Gegründet 1947 Donnerstag, 29. Januar 2026, Nr. 24
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.01.2026, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Gewerkschaftspolitischer Nachruf

¡Hasta la victoria, compañero!

Ein Leben im Einsatz für die Arbeiterklasse. Der Tod unseres Kollegen und Genossen André Scheer ist auch für Verdi ein riesiger Verlust
Von Orhan Akman
15.JPG
Gewerkschaftsdelegation mit André (hinten rechts) und Orhan (vorn, 3. v. r.) bei der kommunistischen Wochenzeitung Voz mit Carlos Lozano, damals Chefredakteur und Führungsmitglied der Kommunistischen Partei Kolumbiens (Bogotá, August 2016)

Ihr werdet euch bestimmt gut verstehen«, meinte Claudia, die Lebensgefährtin von André Scheer, noch lange bevor André und ich uns persönlich kennenlernen durften. Sie kenne ich seit 2000, als wir beide den 65. Lehrgang an der Europäischen Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main besuchten. Im August 2016 habe ich dann André endlich das erste Mal getroffen. Das war am internationalen Flughafen der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Eine langjährige und tiefe Freundschaft begann. André und Claudia waren zusammen mit einer Gewerkschaftsdelegation, bestehend aus Kolleginnen und Kollegen von Verdi und der GEW, nach Kolumbien gereist. Ich arbeitete als politischer Sekretär für den internationalen Gewerkschaftsdachverband UNI Global Union, dem auch Verdi angehört, in Lateinamerika.

Noch am ersten Abend saßen André und ich bei einem Getränk zusammen und hatten viel zu besprechen. Es fühlte sich so an, als würden wir uns seit Jahren kennen und gemeinsam für die Sache der Arbeiterklasse aktiv sein. André sprach fließend Spanisch und übersetzte mit mir während der Delegationsreise, die uns durch Kolumbien und Perú führte. Zu dieser Zeit war der Friedensprozess um den bewaffneten Konflikt zwischen der Regierung unter dem Präsidenten Juan Manuel Santos und den Guerilleros der FARC (Las Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) in vollem Gange. Dieser Konflikt und dessen Beendigung gehörten auch nach der Reise zu unseren Diskussionsthemen.

Uns verband das gemeinsame Interesse an den Kämpfen in ganz Lateinamerika. Während und nach der Reise schrieb André nicht nur für die junge Welt, sondern auch für die Verdi-Zeitung Publik Artikel über die dortigen Auseinandersetzungen. Ein paarmal ging es auch um den Kampf der Gewerkschaften als Solidargemeinschaft für meine Wiedereinreiseerlaubnis nach Perú, nachdem mich der peruanische Staat auf Druck großer Konzerne ausgewiesen hatte.

Was mich bei André immer wieder faszinierte, war seine Gabe, komplexe Sachverhalte in kurze prägnante Texte umzuwandeln. In politischen Debatten konnte André große Zusammenhänge herstellen und trotzdem auf das Wesentliche und Konkrete fokussieren. Wir hatten unsere Differenzen, das dürfte unter Marxisten und Kommunisten selbstverständlich sein. Doch wir diskutierten sie ausgiebig und gerieten darüber zu keinem Zeitpunkt in einen persönlichen Streit. In Gesprächen, hin und wieder auch bei einem Bier, »flogen die Fetzen«, aber am Ende stand immer ein Ergebnis. In seiner konspirativen Art und Weise fiel André immer etwas ein.

Die Solidaritätsarbeit für Venezuela, Kuba, Nicaragua und die Arbeiterbewegung in den Ländern ganz Lateinamerikas blieb für uns ein Arbeitsfeld, auch als die gewerkschaftliche Arbeit und gewerkschaftliche Themen hierzulande in den Vordergrund rückten.

Beim Sommerfest der Partei Die Linke in Berlin im Jahr 2019 fragte ich André, ob er sich vorstellen könne, für Verdi zu arbeiten. Damals leitete ­André das Ressort Außenpolitik der jungen Welt und ich war Verdi-Bundesfachgruppenleiter für Einzel- und Versandhandel. André zögerte, aber er kannte mich. Noch während des Festes griff ich zum Telefon und teilte meiner Vorgesetzten mit, dass ich für die offene Stelle im Bundesfachbereich Handel mit dem Schwerpunkt Branchenpolitik einen Kollegen habe. André sagte dann, er habe noch viele Bedenken und man müsse noch einiges klären. Außerdem wisse er nicht, ob er der Richtige für die Gewerkschaftsarbeit sei. Doch für Bedenken war keine Zeit. Ich leitete alles in die Wege, damit André sich bewerben konnte.

