Parallelwelt
Von Arnold Schölzel
Seit 1998 verwaltet die SPD mit Ausnahme einer Wahlperiode in jeder Bundesregierung den Kapitalismus mit. Stellt sie den Kanzler, gibt es Krieg, so 1999 gegen Jugoslawien. Damals brachte die SPD den »Krieg nach Europa zurück«, was Klingbeil aber am Sonnabend in seiner Grundsatzrede zum Start der SPD-Programmdiskussion Wladimir Putin zurechnete. Die Partei setzte 2022 fort, als sie in den Stellvertreterkrieg gegen Russland einstieg und mithalf, ein fertiges Waffenstillstandsabkommen zu zerreißen. Am Tag nach der Bundestagswahl 2025 schließlich einigten sich CDU/CSU und SPD auf das größte Aufrüstungsprogramm nach 1945. SPD-Kriegsminister Boris Pistorius hatte da schon die Vokabel »Kriegstüchtigkeit« in Umlauf gebracht. Sie ist Titel eines ganzen Programms für den reaktionär-militaristischen Umbau von Staat, Bildungs-, Gesundheits- und Verkehrswesen, zur ideologischen Zurichtung, für die Reaktivierung der Wehrpflicht und zum Abriss des Sozialstaates. Das war erfolgreich – die Mehrheit der Bundesbürger zumindest im Westen fühlt sich von Putin persönlich bedroht und Pistorius ist ihr Lieblingspolitiker. Zugleich liegt die SPD in Umfragen bei Tiefstwerten, in einigen ostdeutschen Bundesländern kämpft sie um fünf Prozent.
Beide Probleme – Krieg und Aufrüstung sowie verlorene Zustimmung – kamen in den Grundsatzreden der beiden Parteivorsitzenden Bärbel Bas und Klingbeil faktisch nicht vor. Klar, im Haus des Gehängten redet niemand vom Strick, und im Parlamentarismus ist jede Wahlniederlage für Parteivorstände ein Sieg. Soweit Routine. Bas und Klingbeil gingen aber darüber hinaus. Sie erzählten von einer Parallelwelt, die mit der Realität, d. h. der Krise von Wirtschaft und Gesellschaft, wenig zu tun hat. Beispiel: Die Metall- und Elektroindustrie teilte am Wochenende mit, dass im vergangenen Jahr monatlich fast 10.000 Arbeitsplätze verlorengingen. Der Hauptgrund ist fehlende Innovation, die Parole »Wachstum durch Rüstung« hohl.
Das Desaster haben auch Bas und Klingbeil zu verantworten. Wie lange sie ihre Partei an der Nase herumführen können, entscheiden Kriegs- und Krisenverlauf.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (9. Februar 2026 um 14:31 Uhr)Der SPD steht wieder einmal das Wasser bis zum Halse. Man merkt das daran, dass sie ihr soziales Gewissen wieder auszugraben versucht. Nach den Wahlen macht dann Pistorius weiter, bis nichts Soziales mehr gebraucht wird. Einer muss der Bluthund sein. Und die Leine straff halten, damit zugebissen werden kann. Auf dass wir alle vereint und fröhlich ins Gras beißen können.
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Leserbrief von Frank Lukaszewski aus Oberhausen (9. Februar 2026 um 13:31 Uhr)Der Kommentar ist in weiten Teilen zustimmungsmöglich. Allerdings sei zu erwähnen, dass die sich anbahnende CDU/AfD-Regierung verbliebene Reste des Sozialstaates weiter, extremistischer in Richtung bekannter Interessen jener Super-Reichen a la Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland etc.), Susanne Klatten (BMW) usw. verschieben würde. Eine von denen geforderte, u.a. aktienorientierte, also spekulationsbasierte Rente sollte nicht verschwiegen werden. Man/frau lese doch bitte einmal die Positionen der bei Arbeiterinnen und Arbeiter nicht unbeliebten AfD-Faschisten. FDP in braun! Insofern (hätte ich nicht gedacht, es einmal so zu artikulieren) ist Bärbel Bas und Teile der SPD aktuell ein objektives Hemmnis für drastischere Umverteilungspläne von unten nach oben. Ihre Biographie ging offensichtlich nicht gänzlich an ihr vorbei. Allerdings: Jene aggressive Kriegsrhetorik genannter SPD primär gegen die Russische Föderation bleibt aktuell. Und vergessen werden sollte nicht jener völkerrechtswidriger Angriffskrieg unter »SPD-Schröder« mit dem leider erfolgreichen Ziel der Zerschlagung der Bundesrepublik Jugoslawien
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Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (9. Februar 2026 um 11:14 Uhr)Ein solches »Konjunktur-Programm« hatten wir im vergangenen Jahrhundert bereits zwei Mal. Das erste Mal unter Kaiser Wilhelm II. sowie mit der geschlossenen Zustimmung der damaligen SPD (4. August 1914). Das zweite Mal unter dem Diktator Adolf Hitler (ab 1933). Die Ergebnisse sind bekannt. Wollen wir einen solchen Wahnsinn etwa auch noch ein drittes Mal zulassen, gegen den eindeutigen Willen der überwiegenden Mehrheit des Volkes?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (9. Februar 2026 um 12:23 Uhr)»Im Gespräch mit dem Gerichtspsychologen Gilbert erläutert Göring, wie er über das Verhältnis von Führer, Volk und Krieg denkt: ›Natürlich, das Volk will keinen Krieg. Warum sollte irgendein armer Landarbeiter im Krieg sein Leben aufs Spiel setzen wollen, wenn das Beste ist, was er dabei herausholen kann, dass er mit heilen Knochen zurückkommt. Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg; weder in Russland noch in England noch in Amerika und ebenso wenig in Deutschland. Das ist klar. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt.‹« Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-ns-elite-beim-nuernberger-prozess-luegen-leugnen-100.html
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