Gegründet 1947 Freitag, 30. Januar 2026, Nr. 25
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 30.01.2026, Seite 16 / Sport
Handball

Allerhand Kuddelmuddel

Rechtzeitig aufs Knöpfchen drücken: Die Handball-EM vor den Halbfinalspielen
Von Ken Merten
Euro 2026 Handball.jpg
Deutsch-französische Freundschaft: Juri Knorr (l.) und Yanis Lenne

Die Pyramide wackelt. In den vergangenen Jahren bot der Herrenhandball auf Nationalmannschaftsebene wenig Überraschendes: Dänemark demontierte alles, heranreichen konnten allenfalls die Franzosen, die die Dänen in Ausnahmefällen schlugen und so 2024 den Europameistertitel holen konnten. Dahinter tummelten sich starke Teams, die mit der Titelvergabe jedoch nichts zu tun hatten. Hier und da gab es Bewegung: Portugal drängte nach oben, während Spanien nach dem EM-Sieg 2020 nach und nach den Anschluss verlor.

Die Wundertüte in der Hierarchie: die DHB-Auswahl. Bei Olympia 2024 in Paris kegelte sie Frankreich im Halbfinale raus, ging dann im Finale gegen die Dänen unter und bekam Silber. Im darauffolgenden Winter dann zog man bei der WM bereits im Viertelfinale gegen Portugal den Kürzeren.

Den Mort d’ennui muss man bei der diesjährigen EM in Dänemark, Norwegen und Schweden nicht sterben, auch dank der dänischen Kogastgeber, die sich ungewohnt menschlich zeigen. Bereits in der Vorrunde unterlagen Mathias Gidsel (Füchse Berlin) und Co. Portugal (29:31; 11:12) und nahmen zwei Minuspunkte mit in die Hauptrunde. Dort hatte das Team von Trainer Nikolaj Bredahl Jacobsen nicht wenig Mühe, um die Franzosen zu schlagen (32:29; 12:11). Der Titelverteidiger wiederum schmiss Portugal beim nunmehr torreichsten EM-Spiel der Männerhandballgeschichte 46 Murmeln in die Bude (46:38; 28:15), nur um dann gegen Spanien zu patzen (14:20; 32:36).

Bei diesem Kuddelmuddel durften die Deutschen natürlich nicht fehlen. Die standen nach einer Schlappe gegen Serbien (30:27; 13:17) – mit desaströser Leistung im zweiten Durchgang – bereits vor dem Aus, schafften es dann aber doch in die Hauptrunde und nahmen mit einem Sieg über Spanien (34:32; 17:15) zwei Punkte mit. Dort warteten in der weit schwereren der zwei Gruppen Dänemark und Frankreich auf ­Alfreð Gíslasons Team, dessen Angriffsspiel gelegentlich stotterte. Nur dank stabiler Defensive und Torhüter Andreas Wolff (THW Kiel) war man überhaupt weitergekommen. Die Siege gegen Portugal (32:30; 11:11) und Norwegen (30:28; 15:17) waren schwere Pflichtaufgaben, um die Chance auf den Halbfinaleinzug zu wahren. Durch die unerwarteten Punktverluste der Dänen und Franzosen jedoch bekam Deutschland gleich zwei Satzbälle. Den ersten vergab man am Montag gegen Dänemark (26:31; 12:13). Am Mittwoch folgte im dänischen Herning das Spiel gegen Dika Mem (FC Barcelona) und Co. Frankreich musste gewinnen, den Deutschen reichte ein Punkt.

Der rechte Rückraumspieler Mem, der im Sommer des kommenden Jahres nach Berlin wechseln wird, legte früh los und wurde letztlich mit elf Treffern bester Werfer des Spiels. Die DHB-Auswahl, deren Tempospiel sich im gesamten Turnierverlauf bis dato nicht entfalten konnte, hielt dagegen. Auch in anderen Belangen waren positive Entwicklungen spürbar. Zwar wurde immer wieder betont, die große Stärke der Deutschen sei die Kaderbreite, doch durfte sich Gíslason während der Vorrunde zu Recht die Kritik anhören, dass er dennoch auf manchen Positionen nahezu durchspielen ließ. Gegen Frankreich startete Kapitän Johannes Golla (SG Flensburg-Handewitt) als Kreisläufer, wurde jedoch nach zehn Minuten durch Justus Fischer (TSV Hannover-Burgdorf) ersetzt, der direkt traf.

Noch ein Vielgescholtener: Juri Knorr. Der zentrale Rückraumspieler war im Sommer von den Rhein-Neckar Löwen zum Champions-League-Teilnehmer Aalborg Håndbold gekommen und bietet mit wuchtigen Distanzwürfen, präzisen Pässen an den Kreis und wiederholtem Eins-gegen-eins mit fast markenrechtlich geschütztem Spinmove eine so breite wie ansehnliche Palette an. Bringt der 25jährige die nicht auf die Platte, wird er als Epizentrum der Nervosität ausgemacht.

Gegen Frankreich machte er den Unterschied aus: Knorr kam nach einer Viertelstunde, versenkte innerhalb von 20 Minuten zehn Würfe am Stück, verwarf darauf zwei, ging wieder runter und wurde letztlich zum Spieler der Partie gekürt.

In einer körperlich betonten Begegnung, bei der es allerdings nur drei Zeitstrafen gab, setzte sich die DHB-Auswahl gegen Frankreich letztlich mit 38:34 (19:15) durch. Vor allem die Angriffsleistung in der ersten Halbzeit trug entscheidend dazu bei – erstmalig mussten die Deutschen nicht darauf setzen, dass Wolff und David Späth (Rhein-Neckar Löwen) die Fehler ihrer Vorderleute auf der Linie ausbügeln.

Gíslasons privates Highlight: In der 51. Minute drückte er genau rechtzeitig den Auszeit-Buzzer, sonst hätte sein Team den Ball abgeben müssen. Noch gegen Serbien war die Szene, die das Spiel der Deutschen zusammenfasste, die, in der Knorr an den Kreis durchgebrochen war und einen Treffer erzielte, der aber nicht zählte, weil sein Trainer voreilig den Buzzer gedrückt hatte.

Gíslason hat selbst auf den Knopf gedrückt, der seinen Schleudersitz aktiviert, mochte man damals gedacht haben. Doch noch vor dem letzten Hauptrundenspiel sprach DHB-Vorstand Ingo Meckes dem Isländer eine Jobgarantie bis zur anstehenden Heim-WM aus: »Es gibt in diese Richtung keine Gedanken, dass wir etwas verändern.«

Am Freitag treffen die Deutschen um 17.45 Uhr in Herning auf Kroatien. Dänemark bekommt es um 20.30 Uhr mit Island zu tun. Die Gewinner spielen am Sonntag, 18 Uhr, um den Titel.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.