Aus Leserbriefen an die Redaktion
Repression mit Ausrufezeichen
Zu jW vom 27.12.: »Banken kündigen Konten«
»Die ökonomische Krise führt zu einem zunehmend autoritären Staat.« Hinter diesen Satz müsste man ein Ausrufezeichen setzen. Die sich aktuell deutlich intensivierende juristische, politische, mediale und ökonomische Repression gegenüber politisch anders als der bürgerliche (immer schwächer werdende) Mainstream Denkenden erinnert an die Zeit zwischen 1929 und 1933 und die verschärfte staatliche Repression gegen die Linke damals. Und in gewisser Weise auch an das Ende der sogenannten Tauwetterperiode in einigen RGW-Staaten Mitte der 1970er, einer Phase politischer Liberalisierung, als im Zuge der Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den Ölpreisschock, eine wirtschaftliche Stagnation einsetzte und mit ihr das Ende dieser politischen Liberalisierung. Sie könnten also aus der Geschichte lernen, unsere »Eliten«. Aber sie tun es wieder einmal nicht. Auch darin äußert sich eine tiefgreifende gesellschaftliche Krise: in der Unfähigkeit der Herrschenden, adäquat darauf zu reagieren.
Marc Pilz, Cottbus
Wie agiert Deutschland?
Zu jW vom 24.12.: »USA wollen Umsturz«
In der Welt geschieht etwas Unvorstellbares. Die USA fühlen sich so ungestraft, dass sie unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Drogenkartelle die Beschlagnahmung ziviler Öltanker Venezuelas sowie Invasionsdrohungen gegen die Regierung in Caracas und Präsident Nicolás Maduro für möglich halten. Dabei versucht Washington nicht einmal, seine Absichten zu verschleiern. Offiziell heißt es, die amerikanischen Streitkräfte würden »Boote sprengen, bis Maduro kapituliert«. Trump selbst schließt sogar einen Krieg mit Venezuela nicht mehr aus. Glücklicherweise wächst die Empörung über das unangemessene und aggressive Verhalten des amerikanischen Präsidenten, der glaubt, dass die Seeblockade und die Drohungen ungestraft bleiben werden. UN-Experten bezeichneten die vom Weißen Haus initiierten Maßnahmen als illegale Aggression und forderten eine Untersuchung. Am 23. Dezember fand auch eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates zu diesem Thema statt. Es ist notwendig, dass sich die Staats- und Regierungschefs der Welt zusammenschließen und den maritimen Terrorismus der USA verurteilen. Es ist interessant, ob Deutschland, das immer so loyal zu den Vereinigten Staaten steht und in deren Interesse handelt, in diese Situation eingreifen wird.
Tobias Fehling, Halle (Saale)
Ist das Klassenkampf?
Zu jW vom 30.12.: »Lasst sie knallen!«
Ist wirklich alles Klassenkampf, womit man dem Staat eins auswischt? Rote Ampeln missachten, in 30er-Zonen hundert fahren, Steuern hinterziehen? Stellt man sich wirklich auf eine Stufe mit der Reaktion, wenn man allgemeines Böllern blöd findet? Es einmal so richtig krachen zu lassen: Wessen Ideal ist das wirklich, das des Sozialisten oder das des Anarchisten in uns?
Joachim Seider, Berlin
Kein Hinweis
Zu jW vom 27./28.12.: »Götter gegen Giganten«
Das letzte und einzige Mal war ich 1986 im Pergamonmuseum in Berlin. Im Jahre 2002 machte ich eine Kleinasienrundreise: Ephesos, Troja, Milet, Pergamon. In Bergama gab es eine Führung durch das antike Pergamon, die Geschichte, die berühmte Bibliothek, und an einer kleinen ebenen Fläche einen Hinweis vom Reiseleiter, dass hier mal der Pergamonaltar stand, aber kein Schild mit einem Hinweis, dass der Altar in Berlin ist und man sich das Original dort ansehen könnte. Das hat mich damals sehr gewundert. Im Artikel der jW gibt es keinen Hinweis auf eine Rückforderung der Türkei, nur dass die Verträge seinerzeit sauber waren und der Altar in Teilen geborgen wurde. Aber einen Hinweis am Originalschauplatz über den jetzigen Standort sollte es einfach geben. Oder gibt es den jetzt?
Michael Seebach, Hamburg
Kriegsgründe
Zu jW vom 29.12.: »Wenn drei sich streiten«
Angesichts der derzeitigen Situation ist es vielleicht an der Zeit, sich mal etwas konkretere Gedanken darüber zu machen, was die EU oder auch die BRD in diesem Krieg eigentlich gewinnen wollen. Abgesehen davon, dass dieser Krieg für diese beiden Akteure bislang einzig Verluste eingefahren hat, ist es doch auffällig, wie sich die BRD-Linke seit Jahren davor drückt, Kriegsgründe für die BRD zu benennen. Verlängerung des Krieges, der Bedeutungslosigkeit entgehen, die Verhandlungen stören etc., sind vordergründige Aktionen, die allenthalben benannt werden, aber dies sind keine Kriegsgründe, für die man den eigenen ökonomischen Untergang riskiert. Okay, wir können natürlich postulieren, dass die BRD-Bourgeoisie von Feigheit und Rachegelüsten bestimmt wird, aber auch das ist keine ausreichende Erklärung, weshalb weit mehr als hundert Milliarden in diesen Krieg gesteckt werden. Kann es sein, dass wirklich wie Ende der Achtziger auf ein ökonomisches Ausbluten gewettet wird? Oder warten die auf einen US-Präsidenten, der diesen Krieg wieder unterstützt? Ist der eigene ökonomische Untergang sowieso schon ausgemachte Sache, der sich nur noch mit einem Krieg abwenden lässt? Was ist hier los?
Gabriel Toledo, Berlin
Geld und Gut
Zu jW vom 17.12.: »Einer fehlt«
Wieder ein Buch, das nicht zwischen Geld (als reinem Tauschmittel) und Gütern, die u. a. auch als Tauschmittel verwendet wurden, unterscheidet. Retrospektiv wird das kapitalistische Geldsystem verallgemeinert und so seiner historischen Gewordenheit entkleidet. Nein, Münzen waren kein Geld, und die Versorgung mit und über Geld ist erst mit dem Kapitalismus allgemein und notwendig geworden. Noch das Mittelalter kennt kein Wort für Geld oder Wert. Münzen haben keinen Nennwert und werden als Gebrauchsgut mal getauscht, mal umgeschmolzen. Auch Kaurimuscheln oder andere gern als Geldvorläufer benannte Güter erfüllen kein Kriterium des Geldes, sondern sind in ihrer Verwendung als Zahlungsmittel eng begrenzt. Es gab vielfältige Versorgungssysteme ohne und vor dem Geld. Und nur ohne Geld und seine Zwänge ist der Kapitalismus zu überwinden. Interessant hier die Podcastserie »Moneyprofiler«, bspw. zur geldlosen Wirtschaft der Dahome oder der Fehlinterpretation mittelalterlicher Münzen als Geld.
Stefan Köpke, Dresden
Stellt man sich wirklich auf eine Stufe mit der Reaktion, wenn man allgemeines Böllern blöd findet?
links & bündig gegen rechte Bünde
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