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Aus: Ausgabe vom 05.01.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Silvesternacht und Böllerverbot

Böllerverbot in Niederlanden kann kommen

Unfälle, Brände, Stickstoffausstoß: Silvesternacht bestätigt Befürworter der Abschaffung von Pyrotechnik
Von Gerrit Hoekman
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In der Silvesternacht stand die Vondelkerk in Amsterdam in Flammen

Viele Niederländer, besonders die jungen, sind ähnlich verrückt nach Feuerwerk wie ihre Nachbarn in Deutschland. Weil bei ihnen aber die Knaller und Raketen deutlich teurer sind, stürmen sie kurz vor Silvester regelmäßig die deutschen Supermärkte im Grenzgebiet. Der Böllertourismus könnte in Zukunft noch deutlich zunehmen, denn das niederländische Parlament hat einer Gesetzesinitiative der grünen Sozialdemokraten von Groenlinks-PvdA und der Partei für die Tiere (PvdD) zugestimmt, die ein Feuerwerksverbot für Privatpersonen vorsieht. Auch der Senat, die Erste Kammer, unterstützt den Vorschlag.

Die zehn Parteien, die das Verbot unterstützen, argumentieren nicht nur mit der Zahl von Toten und Verletzten, die das Silvesterfeuerwerk jedes Jahr fordert, sondern auch mit dem enormen Stickstoffausstoß. Wie alle anderen Mitgliedstaaten der EU dürfen die Niederlande insgesamt nur eine bestimmte Menge an Stickstoff ausstoßen, um die Klimaziele erreichen zu können. Das ohne Böller frei werdende Stickstoffkontingent könnte für den Wohnungsbau benutzt werden.

Ob das Verbot wirklich schon Silvester 2026 in Kraft tritt, ist noch ungewiss. Bis jetzt ist zum Beispiel ungeklärt, wie die Feuerwerksbranche für ihren finanziellen Verlust entschädigt werden kann. Völlig offen ist ebenfalls, wie die Kommunen das Verbot überhaupt durchsetzen sollen oder wie der Schmuggel von Feuerwerk aus Belgien und Deutschland unterbunden werden kann.

Auch in diesem Jahr waren an »Oud en Nieuw« (Alt und Neu), wie Silvester auf Niederländisch heißt, zahlreiche Schwerverletzte zu beklagen. In Nijmegen und Aalsmeer kamen zwei Personen durch Knallkörper ums Leben, eine von ihnen war erst 16 Jahre alt. »Letzte Nacht ist es zu vielen Bränden, Zerstörungen und Gewalttaten gekommen«, zitierte dpa den stellvertretenden niederländischen Polizeichef Wilbert Paulissen. Polizei, Feuerwehr und Sanitäter seien angegriffen worden. In Utrecht wurde ein Mann von der Polizei angeschossen und schwer verletzt. Im Zentrum von Amsterdam brach ein Feuer in der Vondelkerk aus, einer ehemaligen Kirche, die heute unter anderem als Veranstaltungsort genutzt wird. Der Kirchturm brannte lichterloh und stürzte schließlich ein.

Die Bilanz der Nacht dürfte die Befürworter eines Böllerverbots bestätigen. Die Frage ist allerdings, ob die umstrittene Maßnahme den gewünschten Effekt haben wird. Das Silvesterfeuerwerk ist nämlich auch ein soziokulturellen Ereignis. Im Amsterdamer Arbeiterviertel Floradorp gibt es beispielsweise seit über 70 Jahren die Silvestertradition, die nicht mehr gebrauchten Weihnachtsbäume zu großen Haufen aufzuschichten und in Brand zu stecken. In diesem Jahr hatte die grüne Bürgermeisterin Femke Halsma ein Verbot ausgesprochen, an das sich die Bewohnerinnen und Bewohner – wenig überraschend – nicht hielten. Das nach Mitternacht anrückende Sondereinsatzkommando Mobiele Eenheid wurde in den engen Straßen des Viertels heftig und gezielt mit Feuerwerksraketen beschossen.

In Floradorp wohnt seit Generationen die weiße Arbeiterklasse, die überwiegend im Hafen von Amsterdam arbeitet, und es gibt kaum Migranten. Das Viertel ist eine Hochburg populistischer, rechtsradikaler Parteien wie der von Geert Wilders. »Repression provoziert eher noch mehr Gewalt, als dass sie irgend etwas löst«, prophezeite der Kriminologe Marnix Eysink Smeets schon am Dienstag vor Silvester bei Het Parool die Ereignisse in Floradorp. Besonders in sozial und wirtschaftlich benachteiligten Nachbarschaften wie Floradorp wachse die Distanz zu den Behörden. »Je mehr man verbietet, desto größer wird der Widerstand«, so Smeets, der früher Polizist war. »In Floradorp erleben sie es als Kampf zwischen der Elite und dem einfachen Volk.« Am Neujahrstag sah sich der Kriminologe bestätigt. »Hätte der Stadtrat den Dialog fortgesetzt, die Bewohner von Floradorp wirklich ernst genommen und wäre auf sie zugegangen, wäre all das nicht nötig gewesen.« Der Einsatz von Polizei und Feuerwehr habe viel mehr gekostet als in all den Jahren, als das Freudenfeuer erlaubt war.

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