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Aus: Ausgabe vom 05.01.2026, Seite 3 / Kapital & Arbeit
Globales Schuldensystem

Welche Rolle spielen Staatsschulden?

Hohe Schuldenlasten nehmen den Ländern des globalen Südens die Möglichkeit zum souveränen Klimaschutz, erklärt Jose Treviño
Interview: Luca von Ludwig
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Frauen in Sambia fordern einen Schuldenerlass für ihr ausgeplündertes Land (Lusaka, 19.4.2024)

Am Sonntag, dem 4. Januar, wollen Sie dem Papst in Rom einen offenen Brief zum Ende des »Jubeljahres« 2025 überreichen. (Das Gespräch wurde vorab geführt, jW) Worum geht es in dem Schreiben?

Der Brief begann als Teil einer längeren Kampagne. Bei den Jubeljahren (auch »Heiliges Jahr«, jW) der katholischen Kirche gibt es seit 2000 einen größeren Fokus auf das Thema Schuldenerlass. Dabei gibt es auch mehr Stimmen, die fordern, dass sich die Kirche für eine stärkere Zusammenarbeit des globalen Nordens und Südens einsetzt, eben auch bei der Abmilderung von Schuldlasten. Als das Jubeljahr 2025 anstand, haben wir zusammen mit anderen Gruppen eine Kampagne gestartet, die sich für die Aufhebung der Schulden des globalen Südens einsetzt. Den Zusammenhang zwischen diesen Schulden und der Klimakrise hatte auch der Papst – sowohl Franziskus als auch Leo – aufgegriffen. Wir haben aber das Gefühl, dass nicht viel erreicht wurde, und fordern, dass der Geist des Jubeljahres auch über 2025 hinaus weitergeführt wird.

Warum spielen Staatsschulden bei der Klimakrise eine so große Rolle?

Die Finanzierungsfrage ist ein Schlüsselproblem bei der Klimakrise. Wir haben das erst kürzlich bei der COP 30 in Brasilien gesehen. Das Geld, das notwendig ist, um effektive Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen oder infrastrukturelle Resilienz zu schaffen, fehlt besonders im globalen Süden. Der fiskalische und finanzielle Spielraum ist schlicht nicht da. Das ist für uns eine ganz pragmatische Angelegenheit. Wenn die Schulden verschwinden, die im globalen Süden das Geld auffressen, dann ermöglicht das, souverän nachhaltige Politik zu machen. Es hängen ja auch andere Dynamiken daran. Eine hohe Verschuldung kann ein Land zum Beispiel dazu zwingen, seine Rohstoffe von ausländischen Konzernen ausbeuten zu lassen oder schmutzige Industriezweige ins Land zu holen.

Der Papst ist natürlich eine eher symbolische Autorität. Was sind die Institutionen, die Sie eigentlich kritisieren?

In der Vergangenheit haben wir uns auf die Weltbank und den IWF konzentriert. In letzter Zeit schauen wir aber auch verstärkt auf private Akteure, bei denen sich Länder des globalen Südens verschuldet haben. Und auch die Ratingagenturen, die mitentscheiden, zu welchen Zinsraten Staaten Auslandsschulden zurückzahlen müssen, stehen im Fokus.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen, wie Länder des globalen Südens unter solchen Schulden leiden?

Ein Beispiel, zu dem wir geforscht haben, waren die Länder Südamerikas. Kolumbien, aber auch Ecuador und Peru müssen ihre Ressourcen stark überausbeuten, um sich das Rückzahlen der Schulden leisten zu können. Es gibt eine ganze Reihe von interessanten Fakten dazu, wie nationale Schulden das Leben beeinflussen. Von der Makroebene, wie viel ein Land zum Beispiel an Agrikultur produzieren kann oder wie bestimmte Industrien strukturiert sind, bis zum kleinteiligen Alltag.

Es folgt aber, dass es der globale Norden ist, der von dieser Struktur profitiert. Wie kann man es schaffen, dennoch Solidarität zwischen den Menschen im globalen Norden und Süden herzustellen?

Der Aufbau von Solidarität ist eines unserer Hauptanliegen. Wir stecken viel Mühe in Aufklärung und Bildung und versuchen, über die strukturellen Folgen des globalen Schuldensystems aufzuklären und darauf hinzuweisen, dass der Norden hier Verantwortung übernehmen muss. Zugleich sind es ja oftmals dieselben Institutionen, die die Schulden des globalen Südens halten und die auch an der Ausbeutung der Arbeiter im Norden beteiligt sind.

Von moralischen Appellen abgesehen: Wie kann tatsächlich materieller Druck auf internationale Finanzinstitutionen ausgeübt werden?

Das ist eine langfristige Aufgabe. Ein gutes Beispiel wären »Citizen Debt Audits«, wobei Experten aus der Zivilgesellschaft prüfen, ob Schulden überhaupt legitim sind. Oft sind sie es nicht und wurden entgegen dem allgemeinen Interesse von früheren Machthabern ausgehandelt. In Ecuador gab es eine solche Initiative, die bewirkte, dass einige Schulden aufgehoben oder zumindest nicht mehr eingetrieben wurden.

Jose Treviño ist Koordinator bei »Debt for Climate«.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang Schlenzig aus Berlin-Mariendorf (5. Januar 2026 um 15:21 Uhr)
    So hart es klingen mag und für die Länder auch ist, ist doch das Erste, keine Schulden zu machen. Vielleicht auch, weil in nicht wenigen Ländern des globalen Südens Leute herrschen, denen das Schicksal der Bevölkerung ziemlich egal ist, wenn es nur ihnen gut geht und sie profitieren. Und dann sollten sie sich mal anderen Geldgebern zuwenden, z.B. China und Russland, die keine Forderungen stellen, sondern nur Rückzahlung wollen.

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