Gegründet 1947 Mittwoch, 14. Januar 2026, Nr. 11
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.01.2026, Seite 3 / Abgeschrieben

Sonneborn: Westliche Werte und der Iran

imago419903496.jpg

Zu den aktuellen Vorkommnissen im Iran schrieb Martin Sonneborn, Abgeordneter im EU-Parlament, am Dienstag auf X:

In einer einzigen Woche bittet man Sie da draußen an den Geräten, folgendes zu glauben: In Venezuela muss der Staatsführer gestürzt werden, weil er ein Diktator ist, während der Sohn eines Diktators im Iran an die Macht gebracht werden muss und die Herrschaftsverhältnisse über Grönland sich grundlegend verändern werden, ohne dass auch nur ein einziger der Diktatur verdächtiger Akteur im Spiel gewesen sein soll. (…) Fragen Sie nicht, warum dieselben, die in der EU immer für das Tragen von Hijabs eintraten, im Iran mit Vehemenz dagegen sind. Fragen Sie nicht, warum dieselben, denen Leben und Sterben von Libanesen, Syrern, Kurden, Drusen, Alawiten und Palästinensern nie eine Zeile wert waren, über Nacht ein drängendes Mitgefühl für Bewohner Westasiens entdecken. Und fragen Sie erst recht nicht, wie es möglich sein kann, dass dieselben, die systematisch Grundrechte und demokratische Freiheiten in der EU einschränken, andernorts als idealistische Humanisten für Rechte auftreten, die sie in ihren eigenen »Demokratien« und gegenüber ihren eigenen Bürgern nicht die Bohne zu achten pflegen.

Im Wortgebrauch George Orwells nennt man so etwas »Kohärenz«, logische Folgerichtigkeit. Ebenso kohärent ist das plötzliche Aufflammen der medialen Begeisterung für einen iranischen Klonprinzen, der (genausogut) der politischen Erblinie von Franco, Pinochet oder Mussolini entstammen könnte, und der weit weniger von den iranischen Bürgern selbst als von Trump und Netanjahu, CIA und Mossad dafür ausgewählt wurde, das nunmehr dritte pseudomonarchisch-pseudodemokratische Marionettenregime im Iran anzuführen.

(…) 1921 hatten die Briten den ehem. Kommandeur der persischen Kosakenbrigade, Reza Khan, erfolgreich »auf den Thron« gesetzt, der der britischen »Anglo-Persian Oil Company« den gewünschten Zugriff auf die lokalen Ölvorkommen sicherte. Als der (demokratisch!) gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh 1951 beschloss, die iranischen Ölreserven zu verstaatlichen und den Briten die mittlerweile als »Anglo-Iranian Oil Company« firmierende Gewinnschleuder durch Enteignung aus der Hand zu schlagen, wurde er vom gefeierten »Man of the Year« des Time-Magazines (der Churchill und Eisenhower geschlagen hatte) über Nacht zum Paria. Nach der Wahl Eisenhowers konnte der (wie heute) großmäulige, aber impotente britische Geheimdienst, der sich den Coup allein nicht zutraute, die CIA zum Mitmachen bewegen. In der von Kermit Roosevelt (kein Witz!) geleiteten »Operation Ajax« (auch kein Witz!) wurde Mossadegh 1953 gestürzt und durch den Vater des jetzigen Erbklonprinzen ersetzt: Erbdiktator Reza Shah Pahlavi, der die berüchtigte Geheimpolizei SAVAK, Foltergefängnisse, Repression (und den Jubel seiner Jubelperser) zu Hilfe nahm, um sich selbst die Macht und den anglophonen Profithaien den Zugang zum iranischen Öl zu sichern. (…)

Der heutige Iran und seine heutige Regierung gingen aus einer Revolution hervor, die die nach Anstiftung Grobbritanniens von den USA eingesetzte Schahdiktatur beseitigen wollte. Im jetzigen »Mullahregime« sieht »der Westen« also dem vorläufigen Endergebnis seiner eigenen Völkerrechtsverletzung ins Gesicht, seiner illegalen Einmischungen, brutalen Regime-Change-Operationen und kurzsichtigen Coups. (…)

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Schwieriger Job: Techniker in der Uranumwandlungsanlage außerhal...
    16.09.2023

    Abkommen demontiert

    Iranisches Atomprogramm: BRD, Frankreich und Großbritannien wollen an Sanktionen festhalten. Teheran kündigt Gegenmaßnahmen an
  • IAEA-Direktor Grossi (rechte Seite Mitte) bespricht die Lage mit...
    10.03.2023

    Noch schärfer gegen Iran

    Deutschland, Großbritannien und Frankreich machen Druck auf die IAEA
  • Anlass für die neuen EU-Sanktionen war das Vorgehen des Iran geg...
    14.04.2021

    EU provoziert mit Sanktionen

    Während kritischer Phase der Verhandlungen zu Atomabkommen: BRD, Frankreich und Großbritannien ordnen neue Strafmaßnahmen gegen Iran an

Alle Beiträge zur 31. Rosa-Luxemburg-Konferenz jetzt hier lesen