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Aus: Ausgabe vom 03.02.2026, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Psychiatrie

Gib ihm das Tablet

Virtueller Autismus. Digitale Medien und ihre Wirkung auf die Kindesentwicklung
Von Felix Bartels
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Eine Welt, in der das Kind sich buchstäblich verlieren kann: Der über Smartphones jederzeit verfügbare Zugang zum Internet hat schädliche Auswirkungen

Momente der Entlastung können erkauft werden. Mit Folgen, die Eltern gewiss nicht wollen. Früher Kontakt mit digitalen Medien prägt Heranwachsende in mehrfacher Hinsicht, nicht bloß in Form von Konzentrationsmangel, Reizüberflutung oder fragwürdigem Mindset. Seit 2020 etwa ist das Schlagwort »virtueller Autismus« in der psychiatrischen Fachwelt. Es bezeichnet Effekte, die durch frühkindlichen Kontakt mit digitalen Medien hervorgerufen werden und den Symptomen des Autismus ähnlich sind.

Wer von Autismus redet, muss zunächst unterscheiden zwischen der medizinischen Diagnose und dem populären Gebrauch des Begriffs. In der Tat ist die Zuschreibung in Mode geraten, nicht immer scheint sie zutreffend, dafür besitzt sie um so mehr Attraktivität. Menschen, die therapeutische Hilfe benötigen, brauchen eine Diagnose, um im Gesundheitssystem an betreffende Leistungen zu gelangen. Was nicht heißt, kann nicht abgerechnet werden. Doch auch für sie selbst hat die Zuschreibung Vorzüge, man lagert das eigene problematische Verhalten aus, wähnt sich krank, wo man eigentlich an sich arbeiten müsste, bewegt sich unbewusst zwischen Selbstmitleid und Distinktion, man ist ja was Besonderes und kann nichts für sein zertifiziertes Leiden. Nicht immer leicht, im Einzelfall diese Komplexe von tatsächlich autistischen Strukturen zu unterscheiden.

Diese Schwierigkeit hat damit zu tun, dass »Autismus« ein Bündel von Verhaltensweisen beschreibt, das heißt, eine an Symptomen orientierte Diagnose ist. Zugleich aber meint der Begriff stets eine zugrunde liegende neurologische, nach Forschungslage zum großen Teil genetisch bedingte Disposition: eine Entwicklungsstörung im Gehirn, die sich in starken Problemen mit anderen Menschen äußert, in der Kommunikation wie im Umgang, und in wiederholten, stereotypen Handlungen. Solche Auffälligkeiten aber können auch durch andere Ursachen denn neurologische verursacht werden und wären in diesem Fall nicht Symptome von Autismus. Die früher geläufige, strenge Trennung zudem eines frühkindlichen Autismus vom Asperger-Syndrom (das in der Regel erst bei Erwachsenen diagnostiziert wird, weil hier im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus die intellektuelle und sprachliche Entwicklung der Betroffenen unauffällig verläuft), wurde 2019 mit dem ICD-11 aufgehoben. Statt von Autismus und Asperger zu sprechen, fasst man die betreffenden Symptome nun unter »Autismus-Spektrum-Störung« (ASS) zusammen.

Das Spektrum schließt deutliche Schwierigkeiten im Sozialverhalten und der Kommunikation ein, sich wiederholende, stereotype Handlungen und Körperbewegungen, Wiederholen mechanisch wirkender »Standardphrasen« (Perseveration) sowie von gehörten Wörtern oder Phrasen (Echolalie), verzögerte Sprachentwicklung, keinen oder bloß flüchtigen Blickkontakt, Einschränkungen bei Gesichtsausdrücken, sozialen Rückzug, Verständnisprobleme bei Inhalten über den unmittelbaren Wortlaut hinaus (Ironie, Metaphern, Tonfälle, rhetorische Fragen), intensive Beschäftigung mit speziellen Themen bei Desinteresse an anderen Themen, eingeschränkte Fähigkeit zur Empathie. Von »Spektrum« spricht man, weil im Einzelfall alle, wenige oder auch bloß eines dieser Symptome festgestellt werden können. Keines der genannten ist bei jeder Person anzutreffen, die im Spektrum verortet wird. Die ASS-Diagnose folgt also recht eigentlich Wittgensteins Modell der Familienähnlichkeit, die man nicht an einem Merkmal festmachen kann, vielmehr an einem variablen Ensemble, was im therapeutischen Zusammenhang einen differenzierteren, dem jeweiligen Menschen gerechter werdenden Umgang wie auch ein besseres Verständnis seiner Probleme ermöglicht.

