Essen, trinken, beten: Glück
Von Marc Hieronimus
Vielleicht ist alles nur ein Missverständnis. Die Lateiner hatten noch mindestens drei Konzepte von dem, was wir mit »Glück« bezeichnen: beatitas/beatitudo, die Glückseligkeit, wobei beatus auch begütert ist und verstorben (insulae beatorum sind die Inseln der Glückseligkeit, Elysium); felicitas, das Gefühl des Glücks, wieder Glückseligkeit, aber eher im Kleinen, auch Fruchtbarkeit; und fortuna, Schicksal, Geschick, Zufall und etwa das Glück im Spiel.
Ein wenig ahnt der Deutsche die Homonymie dieser allenfalls verwandten Begriffe. »Da hast du aber Glück gehabt« meint unter keinen Umständen die mystische Verklärung. Bei Hans im und des Herrn Rossi Suche nach dem Glück fällt die Entscheidung deutlich schwerer. Alles schwingt ein wenig mit, und so heißt man sich schon glücklich, wenn mal was klappt oder es einem gerade nicht allzu bescheiden geht.
Diesem unterspezifierten Glücksbedarf kommt der Markt mit einer Palette von Palliativen entgegen. Medikamente, Drogen, Unterhaltungsindustrie und erotisierte Spaßnahrungsmittel bringen nicht das Glück, aber sie machen glücklich. Das klappt eine Zeit, im Ideal bis kurz vor Schluss. Dann allerdings oder bereits in Zweifelstunden lange zuvor greift manche doch verschämt zur Bibel – und wird barsch ernüchtert. »Wahrhaftig, so sind (sie): Immer im Glück«, sagt das Buch der Bücher von den Frevlern (Ps 73,12), und stempelt es damit verwerflich, sie »verbrauchen ihre Tage im Glück« (Hiob 21,13). Andernorts heißt es gegenteilig, »es gibt für den Menschen kein Glück unter der Sonne, es sei denn, er isst und trinkt und freut sich« (Koh 8,15). Ist da ein anderes Glück gemeint? Ein Weib an der Seite kann nicht schaden (Sprüche 18,22), aber es muss noch voll im Saft sein, gilt doch: »Schlaffe Hände und zitternde Knie: eine Frau, die ihren Mann nicht glücklich macht« (Sir 25,23).
Und das Glück der Frau? Wenn das Pärchen vom Bibelkreis das nächste Mal bei Ihnen klingelt, fragen Sie sie ruhig, ob sie schon mal in ihr Buch geschaut haben.
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