Der Leberking
Von Oliver Rast
Den smaragdgrünen Gürtel mit der güldenen Plakette hat er leger über der linken Schulter hängen. Die richtige Pose für das Interview in der Ringmitte kurze Zeit nach dem Urteil: Sieg durch technischen Knockout in Runde drei. »Wir haben der Welt gezeigt: Das deutsche Boxen lebt«, sagt er. Und: »Uns war klar, wir würden das Finish holen, und wir haben es getan!« Nun seien er und seine Fans reif für den ganz großen Titel, reif für die Weltmeisterschaft im Schwergewicht, reif für mehr als den Interimsgürtel des World Boxing Council (WBC). Um die finale Krönung soll es gehen. Im Idealfall gegen das Nonplusultra in seiner Gewichtsklasse, den ukrainischen Megachampion Olexander Usyk.
Der, der das alles durchs Mikro sagt, heißt Agit Kabayel. Und der 33jährige Boxer sagt noch mehr: »Hemû ji bo Kurdistanê« (»Alles für Kurdistan«), »Free Rojava!« Politische Statements eines Bochumers mit türkisch-kurdischen Wurzeln. Vor dem Publikum in der mit 13.000 Plätzen ausverkauften Alfred-Weber-Arena in Oberhausen am Sonnabend abend und vor Millionen TV-Zuschauern weltweit.
Nebenbei: Es ist keine Floskel, Kabayel hat sich seit frühester Jugend durchboxen müssen. Eine typische Migrantengeschichte mit Knastepisode aus dem Ruhrpott. Seine Eltern hatten in Bochum-Wattenscheid eine Dönerbude. Das Hinterzimmer war zwischenzeitlich der Wohnraum der fünfköpfigen Familie. Kabayel kennt das, »ganz unten« zu sein, bei null anzufangen. Und wie. In den vergangenen Jahren hatte er sich systematisch in der Weltrangliste nach oben gefightet. Mit seinem langjährigen Trainer Sükrü Aksu, seinem »zweiten Vater«, wie der sportliche Ziehsohn betont. Ein Pfundskerl ist längst aus ihm geworden. Seine Spezialität: der Leberhaken. Deshalb Kabayels Spitzname: »Leberking«.
Wochenlang mobilisierten Medien und Fanbase für den Kampf in Oberhausen. Auf das »Homecoming«. Denn die drei Fights zuvor hatte Kabayel allesamt in Saudi-Arabien absolviert. Gegen namhafte Kontrahenten aus den Top 20. Nun stand seine Rückkehr auf heimischen Brettern an. Gegen Damian Knyba aus Polen. Kein Überflieger, aber ein solider Fighter mit satter rechter Schlaghand, vor allem gefährlichen Uppercuts.
Bisher war Kabayel meist der Underdog auf dem Weg zur Weltspitze. Diesmal war es anders, diesmal war er der Favorit. Kein einfacher Rollentausch. Zum Beleg der Kampfreport im Telegrammstil: Der Herausforderer tritt martialisch im Husarenkostüm aus dem Kabinentrakt in die Arena. Ein symbolischer Aufzug, mutig und tollkühn will er sein.
Attribute, die der »Polish Hussar« in den ersten drei Minuten erfüllt. Knyba punktet – mit Aufwärtshaken. Schulbuchmäßig. Der Titelverteidiger kommt hingegen schwer auf Temperatur, bleibt ohne klare Aktionen. Im Gegenteil. Coach Aksu poltert aus der Ringecke: »Du läufst in jede Hand rein.« Schlimmer noch: Cut. Am rechten Oberlid. Eine sensible Stelle, das Auge droht rasch zuzuschwellen. Viel Arbeit für den Cutman schon in der ersten Rundenpause.
Runde zwei. Knyba hält Kabayel mit seiner Reichweite auf Distanz – Devise: Bloß kein Infight. Aksu bleibt lautstark: »Agit, arbeite!« Den Oberkörper, die Hüfte solle er beim Schlag mitnehmen. Der Lokalmatador findet langsam in den Kampf, drängt vorwärts, kombiniert, geht zum Kopf, geht zum Körper. Knyba kontert, agiert weiterhin ebenbürtig. Dritte Runde: Kabayel verschärft das Tempo, ist explosiver. Trifft. Die Folge: Riss bei Knyba am linken Jochbein, Blut rinnt über die Wange. Endlich kann der Favorit seinen Gegner in Nahdistanz an den Seilen stellen, harte Kopftreffer landen. Knyba wirkt angeknockt, wankt. Ist er noch verteidigungsfähig? Der Unparteiische verneint, bricht den auf zwölf Runden angesetzten Fight ab. Vorzeitig. Einige Beobachter meinen zu zeitig.
Wie auch immer, Kabayel wird nach dem Kampf selbstkritisch einräumen: »Ich habe mich zuerst nicht an den Gameplan vom Coach gehalten.« Steif sei er gewesen, verkrampft. Vielleicht auch beeindruckt von der Kulisse, gelähmt vom hohen Erwartungsdruck. Schließlich hat er seine Linie gefunden, ist zurückgekommen. Ein erfolgreiches Homecoming – wenngleich ohne Karacho.
Und nun? Ein Kampf gegen Usyk? Tatsächlich fraglich. WBC-Verbandspolitik im Millionenpoker Profiboxen war, ist und bleibt undurchsichtig. Eines hat Kabayel in jedem Fall ausgelöst: einen neuen Boxsporthype hierzulande – allein dafür war die Kampagne richtig: »Alle für Agit!«
Das sehen Kabayels Berufskollegen ähnlich. Beispielsweise Freddy Kiwitt. Agit habe in zurückliegenden Kämpfen Weltklasseniveau gezeigt. »Er kann mit den Besten mithalten«, betonte der Weltmeister nach Version der World Boxing Federation (WBF) im Superweltergewicht am Sonntag gegenüber jW. Und: Ein Fight gegen Usyk wäre absolut verdient, »und ich finde, er hat definitiv gute Chancen.« Übrigens: Kiwitt klettert am kommenden Sonnabend in Flensburg selbst ins Seilquadrat, muss seinen Gürtel verteidigen – und profitiert vielleicht von der Aufbruchstimmung. Mehr Zuschauer, mehr Berichterstattung, mehr Renommee.
Darauf setzt auch Superfedergewichtler Alen Rahimic im Gespräch mit dieser Zeitung. Denn niemand mehr als Kabayel hätte Anrecht auf einen fulminanten Titelfight. Vor allem: »Veranstaltungen wie in Oberhausen braucht Boxsport-Deutschland.« Auch, damit große private oder öffentlich-rechtliche TV-Anstalten Kampfabende übertragen, Verträge mit Promotern längerfristig abschließen.
Dafür braucht es aber viel Überzeugungsarbeit, weiß Melvin Kahrimanovic. Denn das deutsche Profiboxen habe in den vergangenen Jahren viel an Glaubwürdigkeit verloren, so der Cruisergewichtler, der wie sein Stallkollege Rahimic am 7. Februar seinen vierten Profikampf in Berlin bestreiten wird. Kleinste Veranstaltungen wurden in der Vergangenheit zu bedeutenden Events aufgeblasen, bei denen die sportlichen Leistungen »selbsternannter Weltmeister« aber selten gestimmt hätten. Eintrittskarten gingen nicht weg, Livestreams wurden nicht abonniert. Aber: Eine Trendwende ist möglich. Kabayel habe sich auf internationaler Bühne bewiesen – »und zeigt echten, ehrlichen Wettkampf«. Jetzt auch wieder in Deutschland.
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