Was bedeutet die Insolvenz für Sie?
Interview: Jessica Reisner
Der Reinoldus-Rettungsdienst aus dem nordrhein-westfälischen Kreis Unna hat am 15. Januar beim Amtsgericht Dortmund Insolvenz beantragt. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Insolvenzstraftaten. Sind Sie von der Entwicklung überrascht?
Im Gegenteil: Ich habe lange darauf gewartet. Es gab seit Monaten Hinweise auf Zahlungsschwierigkeiten, auf die Whistleblower auch die Ämter aufmerksam machten. Scheinbar ohne Konsequenzen. Die Kollegen und ich vermuteten schon Kungelei, weil wir uns diese behördliche Ignoranz nicht erklären konnten. Insofern begrüße ich, dass die Staatsanwaltschaft jetzt aktiv eingreift.
Was bedeutet die Insolvenz persönlich für Sie?
Nach einem gescheiterten Kündigungsversuch gegen mich schuldet mir die Reinoldus gGmbH Lohn in Höhe von 8.000 Euro aus dem Hauptamt. Dazu kommen fast 4.000 Euro aus einer Nebenbeschäftigung bei der Reinoldus Service GmbH. Hier sind Rettungssanitäter zusätzlich zu ihrer Festanstellung noch auf geringfügiger Basis Dienste gefahren. Zum Glück habe ich kurz vor dem Antrag auf Insolvenz einen Auflösungsvertrag unterschrieben.
Wie ist es dazu gekommen?
Ich war seit November 2023 bei Reinoldus. Im Dezember 2024 versuchte Reinoldus, mir wegen eines Gesprächs mit dem Betriebsrat, das Geschäftsführer Peter Schroeter mithörte, zu kündigen. Darin ging es um Schroeters öffentlichen Umgang mit einer Liste, auf der Mitarbeiter Todesfälle im Dienst vermerkten. Ende 2024 wurde sie zum Skandal aufgeblasen und von Schroeter genutzt, sich gleich vierer Betriebsratsmitglieder zu entledigen. Öffentlich behauptete er, nichts von der Liste gewusst zu haben, und diffamierte die ganze Wache. Ihre Existenz war der Geschäftsführung aber bekannt. Intern rief er dazu auf, sich gegen Mitarbeiter zu stellen, die solche Lügen nicht mittragen.
Das haben Beschäftigte mitgemacht?
Leider ja. Selbst als bekanntwurde, dass Hinweisgeber Ämter über Missstände informiert hatten, haben die meisten Kollegen die Firma noch verteidigt und sich von Schroeter instrumentalisieren lassen. Dazu muss man wissen: Schroeter kauft sich »Beliebtheit« mit Geld und Versprechen. Die löst er allerdings selten ein.
Das klingt nach einem schrecklichen Arbeitsklima.
Ich fühlte mich mitunter allein gelassen. Der Betriebsrat kam über ein Gespräch mit Peter Schroeter über meine Arbeitsplatzsituation nicht hinaus. Er war nach Rücktritten und dem Ausscheiden von Mitgliedern deutlich geschwächt. Die Gewerkschaft Komba interessierte sich über die anwaltliche Vertretung hinaus nicht. Dabei war der Arbeitsalltag von Mobbing, auch gegen meine Person, geprägt. Ich wurde zum Beispiel trotz meiner Qualifikation und eines gültigen Arbeitsvertrags systematisch nur noch im schlechter bezahlten Krankentransport eingesetzt. Das stand alles längst in der Presse, und ich frage mich, warum Kontrollbehörden nach den Hinweisen auf die Missstände nicht schneller reagiert haben. Dann wäre vielleicht auch die Insolvenz vermeidbar gewesen.
Kommt Reinoldus noch einmal auf die Füße?
Nach der Versammlung mit den Kollegen, der Geschäftsführung und dem Insolvenzverwalter am 20. Januar sehe ich nicht, dass sich bei Reinoldus etwas zum Guten wenden könnte, auch wenn Schroeter und der Insolvenzverwalter von Sanierung sprechen. Ansonsten warte ich jetzt sehr gespannt auf die Ergebnisse der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Meiner Meinung nach hat die Reinoldus-Geschäftsführung nach Strich und Faden gelogen und betrogen.
Sie werden künftig auch für das Deutsche Rote Kreuz fahren. Was bedeutet das für Ihre Arbeitsbedingungen?
Ich werde wohl keinen unbefristeten Vertrag mehr erhalten und etwas weniger Geld verdienen, weil Zulagen wegfallen. Allerdings kann ich mit der Differenz persönlich sehr gut leben. Denn nach der Erfahrung mit Reinoldus sind mir Betriebsfrieden, Anerkennung von Leistung und Fairness wichtiger als Geld.
Helena Kunze war seit 2023 als Rettungssanitäterin für Reinoldus tätig
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