Strengere Regeln für Nestlé und Co.
Von Luca von Ludwig
Als wären die üblichen kleinen und großen Sorgen mit dem lieben Nachwuchs nicht genug, dürfen Eltern auf der ganzen Welt schon seit Monaten sprichwörtlich russisches Roulette bei der Nahrungswahl spielen. Nachdem bereits im Januar Verunreinigungen von Säuglingsnahrung mit dem bakteriellen Toxin Cereulid bei Produkten von Nestlé bekannt geworden waren, senkte Frankreich Ende vergangener Woche die Zulässigkeitsgrenzen drastisch ab. Zwischenzeitlich waren auch Babynahrungsmittel der französischen Unternehmen Danone und Lactalis vom Markt genommen worden, zuletzt erst am Freitag abend drei Chargen in der BRD.
Am Montag zogen dann die französischen Hersteller Popote und Vitegermine ebenfalls insgesamt fünf Produktchargen zurück – in diesem Fall allerdings nur, weil diese zwar noch im Zulässigkeitsbereich der alten Bemessung lag, jedoch nicht mehr in dem der neueren, strengeren Regeln. Vor Freitag galten in Frankreich noch 0,03 Mikrogramm Cereulid pro Kilogramm Körpergewicht als zulässig; die Grenze wurde nun auf lediglich 0,014 Mikrogramm je Kilo mehr als halbiert.
Nach einer Aufforderung der EU-Kommission sollte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) am Montag eine Grenzwertempfehlung für den Stoff in Kindernahrung veröffentlichen. Informationen hierzu lagen bis jW-Redaktionsschluss allerdings noch nicht vor. Cereulid kann beim Verzehr – wobei bei kleinen Kindern aufgrund ihrer geringen Körpermasse bereits kleine Mengen genügen – zu Übelkeit und Erbrechen führen.
Der aktuelle »Babymilchskandal« nahm im Januar mit einer eher unscheinbaren Meldung über Rückrufe beim Lebensmittelgroßkonzern Nestlé seinen Anfang. Lediglich das Ausmaß – 800 Produkte in 60 Ländern – ließ aufhorchen. Zunächst sagte das Unternehmen zwar, dass der Rückruf rein vorsorglich erfolge und es keine bekannten Symptome im Zusammenhang mit den betroffenen Marken Alfamino und Beba gegeben hätte. Wie Alina Nitsche von der Nichtregierungsorganisation Foodwatch aber in einem Interview mit jW darlegte, ist dies jedoch »nur sehr schwer nachzuprüfen«, da der kausale Zusammenhang für die meisten Eltern kaum festzustellen sei.
Schnell wurde klar, dass der Skandal über Fehler im Produktionsprozess hinausgeht. Wie Nachforschungen durch Foodwatch ergaben, wusste Nestlé bereits einen Monat vorher von den Problemen; nach Angaben der Lebensmittelaufsicht der Niederlande war bereits am 9. Dezember Meldung ergangen, dass eine Belastung mit dem Gift vorlag. Dort leiteten die Behörden jedoch kein Rückrufverfahren ein. Schon am 1. Dezember stellten zudem die italienischen Behörden Verunreinigungen fest, die jedoch erst mehr als eine Woche später an das europäische Meldesystem übermittelt wurden, so Foodwatch. Nestlé räumte mittlerweile sogar ein, bereits Ende November Cereulid in seinen Zutaten entdeckt zu haben.
Im Januar folgte ein Rückruf beim französischen Hersteller Lactalis. Auch hier betraf die Maßnahme viele Länder, von Frankreich über Mexiko bis China. Kurz darauf gab es eine ähnliche Aktion von Danone. In Frankreich nahmen die Strafverfolgungsbehörden weitere Ermittlungen auf, nachdem im Zeitraum der Rückrufe zwei Babys nach Verdauungsproblemen gestorben waren. Beide waren mit Produkten der betroffenen Marke Guigoz von Nestlé gefüttert worden. Ein Kausalzusammenhang konnte bisher nicht belegt werden.
Foodwatch kündigte vergangene Woche an, wegen des späten Informierens der Öffentlichkeit Klage gegen Nestlé und die zuständigen Behörden zu erheben. Demnach haben sich mindestens acht Familien, die meinen, von den Verunreinigungen betroffen gewesen zu sein, der Klage angeschlossen.
Bezüglich der Ursachen hielten sich die Konzerne zunächst bedeckt, schließlich wurde jedoch mit dem Finger auf einen Zulieferer aus dem chinesischen Wuhan gezeigt. Französische Hersteller gaben an, den fraglichen Inhaltsstoff vom Unternehmen Cabio Biotech erhalten zu haben. Diese gilt als der weltweit größte Hersteller von Arachidonsäure, die in Babymilchpulver zum Einsatz kommt.
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