Kriegsbeute Ölreserven
Von Knut Mellenthin
Die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch eine Kommandoaktion der US-Streitkräfte am 3. Januar war vergleichsweise leicht und darüber hinaus offenbar risikoarm abgesichert. Mit der Frage, was mit der vermeintlichen Kriegsbeute, den größten Ölreserven der Welt, geschehen soll, tun sich Donald Trump und sein Regierungsteam in Washington sehr viel schwerer. Ein Treffen mit Generaldirektoren und anderen Spitzenmanagern von ungefähr zwei Dutzend Konzernen der Ölwirtschaft am Freitag vergangener Woche hat dem US-Präsidenten seine Grenzen gezeigt und diese öffentlich sichtbar gemacht.
Er erwarte, dass die Unternehmen mindestens 100 Milliarden US-Dollar in Venezuela investieren, um dessen darniederliegende Erdölproduktion wiederzubeleben, hatte Trump zu Beginn der Begegnung im Weißen Haus gesagt, und gleichzeitig seinen Gästen offen und plump gedroht, wie man es von ihm gewohnt ist: »Wenn ihr nicht reingehen wollt« – in das »ungeheuren Reichtum« versprechende Geschäft mit dem südamerikanischen Staat –, »lasst es mich einfach wissen, denn ich kenne 25 Leute, die heute nicht hier sind, die bereit sind, euren Platz einzunehmen«. Trump spielte damit auf kleinere »unabhängige« Firmen an, die zwar abenteuerliche Finanzspiele nicht unbedingt scheuen, aber als solide Investoren für einen langen Zeitraum nicht in Betracht kommen.
Die Summe, die der Präsident ins Spiel gebracht hat, kann nicht einmal als extrem hoch gelten. Experten halten sie lediglich für das, was nötig wäre, um Venezuelas Erdölindustrie auf dem gegenwärtigen Niveau zu stabilisieren. Mehr als 180 Milliarden US-Dollar wären nach Schätzung der internationalen Beratungsfirma Rystadt Energy, die ihren Hauptsitz in Oslo hat, erforderlich, um die Förderung von derzeit etwa 800.000 auf zwei Millionen Barrel pro Tag zu steigern, und es könne bis 2040 dauern, dieses Ziel zu erreichen. Vor der Nationalisierung der venezolanischen Erdölindustrie unter Präsident Hugo Chávez im Jahr 2007 hatte die Produktion bei etwa 3,5 Millionen Barrel pro Tag gelegen und maximal sogar vier Millionen erreicht. Nach dem Tod von Chávez 2013 war unter dessen Nachfolger Maduro nicht nur die Fördermenge dramatisch gesunken, sondern seit 2014 waren es auch die internationalen Ölpreise.
In den ersten Tagen nach den Militäroperationen vom 3. Januar hatte Trump im Siegesrausch Zukunftspläne geäußert, an deren Realitätsgehalt gezweifelt werden muss. Unter anderem behauptete er, Venezuela werde den USA 30 bis 50 Millionen Barrel Erdöl zur Vermarktung überlassen. Die Einnahmen aus dem Verkauf würden von seiner Regierung kontrolliert und den Völkern beider Länder zugutekommen. Venezuela werde seinen Anteil durch die Belieferung mit US-amerikanischen Produkten erhalten. Er, Trump, werde künftig bestimmen, an wen das venezolanische Öl verkauft werden dürfe. Gegenwärtig ist China mit einem Anteil von rund 70 Prozent an Venezuelas Ölexport dessen wichtigster Kunde. Gleichzeitig schwärmte der exzentrische Milliardär auch davon, mit Hilfe der zusätzlichen Fördermenge die Ölpreise auf dem Weltmarkt deutlich zu senken. Als beabsichtigte Ermutigung der Konzernchefs, zig Milliarden Dollar zu investieren, war das denkbar ungeeignet.
Die Mehrheit der großen US-amerikanischen Ölunternehmen hat Venezuela nach der Nationalisierung verlassen. Chevron ist zur Zeit der einzige US-Konzern, der dort noch geschäftlich tätig ist und auch bleiben will. Darren Woods, Generaldirektor von Exxon Mobil, brachte bei dem Treffen mit Trump am Freitag die in der kapitalistischen Ölbranche vorherrschende Stimmung mit einer Wortschöpfung zum Ausdruck: Venezuela sei »uninvestable«. Soll heißen: Das Land sei für Investitionen beim gegenwärtigen Stand der Dinge nicht attraktiv. Beim Treffen mit Trump forderten die meisten Spitzenmanager der Branche von der US-Regierung Finanzhilfen, gesicherte Verbesserungen der rechtlichen Bedingungen für ausländische Unternehmen in Venezuela und eine »Restrukturierung« der staatlichen venezolanischen Erdölgesellschaft PDVSA. Mit dem bloßen Versprechen des Präsidenten – »You have total safety (…) You’re dealing with us directly und not dealing with Venezuela at all« – wollte sich niemand zufriedengeben.
Hintergrund: US-Interventionen im Westen
Die Jahresansprache des US-Präsidenten James Monroe vor dem Kongress am 2. Dezember 1823 enthielt eine Warnung an die europäischen Großmächte: Sie sollten den gesamten amerikanischen Kontinent einschließlich der Karibik und der umgebenden Gewässer als Interessensphäre der Vereinigten Staaten respektieren. Die USA würden zwar den noch bestehenden europäischen Kolonialbesitz in diesem Raum nicht antasten, aber die Bildung neuer Kolonien nicht dulden. Ihrerseits würden sie sich zu Kriegen in Europa neutral verhalten. Hintergrund war: Zwischen 1810 und 1822 hatten fast alle spanischen Kolonien in Mittel- und Südamerika ihre Unabhängigkeit als Republiken erkämpft. Das Königreich Spanien schien aber im Bündnis mit Preußen, der Habsburger Monarchie und Russland – der 1815 gebildeten »Heiligen Allianz« – eine Restauration anzustreben.
Mit einem Zusatz zur »Monroe Doktrin« spitzte Präsident Theodore Roosevelt diese explizit auf die Legitimierung von Militärinterventionen der USA auf dem amerikanischen Kontinent zu. In einer Ansprache zur Lage der Nation an den Kongress erklärte er am 6. Dezember 1904, »chronisches Fehlverhalten« oder »Handlungsunfähigkeit« könnten »letzten Endes das Eingreifen einer zivilisierten Nation erfordern«, und in der westlichen Hemisphäre könne die Umsetzung der »Monroe-Doktrin« die USA »dazu zwingen. (…) eine internationale Polizeigewalt auszuüben«.
Den äußeren Anlass für diese Klarstellung hatte die »Venezuela-Krise« zwischen dem 9. Dezember 1902 und dem 19. Februar 1903 geliefert. Großbritannien, das Deutsche Reich und Italien hatten eine Seeblockade gegen den südamerikanischen Staat verhängt, nachdem dessen Präsident die Rückzahlung der Auslandsschulden verweigerte. Das Internationale Schiedsgericht in Den Haag sprach den Blockademächten das Recht auf eine Vorzugsbehandlung bei der Tilgung der venezolanischen Schulden zu, was die USA, die ebenfalls Gläubiger waren, benachteiligte. Auf die Erweiterung der »Monroe-Doktrin« folgten Militäroperationen der US-Streitkräfte, hauptsächlich durch die Marines, in Nicaragua (1911), Haiti (1915) und in der Dominikanischen Republik (1916–1924).
Aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind in diesem Kontext eine weitere Intervention in der Dominikanischen Republik (1965/66) und Operationen zum Sturz von Regierungen auf der kleinen Karibikinsel Grenada (1983) und in Panama (1989/90) sowie die Unterstützung der Söldnerinvasion in der kubanischen Schweinebucht (April 1961) und der konterrevolutionären Kräfte in Nicaragua und El Salvador während der 1980er Jahre zu erwähnen.
