Hitlers fünfte Kolonne
Von Ulrich Schneider
Eine Symbolfigur der faschistischen Bewegung war Wilhelm Gustloff, der vor allem dadurch bekannt wurde, dass er im Februar 1936 Opfer eines Attentates wurde. Zuvor war er für das Naziregime als Repräsentant in der neutralen Schweiz von zentraler Bedeutung.
Gustloff wurde am 30. Januar 1895 in Schwerin geboren. Nach der Mittleren Reife machte er eine Banklehre. Im Ersten Weltkrieg wurde er als untauglich eingestuft und nicht als Soldat eingezogen, was ihn – so wird berichtet – zu einem verbissenen Nationalisten machte. Obwohl er noch während des Krieges nach Davos in der Schweiz gezogen war, schloss er sich 1921 dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund an. 1927 trat er der NSDAP bei und wurde 1932 deren hauptamtlicher Landesgruppenleiter in der Schweiz und Obmann der Hilfskasse der NSDAP. Nach der Machtübertragung an die Nazis in Deutschland 1933 baute Gustloff in mehreren Schweizer Städten Netzwerke sowie NSDAP-Ortsgruppen in Davos, Lugano, Zürich und Basel auf – Mitte 1934 existierten 27 »Stützpunkte« und 14 Ortsgruppen. Auch ein zentraler Apparat der Landesgruppe wurde geschaffen, er umfasste unter anderem einen Propagandaleiter und einen Presseobmann. Die Schweiz war für die NSDAP durchaus relevant: Immerhin lebten Mitte der 1930er Jahre etwa 100.000 Deutsche legal in der Schweiz. Von diesen konnte Gustloff mehr als 5.000 als NSDAP-Mitglieder gewinnen. Gleichzeitig knüpfte er Kontakte zu Schweizer Sympathisanten der NSDAP.
»Gau Ausland«
Gustloff war auch am Ausbau der NSDAP-Auslandsorganisation (AO) beteiligt, in der die außerhalb des Deutschen Reiches lebenden Parteimitglieder organisiert waren. Am 1. Mai 1931 wurde diese Organisationseinheit auf Initiative von Gregor Strasser, damals noch Reichsorganisationsleiter, in Hamburg gegründet, wo die AO in den ersten Jahren ihren Sitz hatte. Als deren erster Leiter Hans Nieland 1933 Chef der Hamburger Polizeibehörde und später Mitglied der Stadtregierung wurde, übernahm Ernst Wilhelm Bohle die AO, die nunmehr als »Gau Ausland« firmierte. Die Gauleitung war aufgeteilt in verschiedene Ämter, darunter allein vier für europäische Länder, je eines für Nordamerika und Iberoamerika, für Afrika und eines für den Fernen Osten, worunter auch Großbritannien und das britische Empire gefasst wurden. Ein Amt, bei dem NSDAP-Mitglieder unter den Seeleuten erfasst wurden, hieß schlicht »Seefahrt«. Ende 1933 wurde die gesamte Organisation dem Stab von Rudolf Heß unterstellt und der Sitz nach Berlin verlegt.
Die politische Funktion der AO wird in neueren Veröffentlichungen zu Recht als Hitlers fünfte Kolonne beschrieben. Ihre Aufgabe nach 1933 war offiziell die Organisation von NSDAP-Mitgliedern aus dem Deutschen Reich, während »Volksdeutsche« außerhalb des Reiches in Verbänden des »Auslandsdeutschtums« eingebunden waren. Gleichzeitig wirkten sie als »Influencer« und Gewährsleute des faschistischen Herrschaftsapparates in den jeweiligen Ländern. In dieser Rolle bespitzelte die AO auch Antifaschisten im Exil.
Solche politische Infiltrationsarbeit wurde nicht in allen Ländern toleriert, wie auch Wilhelm Gustloff erleben musste. Nicht nur die Tatsache, dass durch den faschistischen Terror immer wieder Deutsche als Flüchtlinge in die Schweiz kamen und über die Verhältnisse im Reich berichteten, auch der Aufschwung rechter Kräfte in der Schweiz selbst führte zu politischem Streit. Die Naziaktivitäten, etwa die Organisation von Wahlkampfveranstaltungen unter Deutschen, führten im September 1933 dazu, dass sich der Schweizer Bundesrat mit der Tätigkeit von Gustloff beschäftigte. Mitte 1935 drohte ihm sogar die Ausweisung, als bekannt wurde, dass die politischen Leiter der Schweizer NSDAP/AO einen »Eid auf den Führer« geleistet und sich somit als feindliche Ausländer verhalten hätten. Der Versuch, Gustloff einen diplomatischen Status zu verleihen, wurde von der Schweizer Regierung zurückgewiesen, sein Aufenthalt in der Alpenrepublik jedoch weiterhin toleriert. Als Gustloff auch in sensible Bereiche der Schweizer Politik hineinwirkte, etwa den Juristen Helmuth Kittelmann in die Landesgruppe aufnahm, der als Parlamentsstenograf unmittelbaren Zugang zu höchsten politischen Kreisen hatte, wurde Anfang 1936 erneut öffentlich die Forderung erhoben, Gustloff zu einer »Persona non grata« zu erklären. Außerdem forderten Schweizer Medien, die Regierung müsse gegen die NSDAP-Gruppen vorgehen.
