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Aus: Ausgabe vom 27.01.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
»Trumpito« gegen Kolumbien

Zollkrieg in den Anden

Ecuadors Präsident verhängt 30 Prozent Gebühr auf kolumbianische Waren, schadet der eigenen Bevölkerung. Wie groß ist der US-Einfluss?
Von Nils Heidenreich
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Eskalierender Konflikt zwischen Ecuador und Kolumbien (Grenze in Rumichaca, 23.1.2026)

Überraschend und mit sofortiger Wirkung hatte der Präsident von Ecuador, Daniel Noboa, am Mittwoch vom Weltwirtschaftsforum in Davos aus über Elon Musks Kurznachrichtendienst X eine »Sicherheitsgebühr« von 30 Prozent auf kolumbianische Warenimporte angekündigt. Er begründete dies mit der Situation im Grenzgebiet beider Staaten im Zusammenhang mit der Bekämpfung des Drogenhandels und des illegalen Bergbaus, an der sich Kolumbien laut seiner Aussage nicht ausreichend beteiligen würde.

Kolumbien reagierte seinerseits am Donnerstag durch den Minister für Bergbau und Energie, Edwin Palma, der ankündigte, dass noch am selben Tag um 18 Uhr sämtliche Stromimporte, die zwischen acht und zehn Prozent des ecuadorianischen Bedarfs ausmachen, bis auf weiteres eingestellt werden. Außerdem kündigte das Handelsministerium in einer offiziellen Stellungnahme an, mit Gegenzöllen auf etwa 20 ecuadorianische Einfuhrprodukte zu reagieren, was insbesondere Lebensmittel wie Bohnen, Reis, Kochbananen, Öle und Zucker betrifft sowie Industrieprodukte wie Reifen, Schuhe, Aluminiumrohre und Gaszylinder. Die Maßnahmen könnten jedoch ecuadorianische Konsumenten wesentlich härter treffen, da Ecuador zuletzt ein Handelsdefizit von etwa 900 Millionen US-Dollar gegenüber Kolumbien aufwies und hiervon vor allem Kosmetik- und Pharmaprodukte, Fahrzeuge und deren Einzelteile sowie Plastik- und weitere Chemieerzeugnisse betroffen sind, wie die Agentur Bloomberg warnte. Über all dem schweben aber als wichtigster Faktor die Energieimporte nach Ecuador, das sich nur langsam aus einer schweren Energiekrise windet und im letzten Jahr noch für etwa 134 Millionen US-Dollar aus dem Nachbarland Energie importiert hatte. Insgesamt ist Ecuador der sechstwichtigste Abnehmer kolumbianischer Exporte, während Kolumbien umgekehrt an neunter Stelle steht, jedoch der drittwichtigste Importpartner nach den USA und China ist.

Ein kolumbianischer Experte, den Bloomberg zitiert, bezeichnete die Maßnahme als »vereinfachte, unverantwortliche und überstürzte Lösung Noboas«, um von den schlechten Ergebnissen seiner harten Sicherheitspolitik gegen kriminelle Banden abzulenken. Im Juni dieses Jahres hatte Noboa das »Nationale Solidaritätsgesetz« verabschieden lassen, das ihm ermöglichte, aufgrund der Sicherheitslage mit Notstandsregelungen zu regieren und dadurch praktisch tödliche Gewalt von Polizei und Militär ohne richterliche Kontrolle zu erlauben. 2025 wurde nichtsdestotrotz zum gewalttätigsten Jahr in Ecuadors jüngerer Geschichte mit einer Mordrate von 50,91 pro 100.000 Einwohnern, was einen Anstieg von 32 Prozent gegenüber 2024 laut Innenministerium bedeutet. Die Behörde veröffentlichte die Zahlen am selben Tag, an dem Noboa seine »Sicherheitsgebühr« auf kolumbianische Importe ankündigte.

In kolumbianischen Medien kursieren derweil unbestätigte Spekulationen über ein angebliches Treffen zwischen Ecuadors Präsident Daniel Noboa und US-Senator Marco Rubio beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Es soll die Zollankündigung vom 21. Januar beeinflusst haben. Die Gerüchte stützen sich dabei auf zeitliche Koinzidenzen und Noboas Nähe zum Trump-Umfeld, die ihm den Spitznamen »Trumpito« (Kleiner Trump) einbrachte. Kolumbianische Medien wie Blu Radio und Caracol Radio vermuten dahinter US-Druck auf Präsident Petro im Vorfeld des geplanten Treffens mit Donald Trump am 3. Februar im Weißen Haus. Dafür spräche die erneute Verquickung von Wirtschaftspolitik und einem vermeintlichen Kampf gegen den Drogenhandel, die sich teilweise in die Handlungsbegründungen der aktuellen US-Administration im Vorgehen gegenüber Venezuela und Kolumbien einreiht. Trump hatte Kolumbiens Präsidenten Petro im Oktober ohne Beweise anzuführen wegen vermeintlicher Verbindungen zum Drogenhandel sanktioniert.

Eine weitere Erklärung für den Wirtschaftskrieg könnte ebenfalls in den politischen Differenzen zwischen Petro und Noboa liegen. Petro hatte zuletzt wiederholt die Freilassung von Jorge Glas gefordert, ehemaliger Vizepräsident Ecuadors unter Präsident Rafael Correa, der wegen Korruption verurteilt wurde und aufgrund politischer Verfolgung in der mexikanischen Botschaft in Quito Asyl erhalten hatte. Dort wurde er in einer aufsehenerregenden Polizeiaktion ecuadorianischer Behörden im April 2024 entgegen jeglichen diplomatischen Protokollen festgenommen. Petro hatte Glas 2025 die kolumbianische Staatsbürgerschaft gewährt und fordert auf dieser Grundlage seine Auslieferung.

Trotz der eskalierenden Spannungen betonen beide Seiten ihre Dialogbereitschaft. Ecuadors Außenministerin Gabriela Sommerfeld gab am Freitag bekannt, dass über ein baldiges Treffen verhandelt werde, das voraussichtlich im Laufe dieser Woche stattfinden soll.

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