Von virtuellem Autismus zu reden scheint demnach zunächst eine oberflächliche Annäherung. Denn es ist unstrittig, dass Verhaltensweisen, die den ASS-Symptomen ähneln, auch durch andere Ursachen bedingt sein können. Da ASS aber als verzögerte oder verhinderte Entwicklung im Gehirn gefasst wird, dürfte der virtuelle Autismus mehr sein als eine Analogie. Auch wenn er als Diagnose noch nicht zugelassen und forschungsmäßig nicht hinreichend erschlossen ist, rührt das, was seiner Definition nach Ursache sein soll, die neurologische Entwicklung an.

Der Gebrauch von Smartphones, TV-Screens, Tablets usw. kann ein Fenster zur Welt sein, aber eines kann er nicht ersetzen: soziale Interaktion und Erfahrung. Neuere Studien haben bei Kindern zwischen ein und vier Jahren ein Zusammentreffen von ASS-ähnlichen Symptomen mit höherer Bildschirmzeit und geringerer Eltern-Kind-Interaktionszeit festgestellt. Das Phänomen ist zugleich abhängig von der Qualität der Eltern-Kind-Interaktion (nicht nur von der Quantität). Zudem scheint eine höhere Bildschirmzeit bei Kindern, die bereits an ASS leiden, die Symptome zu verstärken. Zu denen gehören unter anderem kein kontinuierlicher Blockkontakt, geringe Aufmerksamkeitsspanne, keine Reaktion beim Hören des eigenen Namens, Schwierigkeiten, Umgebung und Mitmenschen wahrzunehmen. Den Studien zufolge können die Symptome sich zurückbilden, wenn der Konsum digitaler Medien besser geregelt und die gewonnene Zeit mit Spiel und gemeinsamen Aktivitäten gefüllt wird.

Auch wenn die Evidenzbasis speziell zu virtuellem Autismus noch dünn, die Erforschung des Phänomens noch unreif ist, der Zusammenhang, um den es geht, scheint plausibel. Digitale Medien unterscheiden sich von klassischen Medien durch ihre Möglichkeit zur Immersion. Kein Bilderbuch, kein Lied, kein plastisches Spielzeug kann eine Welt imaginieren, in der das Kind sich buchstäblich verlieren kann. Digitale Medien können den Eindruck veritabler Umwelt für längere Zeit nahezu vollständig ersetzen, und zugleich fehlt dabei die Interaktion mit der Umwelt bzw. den Mitmenschen. Das visuell und auditiv reizvolle Geschehen auf dem Bildschirm fesselt die Aufmerksamkeit, Kinder wachsen allerdings vermittels Nachahmung und an Interaktion. Die weiße Substanz im Gehirn, die hauptsächlich aus myelinisierten Nervenfasern besteht und für die Kommunikation und den Informationsaustausch zwischen verschiedenen Hirnregionen zuständig ist, bleibt bei zu viel Bildschirm- und zu wenig sozialer Zeit unterentwickelt, und diese Entwicklung kann späterhin kaum noch oder gar nicht mehr nachgeholt werden.

Psychiatrische Empfehlungen orientieren sich daran. Kinder unter drei Jahren sollten nach Möglichkeit gar keine Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Kinder zwischen drei und sechs Jahren nicht mehr als 30 Minuten am Tag. Die Zeit vor dem Gerät sollte dabei nicht allein der Entlastung der Eltern dienen, gemeinsames Schauen kann den Mangel an sozialer Interaktion wenigstens etwas kompensieren.

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