Blanke Machtpolitik
Von Jörg Kronauer
War der Überfall auf Venezuela nur der Anfang einer größeren Welle von US-Angriffen auf fremde Länder? Die Befürchtung hat am Wochenende jedenfalls US-Präsident Donald Trump genährt. In Pressegesprächen, in Interviews hat er gleich mehrere Staatschefs angezählt, die seinen Plänen ebenso im Weg stehen wie Venezuelas Präsident Nicolás Maduro. Zudem hat er Annexionswünsche wiederholt. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro? Der produziere Kokain, behauptete Trump. Ein militärischer Überfall auf Kolumbien? »Klingt gut.« Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum? Die werde von Drogenkartellen kontrolliert: »Wir müssen etwas tun.« Kuba? Ohne Unterstützung aus Venezuela werde es von selbst kollabieren. Zuvor hatte Trump Irans Regierung den gewaltsamen Sturz angedroht. Am Sonntag wiederholte er, die USA »brauchten« auch Grönland. Punkt.
Muss man Trumps Drohungen ernst nehmen? Ja. Es stimmt zwar: Für den Milliardär mit seiner reichen Erfahrung in der New Yorker Immobilienmafia gehört stumpfes Protzgehabe ebenso zum Geschäft wie für den Schlägermacker aus der Straßengang um die Ecke. Es stimmt aber auch: In der Nacht von Freitag auf Sonnabend ist die Ära, in der das Völkerrecht wenigstens noch ein Argument war, wenn auch nur eines unter vielen, zu Ende gegangen. Jetzt gilt uneingeschränkt die blanke Macht. Trumps erklärtes Ziel ist es, die US-Dominanz in der westlichen Hemisphäre neu zu zementieren. Schlüpfen Petro und Sheinbaum in die Rolle willenloser US-Vasallen, dürfen sie wohl bleiben. Beharren sie auf Eigenständigkeit, dann – gute Nacht.
Und Grönland, das für Trump zur westlichen Hemisphäre gehört? Die Insel liegt blank. Weder Dänemark noch die EU könnten sie verteidigen, schon gar nicht zu einer Zeit, in der die EU täglich tiefer in die Krise rutscht und sich ohnehin am Ukraine-Krieg überhoben hat. Nein, das alles heißt nicht zwingend, dass Washington in weiteren Überfällen die besten Optionen sieht; auch der Schlägermacker um die Ecke hat zuweilen Geschäfte laufen, die ihn vom Prügeln abhalten. Die kennt man aber in der Regel nicht. Besser also, auf Attacken aller Art vorbereitet zu sein – und zwar ab jetzt.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (7. Januar 2026 um 13:31 Uhr)Warum ist Trump in Venezuela »eingeschritten«? Erstens steht die Rolle des US-Dollars im globalen Energiemarkt unter Druck. In diesem Jahr müssen rund 9.000 Milliarden US-Dollar an amerikanischen Staatsschulden refinanziert werden – bei einer Gesamtverschuldung von etwa 38.000 Milliarden Dollar. Venezuela strebte eine Mitgliedschaft in den BRICS an und suchte zugleich eine stärkere wirtschaftliche Anbindung an China, seinen wichtigsten Ölabnehmer. Diese Entwicklung passt in den breiteren Trend zur Entdollarisierung, also zur Abwicklung internationaler Handelsgeschäfte zunehmend außerhalb des US-Dollar-Systems. Wäre Venezuela diesen Weg konsequent weitergegangen, hätte dies die Nachfrage nach dem Dollar weiter schwächen und als Signalwirkung auch andere Länder ermutigen können, dem Petrodollar-System den Rücken zu kehren. Zweitens ist die strategische Erdölreserve der USA (SPR) in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft und muss wieder aufgefüllt werden. Venezolanisches Schweröl eignet sich technisch besonders gut für viele Raffinerien entlang der US-Golfküste. Ein erneuter Zugriff auf diese Lieferquelle würde nicht nur helfen, die Reserven aufzustocken, sondern auch Produktionsdrosselungen oder Stillstände in diesen Raffinerien vermeiden. Der dritte Aspekt betrifft die Rohstoffvorkommen im Orinoco-Becken. Der dortige schwarze Sand enthält neben Erdöl auch strategisch relevante Mineralien und Metalle, die für moderne Industrie-, Halbleiter- und Rüstungsanwendungen von Bedeutung sind. Vor dem Hintergrund der globalen Rivalität mit China liegt es im Interesse der USA, den Zugang zu solchen Ressourcen selbst zu kontrollieren und sie nicht einem geopolitischen Konkurrenten zu überlassen. Insgesamt ergibt sich daraus ein Bild, in dem finanzielle Stabilität, Energieversorgung und geopolitische Machtfragen eng miteinander verwoben sind – und in dem Venezuela eine weit größere Rolle spielt, als es auf den ersten Blick scheint.
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