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Aus: Ausgabe vom 21.01.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Aus für Bergbau in Tschechien

Kohle bleibt im Schacht

Letzte Steinkohlemine Tschechiens schließt nach 250 Jahren des Bergbaus
Von Dieter Reinisch
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Ende des Monats geht das Licht aus in der letzten tschechischen Steinkohlemine CSM im Dorf Stonava

Ende Januar geht in Tschechien eine Ära zu Ende: Nach 250 Jahren verabschiedet sich das Land vom Kohleabbau. Die letzte Steinkohlemine des Landes wird geschlossen. Die Schließung war lange angekündigt, kommt für manche dennoch überraschend. Denn seit dem 15. Dezember 2025 ist Petr Macinka von der kleinen Autofahrerpartei (Motoristé sobě) nicht nur Vizepremier, sondern auch Außen- und Umweltminister im Kabinett von Andrej Babiš. Die Autofahrerpartei erreichte bei den Wahlen 6,8 Prozent der Stimmen – 13 Sitze hält sie im Parlament. Sie ist eine wichtige Stütze der neuen Regierung.

Macinka trat als lautstarker Gegner umweltfreundlicher Politik im Wahlkampf auf – eine Umstellung auf die Nutzung erneuerbarer Energieträger lehnte er ab, sie sei von Brüssel aufgezwungen. Zu den Geldgebern der Partei zählt zudem der Kohleunternehmer Pavel Tykač. Er ist einer der reichsten Tschechen. Vor der Wahl rief er zum nationalen Ungehorsam gegenüber Brüssel und dessen Umweltpolitik auf. Zudem war Tykač im Jahr 2024 der größte Förderer des Václav-Klaus-Instituts und spendete diesem zehn Millionen tschechische Kronen (400.000 Euro). Damals arbeitete Macinka am Institut.

Vor der Wahl soll es Verhandlungen der damaligen Regierung mit Tykač gegeben haben, in denen besprochen wurde, wie die Minen in Nordböhmen revitalisiert werden könnten. Mehrere Millionen Euro wollte Tykač investieren. Viele vermuteten daher, dass der neue Umweltminister Macinka doch noch das Aus für die Kohle zurücknehmen würde. Doch dazu kommt es nicht. Der letzte tschechische Steinkohleschacht wird nun in der kommenden Woche dichtgemacht. In der Region wird seit 250 Jahren gefördert, die letzten Tonnen Kohle werden aus den kilometertiefen Schächten des ČSM-Bergwerks in Stonava, nahe der polnischen Grenze, geholt, berichtete Reuters. Zuletzt sei die Nachfrage stark gesunken, und die Preise seien daher gefallen – der Abbau sei für die Betreiber nicht mehr rentabel.

Eigentlich hatte der staatliche Konzern OKD die Stillegung bereits für 2023 geplant. Doch dann weitete sich im Februar 2022 der Krieg in der Ukrai­ne aus, und die EU verabschiedete mehrere Sanktionspakete gegen Russland. Durch den Wegfall großer Mengen russischen Gases stiegen die Energiepreise, Kohle wurde kurzfristig wieder konkurrenzfähig. OKD verschob die Schließung zunächst.

»Es ist traurig, dass der Schacht stillgelegt wird. Es ist harte, aber gute Arbeit«, erzählte Grzegorz Sobolewski, ein polnischer Bergmann, gegenüber Reuters. Wie mehrere seiner Kumpel möchte er eine neue Stelle jenseits der Grenze in Polen annehmen, wo die Schächte noch in Betrieb sind.

Der Kohlebergbau im Ostrava-Karviná-Becken, in dem Stonava liegt, begann im späten 18. Jahrhundert. Zehntausende zogen in die Region, um Arbeit zu finden, was zu Wachstum der Infrastruktur und der Industrie führte. In den 1980er Jahren, auf dem Höhepunkt der Kohleförderung, beschäftigten die Betriebe im Becken über 100.000 Bergleute, und jährlich kamen bis zu 25 Millionen Tonnen Kohle aus der Erde. Nach der Privatisierung Anfang der 1990er Jahre folgte der stetige Niedergang. 2025 arbeiteten für OKD nur noch 2.300 Mitarbeiter. Im Oktober wurden nur noch eine Million Tonnen Kohle gefördert. 1.500 Mitarbeiter werden in den kommenden Wochen in der strukturschwachen Grenzregion gekündigt. Jan Belardi, Wirtschaftswissenschaftler an der Technischen Universität Ostrava, erklärte der Website »expats.cz«, die Erwerbslosenquote liege aktuell bei 6,6 Prozent.

»Die globalen Kohlepreise sind niedrig, während unsere Abbaukosten mit den immer größeren Tiefen, in die wir vordringen, immer höher werden«, sagte OKD-Direktor Roman Sikora gegenüber Reuters. Auch sank die Nachfrage aufgrund des Rückgangs der Stahlproduktion in Mitteleuropa. Lenka Czyzová, die in der Kantine der ČSM-Mine tätig war, erklärte, die Schließung sei ein schwerer Schlag: »Wir müssen uns jetzt alle Arbeit suchen«, sagte sie gegenüber Radio Prag. »Es ist wirklich schade, dass es zu Ende geht«, so Czyzová.

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