 Seiten, 35,45 Euro

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