Sittenwidrigkeit des Tages: Lustige Bahn-Werbeclips
Von Marc Bebenroth
Wer hat gesagt, dass sich Konzernpropaganda neuerdings von den Erlebnissen der Kunden sowie der Beschäftigten inspirieren lassen und mit zwinkerndem Auge den Zuschauer ankumpeln darf? Und das auch noch von unseren Zwangsgebü… Steuergel… Zugtickets! Sieben Millionen Euro soll der seit Herbst im Netz abrufbare Spaß gekostet haben, wie Springers Sittenwächter laut Bericht von Bild am Sonntag nun erfahren haben. Mutige Whistleblower mit Zugang zum Geheimnisschutzraum im Bundestag sollen sich vertrauensvoll an die höchste Autorität für Anstand und Pietät gewandt haben. Schließlich sind seit dem Tod eines Schaffners, »der nur seinen Job gemacht hat«, nach einer Attacke durch einen Ausländer ohne gültigen Fahrschein nur wenige Tage vergangen.
Die Deutsche Bahn AG hatte bis dahin die Rechnung für ihre Miniserie »Boah, Bahn!« im Giftschrank liegen. Zu groß war die Angst, die Öffentlichkeit könnte von der Verschwendungssucht des Unternehmens mit einem Jahresumsatz im zweistelligen Milliardenbereich erfahren. Für 2024 vermeldete der Konzern als operatives Ergebnis (EBIT) einen Verlust von 634 Millionen Euro. Bei dem Exzess der PR-Abteilung kein Wunder!
Und was hat die dafür vorzuweisen? Neun Videos, die bis zum 15. Oktober 2025 im Internet veröffentlicht worden waren. Die fiktionale Minidoku über ein Team von Zugbegleitern an Bord eines ICE wurde von einem »Stromberg«-Profi in Szene gesetzt und sieht ungemein hochwertig aus. Der Cast um Anke Engelke beherrscht sein Handwerk. Zahlreiche Statisten, nicht wenige mit Sprechrollen, füllen die Szenerie. Gedreht wurde in offenbar echten Zügen.
Der Deutschen Bahn ist das Lachen vorerst vergangen. Die Selbstironieshow hat ein Ende. Kommunikationschef Jens-Oliver Voß zu Bild: 2026 gibt es keine Fortsetzung der Kampagne. Dies passe »nicht in die Zeit«. Anders als die Rufe nach mehr Security- und Kameraüberwachung an den Bahnhöfen und in den Zügen.
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