Aus Leserbriefen an die Redaktion
»Nicht anders, nur intensiver«
Zu jW vom 23.1.: »Plötzlich waren sie weg«
Weil der Profit vor dem Menschen kommt, entfremdet der Kapitalismus Menschen von ihrer Arbeit, von sich selbst und voneinander. Der Datenkapitalismus macht das nicht anders, nur intensiver. Er zieht alle Lebensbereiche – Arbeit, Eigenwelt, Gemeinwelt – in digitale Verwertungsketten, soweit und solange das Profit bringt. In diesem System sind »soziale Medien« und »künstliche Intelligenz« zwei prominente Wohlfühlbegriffe und Stimmungsmacher. Wer sich den damit verbundenen Technologien verweigert, gilt schnell als neurotisch oder ohnmächtig, wie die Man-sollte-mal-Rhetorik von Hartmut Rosa à la: Wir sollten die Handlungsfähigkeit auf allen Ebenen stärken gegen Algorithmen und Vorschriften.
Digitalisierte Daten sind längst hochprofitable Rohstoffe und Massenprodukte zugleich. Maschinen nutzen statistische Methoden, um Muster in Massendaten zu erkennen und wahrscheinlich passende Daten zu generieren. Diese Maschinen haben keinen Sinn, keinen Verstand und verlangen keinen Lohn. Sie brauchen nur Daten, Energie, kritische Infrastruktur und Nähe zum Menschen. Was dieses System nicht braucht, sind Menschen an vermeintlich unverfügbaren Orten, jenseits von Totalverwaltung, mit eigener Handlungsfähigkeit und resonanten Beziehungen, weil oder solange sich das dem Zugriff der datenverarbeitenden Maschinen entzieht.
Populistische, autoritäre Politik passt perfekt zu diesem System und zu einem Datenkapitalismus mit totalitären Zügen, der Deregulierung fordert, um seine Regeln für seine Maschinen gegen die Menschen durchzusetzen. Deren Entfremdung wächst weiter.
Konrad Mahr, per E-Mail
»Einfühlsames Drama«
Zu jW vom 24./25.1.: »Unter Beschuss«
Ich habe diesen beeindruckenden, berührenden, jedoch bedrückenden Film letztes Jahr zweimal gesehen. Mir ist nicht klar, worauf Holger Römers hinauswill. Es handelt sich hier nicht um einen groben Keil, sondern m. E. um ein einfühlsames Drama, basierend auf leider tatsächlich stattgefundenen Morden. Nach der Ermordung von Hind Rajab durch die israelische Armee wurde die Hind Rajab Foundation gegründet, deren Ziel es ist, israelische Kriegsverbrechen und -verbrecherInnen vor Gericht zu stellen. Derweil versucht die zionistische Lobby in Frankreich ein Gesetz durchzupauken, welches jede öffentliche Unterstützung Palästinas kriminalisiert. Viele ParlamentarierInnen des verkommenen Parti Socialiste unterstützen den Gesetzentwurf.
Martin Mandl, Paris (Frankreich)
Kontrastprogramm
Zu jW vom 23.1.: »Selbstzensur am praktischen Beispiel«
Im Sommer 1988 waren 30 Jugendliche aus dem Nordosten der Deutschen Demokratischen Republik über das Reisebüro der Freien Deutschen Jugend »zu Gast in Nordrhein-Westfalen«, so der Titel einer WDR-Reportage, die darüber berichtete. Über die offenen Gespräche der Jugendlichen aus der DDR zeigte man sich beeindruckt. »Nicht alle fanden vor der Kamera statt, das ist verständlich, so unkompliziert sind die deutsch-deutschen Beziehungen noch nicht«, ist dem Bericht zu entnehmen und offenbart den selektiven Charakter der Reportage. Fragen, was am kapitalistischen System nicht stimme, angesichts der übervollen Regale und vorm Dom um Almosen Bittenden, wurden ausweichend beantwortet. Kontakt mit Jugendlichen, die tiefgreifende Antworten erwarteten, hatten die Produzenten fortan gemieden. Nur oberflächliche Kritik war möglich, und so besuchten die Jugendtourist-Gäste als »Kontrastprogramm« den Duisburger Norden. Hier war der Niedergang der Stahlindustrie Thema. Seit dem Ende der DDR als medialem Korrektiv sind dem Mainstream entgegenstehende Stimmen immer öfter zum Schweigen gebracht worden. Die heutige »Pressefreiheit« stellt die damalige Selbstzensur weit in den Schatten. Je offener die negativen Auswirkungen der »Diktatur des Kapitals« zutage treten, desto repressiver sind die Maßnahmen gegen »Feinde der Demokratie«.
Uwe Joachim, per E-Mail
Die alte Leier
Zu jW vom 26.1.: »Teilzeithirn des Tages: CDU-Wirtschaftsflügel«
Die sogenannten Arbeitgeber, ihre Verbände und Präsidenten bis zu den CDU-Wirtschaftsflügeln haben sich zu jeder Zeit mit Ideen und Forderungen hervorgetan, die Arbeitskraft den Verwertungsbedingungen des Kapitals unterzuordnen. Geredet haben sie von Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit, vom Senken der Kosten, Mehrarbeiten usw. Wofür und mit welchem Ziel, davon haben sie weniger geredet. Das ist seit Beginn des Kapitalverhältnisses bis heute das gleiche Lied mit zunehmender Raffinesse und kapitaler Gaunerei: Dem Kapital ist es ein Bedürfnis, die Arbeitskraft zu verwerten, die Lebensarbeitszeit bis an oder über die physisch-psychische Grenze hinaus auszudehnen. Achtstundentag und menschengerechte Arbeitsbedingungen waren nie Geschenke oder Folgen der Einsicht von Kapitalbesitzern gewesen. (…)
Der sogenannte Arbeitsmarkt hat sich über die Jahrhunderte mit den Arbeitsbedingungen natürlich verändert. Absolute und relative Ausbeutung haben von Fall zu Fall gewechselt. Absolute Ausdehnung der Arbeitszeit ist bis heute immer bevorzugte Praxis. In vielen Branchen sind aber Teilzeitkräfte gefragt, Minijobber, atypische Arbeitsverhältnisse, Tagelöhnerei, Leiharbeit usw. Was das Kapital aber gar nicht gut findet, sind Rechtsansprüche von seiten der Arbeiter: weder auf Teilzeitarbeit noch auf Normalarbeit oder Vollarbeit. (…)
Roland Winkler, Aue
Wanted
Zu jW vom 28.1.: »Prämie fürs Anschwärzen«
Man beachte, welche Viertel vom Stromausfall betroffen waren. Wären das statt dessen in Marzahn, Hellersdorf oder Neukölln gewesen, wäre das Kopfgeld ganz bestimmt wesentlich bescheidener ausgefallen.
Reinhard Hopp, Berlin
Seit dem Ende der DDR als medialem Korrektiv sind dem Mainstream entgegenstehende Stimmen immer öfter zum Schweigen gebracht worden.
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