Der Unaufhaltsame
Von Oliver Rast
Er wischt mit dem rechten Daumen über das Display. Clips flackern auf, in schneller Abfolge, einer nach dem anderen. Dann hält er inne – und startet die Sequenzen eines Kurzvideos. »Ich zeig dir mal was«, sagt er. Zu sehen ist ein kleiner Boxdummy auf einem Standfuß, mitten im Wohnzimmer, vor der Balkontür mit lichtdurchlässigen Voile-Gardinen. Davor steht ein Knirps mit übergroßen Boxhandschuhen. »Ich habe die kaum halten können«, sagt er. Abhalten lässt er sich nicht. Er zielt auf den knallroten Punchingball, holt aus, trifft. Einmal, zweimal, dreht dann den Kopf über die linke Schulter – und strahlt.
Ziel erfassen, Treffer landen, Wirkung entfalten, Erfolge feiern. Ein Vierklang, der später zu seinem Auftrag werden wird. Für Victor Cakiqi. Für den Berliner Profiboxer. Für Deutschlands Nummer eins im Weltergewicht, im Limit bis maximal 147 Pfund bzw. 66,6 Kilogramm. Doch nun beginnt ein neuer Abschnitt; kein Karriereknick, sondern ein Sprung nach vorne, nach oben – so stellt es sich der 23jährige vor. Und er erzählt weiter.
Voller Adrenalin
Ende Januar in Charlottenburg, unweit des Savignyplatzes. Mitten im alten Westberlin. Auf dem Gehweg der Bleibtreustraße knirscht Granulat unter den Schuhen auf gefrorenem Schnee. Die Kälte hängt schwer in der Abendluft vor »Nicki’s Mommsen«, einem nachbarschaftlichen Wohlfühlrestaurant mit exzellenter Pasta und erstklassigem Tiramisu. Draußen dominiert tintenschwarzes Dunkel, drinnen glimmt weiches Licht über dem behaglichen Interieur. Genau hier will sich Cakiqi treffen.
Hinter dem großen Frontfenster links vom Eingang hat er Platz genommen. An einem Vierertisch. Im schneeweißen Jogginganzug, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, die Unterarme angewinkelt auf der Tischkante. Seine metallic‑schwarze Steppjacke hängt locker über der Holzstuhllehne.
Er nimmt einen kleinen Schluck aus einem schmalen Glas Mineralwasser, nippt noch einmal. »Victor – mein Vorname ist kein Zufall.« Er schiebt das Smartphone beiseite über das cremeweiße Zierdeckchen an den Tischrand. »Ich bin ein Typ, der Adrenalin braucht.« Von klein auf. »Immer«, sagt er – und blickt dabei ernst. Sehr ernst. Fast todernst. Als müsse sich jede Nachfrage an dieser Stelle erübrigen. Sein Blick verliert die Härte, seine Gesichtszüge entspannen sich.
Erster Punch
Bloß wie das Stresshormon kanalisieren? Kicken auf dem Bolzplatz, wie so viele andere Jugendliche? Für Cakiqi keine Option. Ballern im Ring schon eher. Mit elf Jahren hatte er seinen ersten Auftritt, beim traditionsreichen Berliner Juliusturm‑Nachwuchsturnier. Damals als Teen aus der Boxabteilung der Neuköllner Sportfreunde (NSF), später wechselte er zu Stahl Schöneweide in Treptow, im Ostteil der Stadt.
Schnurstracks ging es weiter: als nationaler Kaderboxer an Bundes- und Olympiastützpunkten. Unterm Strich stehen 70 Amateurkämpfe, 64 Siege. Eine stolze Bilanz. Dann der Einstieg ins Profilager – für Cakiqi ein logischer Schritt. 2022 war das. Entschieden hat eine Art Familien- und Freundesrat: sein Vater und ein enger Familienfreund. »Seitdem bin ich Profiboxer«, sagt Cakiqi. Und nein, Antrieb von außen brauchte er dafür nicht. Niemals. »Für mich gab es immer nur eine Linie.« Nur eine? »Ja: boxen, boxen, boxen.« Das sei sein »Plan A« gewesen, eine B‑ oder C‑Variante habe es für ihn nie gegeben.
Das heißt auch: Cakiqi muss nicht nebenbei jobben. Er wird aus seinem persönlichen, familiären Umfeld unterstützt. Ein Privileg. Seinem Mentor und Vater hingegen fehlte dieser Support für eine eigene Boxerlaufbahn. Er kam aus dem Kosovo, »mit nichts, musste bei null anfangen«, erzählt der Sohn ehrfurchtsvoll. Auch deshalb setzt Cakiqi alles daran, erfolgreich zu sein. Nein, er vermisse nichts, müsse sich »nicht auf Partys ausleben«. Er wolle jeden Moment nutzen, um sportlich voranzukommen.
