Streikland Vanuatu
Von Thomas Berger
Nach jüngsten Ankündigungen wird der 19. Januar in dem südpazifischen Inselstaat ein wichtiges Datum: Erstmals sollen dann mit Beginn des neuen Schuljahres alle Lehrkräfte regulär zur Arbeit zurückkehren, und das Unterrichtsgeschehen soll wieder plangerecht verlaufen. Mehr als 18 Monate war dies zumeist nicht der Fall. Erst kurz vor Weihnachten war nach so langer Zeit einer der längsten Streiks der jüngeren Geschichte weltweit zu Ende gegangen. Nach weiteren Auseinandersetzungen über die komplette Umsetzung der erreichten Vereinbarung für alle Betroffenen steht nun einer Wiederaufnahme des normalen Schulbetriebes offenbar nichts mehr im Weg.
Die Republik Vanuatu ist ein Land, das es nur selten in die globalen Schlagzeilen schafft. Auch von den mehr als anderthalbjährigen Störungen im Bildungsbereich und dem Kampf der gewerkschaftlich organisierten Lehrkräfte für die Durchsetzung ihrer Forderungen dürften die meisten Menschen im fernen Europa nichts mitbekommen haben. Vanuatu erstreckt sich über rund 80 bewohnte und unbewohnte Inseln, die über eine Gesamtfläche von gut 12.000 Quadratkilometern in den Weiten des südlichen Pazifiks verstreut liegen. Die Einwohnerzahl beläuft sich auf etwa 230.000 Menschen.
Der Arbeitskampf der Beschäftigten im Bildungssektor hatte Anfang Juni 2024 begonnen. Mit 1.000 Mitgliedern der sich all die Zeit kämpferisch gebenden Gewerkschaft Vanuatu Teachers Union (VTU) befand sich bis zuletzt rund ein Viertel des aktiven Lehrkräftebestandes landesweit im Ausstand, was zu erheblichen Unterrichtsausfällen führte. Inhaltlich ging es um eine ganze Reihe verschiedener Punkte: die Grundentlohnung, konkrete Arbeitsbedingungen und länger nicht geleistete Zusatzzahlungen, die den betreffenden Personen eigentlich laut Gesetz zustehen. Diese nicht unerheblichen Aufschläge zum eigentlichen Gehalt betreffen in erster Linie die Schulleiter und ihre Stellvertreter, die abseits ihrer Heimatinseln im Einsatz sind.
Die Regierung hatte sich anfangs stur gestellt und versucht, die Streikenden zu kriminalisieren. Im Mai 2025 urteilte Vanuatus Oberster Gerichtshof aber, dass der Arbeitskampf zulässig war. Die Kündigung von 600 beteiligten Lehrkräften musste zurückgenommen werden. Zu diesem Zeitpunkt lief der Ausstand bereits ein knappes Jahr. Wer erwartet hatte, dass die Politik daraufhin zügig in den Dialogmodus schalten würde, wurde enttäuscht. Es dauerte rund weitere sieben Monate, bis am 22. Dezember von VTU-Generalsekretär Jonathan Yona, dem Leiter der Bildungsbehörde Jesse Dick und Premierminister Jotham Napat die erzielte Vereinbarung unterschrieben und der Streik offiziell für beendet erklärt werden konnte.
Laut der Einigung werden nun insgesamt etwa 4,25 Milliarden Vatu, umgerechnet 31 Millionen Euro, an alle Empfangsberechtigten ausbezahlt. Diese Gesamtsumme umfasst rückwirkende Ansprüche seit 2024 ebenso wie fortlaufende Leistungen bis 2028. Jüngste Medienberichte besagen, dass die Überweisungen tatsächlich auf den Konten der Lehrerinnen und Lehrer eingegangen sein sollen. Dabei profitieren nicht nur Gewerkschaftsmitglieder, die dieses Ergebnis mit ihrem hartnäckigen Streik durchgesetzt haben, sondern alle unter den gut 4.000 Angestellten im Bildungssektor, denen dies laut Regelwerk zusteht – auch solche, die mittlerweile in den Ruhestand gegangen sind. Bei Verstorbenen wird das Geld an die Hinterbliebenen ausbezahlt, wie der VTU-Generalsekretär Yona gegenüber dem australischen Rundfunk ABC erklärte. Das neuseeländische Newsportal Scoop zitierte den Regierungschef mit der Aussage, es handle sich um »ein Investment in die Stabilität und Qualität des Bildungssektors«. Jonathan Yona hat die Einigung gegenüber Journalisten als »historisches« Vertragswerk bezeichnet. Es handle sich um einen Sieg für die Lehrkräfte, aber auch das gesamte Bildungswesen, sind er und die Beteiligten, die nun an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, überzeugt.
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