Noch im Dezember 2019 nahm André seine Arbeit als Gewerkschaftssekretär bei Verdi auf. Seine erste Station war ein internationales UNI-Global-Union-Treffen der Gewerkschaften, die Amazon-Beschäftigte organisieren, in Brüssel. Gleich war klar, Amazon bleibt ein Schwerpunkt von Andrés Arbeit im Bundesfachbereich Handel. Die Zusammenarbeit war immer höchst kollegial, die Abstimmung eng. So konnte der Einsatz für die Beschäftigten gelingen – national wie international.

Für André stand zu keinem Zeitpunkt in Frage, dass Gewerkschaften sich nicht nur mit Tarifpolitik und Lohnerhöhungen beschäftigen. In vielen gemeinsamen Gesprächen diskutierten wir über die Fehlentwicklungen der deutschen Gewerkschaftsbewegung in den letzten Dekaden. Gerade in Zeiten von Aufrüstung, Militarisierung und der zunehmend problematischen Haltung der Gewerkschaften zum Frieden, suchten André und ich immer wieder intensiv das Gespräch miteinander und mit anderen Kolleginnen und Kollegen. So fand am 25. November 2022 im Rahmen der »43. Augsburger Friedenswochen« eine Veranstaltung mit dem Titel »Krieg, Frieden und Gewerkschaften« im Hans-Beimler-Zentrum statt, das André und Claudia federführend organisiert hatten und wo ich referieren durfte.

Zusammen mit André und weiteren Kolleginnen und Kollegen haben wir den Grundstein der internationalen Verdi-Konferenz im Handel gelegt, auf der sich alle zwei Jahre Kolleginnen und Kollegen aus den Produktionsstätten der Branchen Textil, Lebensmittel, Wein etc. aus den Ländern des globalen Südens mit in Verdi organisierten Beschäftigten in Deutschland treffen und austauschen konnten. Entlang der Liefer- und Wertschöpfungsketten die Interessen und den Kampf der Beschäftigten zu organisieren war ein wichtiges und gemeinsames Anliegen von uns.

Auch in der »Allianz für den freien Sonntag« durften wir unsere Gewerkschaft auf der Bundesebene vertreten. Neben der Veranstaltung »1.700 Jahre arbeitsfreier Sonntag« am 3. März 2021 hatte André unsere Arbeit zu diesem Themenbereich mit einem gemeinsamen Artikel in Genç Emek (Jugendgewerkschaftszeitung der türkischen Gewerkschaft ­Tez-Koop-­İş Sendikası) unterstrichen.

Andrés Augen glänzten immer wieder, wenn er von Erfolgen der Beschäftigten, der Gewerkschaften, der Marxisten und der Kommunisten erfuhr oder selbst darüber berichtete. Der Weggang von André war für die junge Welt mit Sicherheit ein großer Verlust, aber für Verdi war er mehr als ein guter Gewinn. Sein anfängliches Zögern und sein »kann ich das überhaupt« wichen. Er wurde ein Kollege, der sich bis zu seinem letzten Atemzug mit ganzem Herzen, Verstand und viel Solidarität für gewerkschaftliche Themen und damit die Interessen der lohnabhängig Beschäftigten stark machte.

Noch am Sonntag vor seinem Tod hatte ich André im Krankenhaus besucht. Ich war fassungslos und niedergeschlagen, als mich am darauffolgenden Donnerstag die Nachricht erreichte, er würde nicht überleben, und ich eilte ins Krankenhaus.

Ich bin zutiefst traurig und sehr betroffen über den Tod meines Freundes, Kollegen und Genossen André Scheer. Mein tiefstes Mitgefühl gilt der Familie von André, seiner Freundin, allen Kolleginnen und Kollegen sowie Genossinnen und Genossen. Ich bin mit meinen Gedanken bei und mit euch. ¡Hasta la victoria, compañero André!

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

Regio: