Sonneborn: Westliche Werte und der Iran
Zu den aktuellen Vorkommnissen im Iran schrieb Martin Sonneborn, Abgeordneter im EU-Parlament, am Dienstag auf X:
In einer einzigen Woche bittet man Sie da draußen an den Geräten, folgendes zu glauben: In Venezuela muss der Staatsführer gestürzt werden, weil er ein Diktator ist, während der Sohn eines Diktators im Iran an die Macht gebracht werden muss und die Herrschaftsverhältnisse über Grönland sich grundlegend verändern werden, ohne dass auch nur ein einziger der Diktatur verdächtiger Akteur im Spiel gewesen sein soll. (…) Fragen Sie nicht, warum dieselben, die in der EU immer für das Tragen von Hijabs eintraten, im Iran mit Vehemenz dagegen sind. Fragen Sie nicht, warum dieselben, denen Leben und Sterben von Libanesen, Syrern, Kurden, Drusen, Alawiten und Palästinensern nie eine Zeile wert waren, über Nacht ein drängendes Mitgefühl für Bewohner Westasiens entdecken. Und fragen Sie erst recht nicht, wie es möglich sein kann, dass dieselben, die systematisch Grundrechte und demokratische Freiheiten in der EU einschränken, andernorts als idealistische Humanisten für Rechte auftreten, die sie in ihren eigenen »Demokratien« und gegenüber ihren eigenen Bürgern nicht die Bohne zu achten pflegen.
Im Wortgebrauch George Orwells nennt man so etwas »Kohärenz«, logische Folgerichtigkeit. Ebenso kohärent ist das plötzliche Aufflammen der medialen Begeisterung für einen iranischen Klonprinzen, der (genausogut) der politischen Erblinie von Franco, Pinochet oder Mussolini entstammen könnte, und der weit weniger von den iranischen Bürgern selbst als von Trump und Netanjahu, CIA und Mossad dafür ausgewählt wurde, das nunmehr dritte pseudomonarchisch-pseudodemokratische Marionettenregime im Iran anzuführen.
(…) 1921 hatten die Briten den ehem. Kommandeur der persischen Kosakenbrigade, Reza Khan, erfolgreich »auf den Thron« gesetzt, der der britischen »Anglo-Persian Oil Company« den gewünschten Zugriff auf die lokalen Ölvorkommen sicherte. Als der (demokratisch!) gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh 1951 beschloss, die iranischen Ölreserven zu verstaatlichen und den Briten die mittlerweile als »Anglo-Iranian Oil Company« firmierende Gewinnschleuder durch Enteignung aus der Hand zu schlagen, wurde er vom gefeierten »Man of the Year« des Time-Magazines (der Churchill und Eisenhower geschlagen hatte) über Nacht zum Paria. Nach der Wahl Eisenhowers konnte der (wie heute) großmäulige, aber impotente britische Geheimdienst, der sich den Coup allein nicht zutraute, die CIA zum Mitmachen bewegen. In der von Kermit Roosevelt (kein Witz!) geleiteten »Operation Ajax« (auch kein Witz!) wurde Mossadegh 1953 gestürzt und durch den Vater des jetzigen Erbklonprinzen ersetzt: Erbdiktator Reza Shah Pahlavi, der die berüchtigte Geheimpolizei SAVAK, Foltergefängnisse, Repression (und den Jubel seiner Jubelperser) zu Hilfe nahm, um sich selbst die Macht und den anglophonen Profithaien den Zugang zum iranischen Öl zu sichern. (…)
Der heutige Iran und seine heutige Regierung gingen aus einer Revolution hervor, die die nach Anstiftung Grobbritanniens von den USA eingesetzte Schahdiktatur beseitigen wollte. Im jetzigen »Mullahregime« sieht »der Westen« also dem vorläufigen Endergebnis seiner eigenen Völkerrechtsverletzung ins Gesicht, seiner illegalen Einmischungen, brutalen Regime-Change-Operationen und kurzsichtigen Coups. (…)
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