Vor Kwangju war Sabuk
Von Martin Weiser
Im Mai 1980 erfuhr die Welt dank der Aufnahmen von Jürgen Hinzpeter, wie in der südkoreanischen Stadt Kwangju Soldaten die Demonstranten ermordeten. Für die Ereignisse im Dorf Sabuk am anderen Ende des Landes im Monat zuvor interessierte sich die Weltöffentlichkeit nicht. Dort eskalierte der Konflikt mit dem unrechtmäßigen Gewerkschaftsvorsitzenden in der großen Dongwon-Kohlemine zu einem Arbeiteraufstand. Ein Jahr zuvor hatte der unternehmerfreundliche Kandidat Lee Jae Gi seine Wiederwahl nur mit gefälschten Stimmen erreicht. Sogar der Dachverband der Bergarbeiter hatte die Wahl für ungültig erklärt, doch eine neue Wahl wurde nie durchgeführt. Dass Lee dann im April 1980 auch noch die Forderung nach 40 Prozent mehr Lohn verwarf und sich heimlich mit der Unternehmensführung auf 20 Prozent einigte, brachte das Fass zum Überlaufen. Am 21. April fotografierte ein Polizeispitzel Arbeiter, die gegen diesen Deal protestierten. Er wurde dabei ertappt, versuchte, in einem Jeep zu fliehen, und überfuhr dabei einen der Bergarbeiter. Dieser Mord mobilisierte praktisch alle 3.000 Kumpel in Sabuk und ihre Familien. Sie streikten für höhere Löhne und die Direktwahl eines neuen Gewerkschaftsvorsitzenden. Weil man Lee Jae Gi nicht finden konnte, hielt man seine Frau als Geisel. Einige Arbeiter misshandelten sie schwer.
Die Polizei scheiterte am nächsten Tag mit ihrem Versuch, das Dorf zu stürmen, das nur über einen Tunnel zu erreichen war. Als die Arbeiter von oben mit Steinen warfen, wurde einer der Polizisten tödlich am Kopf getroffen. Dutzende weitere wurden verletzt. In den frühen Morgenstunden des 24. April gelang dem Provinzgouverneur Kim Seong Bae die Schlichtung und damit eine Niederschlagung des Streiks durch die Armee zu verhindern, die Südkoreas Militärdiktatur bereits in Stellung gebracht hatte. Die Arbeiter wähnten sich daraufhin in der trügerischen Sicherheit, keine Repressalien fürchten zu müssen. Aber in den nächsten Tagen verschleppte eine Untersuchungskommission aus Militär und Polizei mehr als 100 von ihnen, folterte sie teils wochenlang und ließ 28 von ihnen von einem Militärgericht verurteilen. Die Diktatur hatte versucht, Geständnisse zu erpressen, wonach der Arbeiteraufstand von Nordkorea oder dem südkoreanischen Oppositionellen und späteren Präsidenten Kim Dae Jung befohlen wurde. Doch sie scheiterte kläglich und kehrte den ganzen Vorfall dann unter den Teppich. Kim Dae Jung wurde nur wenig später für die angebliche Anstachelung des Aufstands in Kwangju festgenommen und zum Tode verurteilt.
Die Demokratiebewegung in Kwangju wurde schnell zu einem wichtigen Pfeiler der südkoreanischen Geschichtsschreibung. Jürgen Hinzpeters Verdienst, in Kwangju zu filmen und das Material außer Landes zu schaffen, wurde 2017 mit dem südkoreanischen Kinofilm »Taxi Driver« ein weiteres Denkmal gesetzt. Mehr als zwölf Millionen Mal wurde er allein im Kino angesehen. Die Dokumentation »1980 Sabuk« von Park Bong Nam, die seit Oktober in den südkoreanischen Kinos läuft, wird diese Zahl wohl nie erreichen. Aber sie ist schon jetzt der am längsten laufende Indiefilm des Landes. Das mag an der eigentlichen Hauptfigur des Films liegen: Hwang In Uk. Der Sohn einer Bergarbeiterfamilie in Sabuk war dreizehn, als die Folterer in sein Dorf kamen. Während er mit dem Sohn des Gewerkschaftsführers Lee Jae Gi befreundet war, stieg sein Bruder Hwang In Oh letztlich zum Vereinsvorsitzenden der Folteropfer auf, die auch heute noch für ihre Anerkennung kämpfen. Der Film folgt vorsichtig aber nachdrücklich der Frage, wie Versöhnung nach all dem möglich sein kann. Er wurde am Sonntag auch in Berlin im Sinema Transtopia gezeigt; Hwang In Uk beantwortete im Anschluss die Fragen des Publikums.
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