Öffentlichkeit aufrütteln
Seinen 41. Geburtstag feierte Gustloff 1936 am »Tag der Bewegung« noch in Berlin. Unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Schweiz wurde er in seiner Wohnung in Davos erschossen. Der Täter war ein jüdischer Flüchtling, David Frankfurter, der Ende 1933 wegen der zunehmenden antisemitischen Hetze aus Frankfurt am Main, wo er Medizin studiert hatte, in die Schweiz emigriert war. Da Frankfurter Sohn eines Rabbiners aus dem damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Kroatien war, durfte er – anders als deutsche Juden – in die Schweiz einreisen und im Herbst 1933 in Bern sein Medizinstudium fortsetzen.
Im späteren Prozess betonte er, dass er die Zeit in Deutschland und die Wirkungen der antisemitischen Propaganda als unerträgliche Situation erlebt habe, die ihn gezwungen habe, mit seiner Gewalttat die Weltöffentlichkeit aufzurütteln. Ohne jemand anderen in seine Pläne einzuweihen, besorgte er sich eine Pistole und suchte unter einem Vorwand Wilhelm Gustloff am 4. Februar 1936 auf. Er tötete den NSDAP-Landesgruppenleiter mit vier Schüssen. Danach stellte er sich der Schweizer Polizei.
Im Gerichtsverfahren in Chur waren weder die Staatsanwaltschaft noch das Gericht bereit, die Situation der Juden in Deutschland zu thematisieren, worauf die Verteidiger gedrängt hatten, um die Motive verständlich zu machen. Das Urteil gegen David Frankfurter lautete 18 Jahre Zuchthaus wegen Mordes und Ausweisung aus der Schweiz nach Verbüßung der Haft. Im Juni 1945 wurde er begnadigt und konnte nach Palästina auswandern, wo er 1982 starb.
Als Märtyrer verklärt
Die Nazipropaganda sah in dem Attentat eine »jüdische Verschwörung« und erhob Wilhelm Gustloff zum »Märtyrer der Bewegung«. Mit einem Sonderzug wurde der Sarg aus der Schweiz ins Deutsche Reich überführt. Doch mit Blick auf die propagandistische Wirkung während der Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen hatte das Naziregime im Februar 1936 ein politisches Interesse daran, sich der Welt als »friedlicher« Staat zu präsentieren. In der Umgebung der Olympiaorte wurden sogar extra antisemitische Schilder entfernt. Später wurden sie wieder aufgestellt.
Innenminister Wilhelm Frick ordnete daher am 5. Februar 1936 an: »Unter Bezugnahme auf meinen Erlass zur Verhinderung von Ausschreitungen vom 20.8.1935 III P 3710/59 ordne ich im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers Rudolf Hess an, dass Einzelaktionen gegen Juden aus Anlass der Ermordung des Leiters der Landesgruppe Schweiz der NSDAP Wilhelm Gustloff in Davos unbedingt zu unterbleiben haben. Ich ersuche gegen etwaige Aktionen vorzugehen und die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten.«
Das Naziregime konnte über dieses Attentat dennoch nicht hinweggehen. Gustloff wurde als »Märtyrer der Bewegung« geehrt, eine Stiftung wurde nach ihm benannt und ein gerade gebautes »Urlaubsschiff« der Massenorganisation Kraft durch Freude (KdF) auf seinen Namen getauft. Nach Kriegsbeginn wurde die »Wilhelm Gustloff« am 22. September 1939 als Lazarettschiff der Kriegsmarine übergeben und während der Besetzung Norwegens im Frühjahr 1940 dort eingesetzt. Ab Januar 1945 wurde das Schiff für Militär- und Flüchtlingstransporte auf der Ostsee genutzt. Am 30. Januar 1945, dem 50. Geburtstag von Gustloff, wurde das Schiff, das Soldaten und Zivilisten an Bord hatte, vor der Küste Pommerns von einem sowjetischen U-Boot torpediert und versenkt.
Nicht nur wegen dieses Vorgangs rankten sich um den Namen Wilhelm Gustloff in der geschichtsrevisionistischen rechten Szene in der BRD in den 1950er Jahren zahlreiche Verschwörungsmythen. Erinnert sei auch daran, wie Günter Grass 2002 mit seiner Novelle »Im Krebsgang« die historischen Ereignissen der Torpedierung der »Wilhelm Gustloff« und des Attentats auf den Namensgeber als Plot für ein fiktives Familiendrama, das sich um Erinnerung, Geschichtsaufarbeitung und Neonazismus dreht, nutzte.
Ulrich Schneider
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