Anfangs war alles noch Low Level – aber voller Passion. Die ersten vier Fights auf professioneller Bühne hat Cakiqi allein vorbereitet. Und während der Duelle? Da standen sein Vater oder der enge Familienfreund als Betreuer in der Ringecke. Im Februar 2024 unterzeichnet Cakiqi bei KUC Boxpromotion (KBP), dem renommierten Boxstall von Promoter Almin Kuc aus Berlin. Vieles sprach für KBP, außerdem kannten sich die Familien. »Wir dachten, okay, das wird passen«, sagt Cakiqi. Hat es dann nicht. Im Dezember, kurz vor Weihnachten, kündigte KBP die Kooperation – mit sofortiger Wirkung, ohne weitere Erklärungen. Die Vorstellungen über die Karriereplanung gingen auseinander. »Vor Beginn der Zusammenarbeit war ich im Weltranking auf Platz 48«, erzählt Cakiqi. Trotz der absolvierten Kämpfe sei er in dieser Zeit keinen Schritt weiter nach oben gekommen. Zudem seien angesetzte Fights kurzfristig abgesagt worden. »Ich will aber kämpfen, ich mache nichts lieber als das.« Er brauche Gegner, die ihn im Ranking nach oben katapultieren. »Stillstand ist für mich keine Option.« Was Cakiqi wichtig ist: Beide Seiten sind ohne »böses Blut« auseinandergegangen.
Aber: Will er nicht zu schnell zuviel? Würde er sich nicht zu früh auspowern bei noch mehr Karrieretempo? Immerhin ist er unter Promoter Kuc Deutscher Meister beim Bund Deutscher Berufsboxer geworden. Cakiqi schüttelt den Kopf, nippt erneut an seinem Wasserglas. »Du brennst aus, wenn du zu oft gegen No‑Name‑Boxer antrittst.« Die Gefahr besteht, selbst gegen einen solchen Gegner einen Lucky Punch zu kassieren – und tief in der Rangliste zu fallen. »Das wäre, jemanden ins Feuer werfen.«
Blick auf die Weltspitze
Für Cakiqi bedeutet die Trennung: neu sortieren, neu ausrichten – und weitermachen. Also geht es zunächst ohne Promoter weiter. Und vor allem mit der Dreiertrainingsgruppe unter Anleitung von Georg Bramowski, einem Erfolgscoach, der jahrelang Assistent von Trainerlegende Ulli Wegner war. Cakiqi trainiert mit den Supermittelgewichtlern Osleys (Olesio) Iglesias und Max Suske. Der Kubaner Iglesias ist Weltmeister nach Version der IBO. Beim Boxtrio ist alles durchgetaktet, fast kaserniert: morgens wach werden, frühstücken, Mittag essen, Abendbrot essen, Nachtruhe. Und klar – dazwischen wird trainiert. Nur trainiert, von einem Schlummerstündchen mal abgesehen.
Der Aufwand hat ein klares Ziel: einen WM‑Gürtel. »Im Weltergewicht kann ich jeden schlagen, wenn ich optimal vorbereitet bin.« Mit 25, 26 Jahren will er in Vollreife sein. »Dann kann kommen, wer will!« Sicher, es gebe stets noch Dinge zu verbessern, man sei nie komplett. Zumal: »Jeder Schlag, der nicht trifft, ist ein Fehler.« Eine Devise, eine Marschroute.
Will er den DM‑Titel noch einmal verteidigen? Eher nicht. Er will höher hinaus, internationales Flair schnuppern. Mit Deutschland, aber nicht in Deutschland. Ein Ortswechsel könnte anstehen, vielleicht nach London, um Erfahrungen zu sammeln. Von dort könne es anschließend überall hingehen.
Die Chance ist da – jetzt. WBC‑Interims‑Schwergewichtsweltmeister Agit Kabayel und Superwelter‑Spitzenmann Abass Baraou haben die Türen im deutschen Profiboxen wieder weit geöffnet. »Wir haben es in der Hand, was wir daraus machen«, sagt Cakiqi. Kabayel und Baraou seien Musterbeispiele – vom Underdog zum Topdog. Ohne diesen Anspruch bleibt man unten. Und dort sieht sich Cakiqi nicht. Binnen eines Jahres will er triumphieren, einen Interconti‑Gürtel eines großen Weltverbands im Seilquadrat in die Höhe recken, mindestens. Als Clip jederzeit abrufbar – mit einem Daumenwischer über das Smartphone-Display. So wie damals, als alles begann.
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