(km)Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (14. Januar 2026 um 09:35 Uhr)Mit der Entführung Maduros ist weder das venezolanische Problem gelöst noch lassen sich Trumps Pläne als zukunftsfähig bewerten. Das Spiel ist zwar eröffnet, aber in keiner Weise zu Ende gedacht. Wie der Artikel deutlich macht, erwarten Investoren verlässliche rechtliche und politische Garantien – Bedingungen, die in Venezuela derzeit nicht gegeben sind. Hinzu kommt, dass China auf seinen bereits getätigten Investitionen bestehen und deren Absicherung einfordern wird. Diese Realität schränkt den Handlungsspielraum der USA erheblich ein. Venezuela ist nicht nur reich an Erdöl, sondern verfügt auch über bedeutende Gold- und Silberreserven. Allerdings hatte das Land das politische Pech, einen Teil seiner Goldreserven in London gelagert zu haben. Die City of London verweigerte deren Freigabe, da der sogenannte Wertewesten sowohl die Wahl von Chávez als auch die von Maduro nicht anerkannte. Unklar bleibt zudem, ob und in welchem Umfang Goldreserven an China und Russland veräußert wurden und wie diese Staaten ihre Ansprüche realisieren könnten. Besonders auffällig ist, dass über das Schicksal der bedeutenden venezolanischen Silberreserven kaum gesicherte Informationen vorliegen. Es ist keineswegs sicher, dass China für seine Investitionen in entsprechender Form entschädigt wurde. Hinzu kommt, dass der Silbermarkt derzeit weitgehend leergefegt ist – physisches Silber ist auf dem Weltmarkt kaum erhältlich. Darüber hinaus hat Venezuela massiv unter dem US-Ölembargo und den umfassenden Sanktionen gelitten, die die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit des Landes weiter eingeschränkt haben. Vor diesem Hintergrund ist im 21. Jahrhundert nicht eine neu aufgelegte »Donald-Doktrin« ausschlaggebend. Entscheidend wird vielmehr sein, ob die USA im globalen materiellen und wirtschaftlichen Wettbewerb – insbesondere gegenüber China – langfristig noch konkurrenzfähig bleiben können.
- Antworten
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Gerhard M. aus Gerhard Mertschenk, Berlin g.mertschenk@gmx.de (13. Januar 2026 um 22:52 Uhr)Der Artikel schildert anschaulich das Dilemma, in dem Trump bei der Modernisierung der venezolanischen Erdölindustrie steckt. Diese liegt am Boden, weil die USA seit dem Regierungsantritt von Hugo Chávez keine Ersatzteile mehr für die auf US-Technologie beruhende Erdölindustrie lieferte – aufgrund der von den USA verhängten einseitigen Strafmaßnahmen, um die bolivarische Revolution scheitern zu lassen, deren vielfältigen Sozialmaßnahmen auf den Erdöleinkünften beruhten. Auch die Auswirkungen der Monroe-Doktrin auf das Vorgehen der USA in Lateinamerika sind anschaulich dargestellt. In einem Punkt muss aber der Artikel korrigiert werden. Die Nationalisierung des Erdöls in Venezuela erfolgte bereits 1976 unter dem Präsidenten Carlos Andrés Pérez. Damals wurde die staatseigene Erdölaktiengesellschaft PDVSA gegründet. Im Laufe der Jahre nutzte sie ihre dominierende Stellung in der venezolanischen Wirtschaft, um sich zu einem Staate im Staat zu verselbständigen. Gut bezahlte Stellen wurden an Freunde und Bekannte vergeben, bei Regierungswechseln zwischen den beiden bürgerlichen Parteien Acción Democrática und COPEI wurden neugeschaffene lukrative Posten an Parteifreunde vergeben, ohne die vorhandenen Funktionäre zu entlassen, so dass ein riesiger administrativer Wasserkopf entstand, der sich nur wegen der sprudelnden Einnahmen halten konnte. Diese korrupte PDVSA wurde operativ kaum noch tätig, sondern vergab Förderlizenzen an US-Konzerne wie Exxon, Chevron u.a. Chávez machte damit Schluss und zwang die US-Konzerne zur Bildung von Joint-ventures, an denen sie nur Minderheitsbeteiligung hatten, die Mehrheitsbeteiligung und damit die Entscheidungsmacht lag bei der staatlichen PDVSA, um die Finanzierung der Sozialprogramme abzusichern. Für ihre Verluste wurden die US-Konzerne gemäß dem Wert ihrer eigenen Steuererklärung entschädigt. Erst daraufhin, also 2003/2004 verließen die US-Konzerne, die nicht mitmachen wollten, das Land. Chevron blieb und profitiert heute noch davon.
- Antworten
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus St (13. Januar 2026 um 20:45 Uhr)Trotz meiner Abneigung gegenüber den sogenannten sozialen Medien überlege ich, auf Truth Social eine Hilfeseite für Donroe zu erstellen. Die grobe Idee: Wie wird man ideeller Gesamtkapitalist? Welche persönlichen und intellektuellen Voraussetzungen sind erforderlich? Ressourcen: Checklisten und Multiple-choice-Abfragen, Tutorials. Wer macht mit?
- Antworten
Ähnliche:
Leonardo Fernandez Viloria/File Photo/REUTERS06.01.2026Chevron profitiert
Cristian Hernandez/AP/dpa18.12.2025Erpresserische Methoden
ZUMA Press Wire/IMAGO03.03.2025Embargo gegen Venezuela