Deutsche Papierindustrie strauchelt
Von Luca von Ludwig
Die Tinte, mit der die letzte Pressemitteilung zum Stand des Insolvenzverfahrens gedruckt wurde, war noch gar nicht richtig trocken, als die Papierfabrik Feldmühle im schleswig-holsteinischen Uetersen Mitte Dezember meldete, dass die Produktion eingestellt wird. Mit Jahresende wurde der Schritt vollzogen. Mehr als 200 Beschäftigte dürften damit vor dem Aus ihres bisherigen Berufs stehen. Dabei steht das Papierwerk exemplarisch für die schwierige Lage der gesamten Branche in der BRD.
Ein kurzer Blick auf die Meldungen im Branchenfachportal Euwid zeigt, wie viele Unternehmen der Papier- und Verpackungsindustrie aktuell turbulenten Zeiten ins Auge blicken. Kaum ein Monat schien 2025 zu vergehen, in dem nicht ein Betrieb Insolvenz angemeldet, ein Werk geschlossen oder eine Firma »Sanierungen« angekündigt hatte. Der Feldmühle-Konzern war bis zu seiner Schließung nach eigenen Angaben globaler Marktführer beim Spezialpapier für wasserfeste Etiketten und konnte auf eine gut 120jährige Geschichte zurückblicken.
»Wir mussten feststellen, dass wir auf Dauer nicht mehr wettbewerbsfähig am Standort Uetersen produzieren können«, hieß es zum Schritt von Unternehmensseite. Man sei sich im Vorfeld sicher gewesen, eine Wende herbeizuführen, hätte dies aufgrund mehrerer Faktoren jedoch nicht erwirken können. Für den Konzern war es bereits das dritte Insolvenzverfahren innerhalb von sieben Jahren. Bei der jüngsten Konkursmeldung im zurückliegenden Mai machte die Geschäftsführung vor allem die gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise für die schlechten Bilanzen verantwortlich, wie die Branchenzeitung Neue Verpackung berichtete.
Demnach wurde die Belegschaft bereits bei den vorhergehenden Insolvenzverfahren um circa die Hälfte reduziert. Laut NDR konnten sich die nun faktisch auf der Straße stehenden Beschäftigten am Tag der Ankündigung gleich vor Ort erwerbslos melden. Derweil sei wegen der Insolvenz mit keinen Abfindungszahlungen zu rechnen – obwohl viele seit Jahrzehnten im Betrieb gearbeitet hätten.
Bei der Ankündigung zum endgültigen Schließen der Werkstore monierte der Konzern ferner die bisher ergebnislose Diskussion um einen möglichen »Industriestrompreis« sowie – Dauerbrenner in deutschen Chefetagen – die angeblich zu hohen »bürokratischen Hürden«. Das entspricht im großen und ganzen der Linie der Branchenlobby, verkörpert durch den Verband »Die Papierindustrie«. Dessen Präsident Hans-Christoph Gallenkamp ließ sich im November anlässlich einer Branchentagung wie folgt zitieren: »Wer die Deindustrialisierung Deutschlands aufhalten will, muss bei den entscheidenden Standortfaktoren Energie, Bürokratie und Abgaben nachbessern.« Schuld an der Misere also wie immer: alle anderen.
Bei den »bürokratischen Hürden« dürften die Lobbyisten nicht zuletzt an die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) denken. Diese schreibt dem verarbeitenden Gewerbe für manche Rohstoffkategorien – darunter Holz – bestimmte Sorgfaltspflichten in puncto Nachhaltigkeit und Schutz vor flächendeckenden Waldrodungen vor. Frechheit, befanden die Papierhändler, und liefen Sturm, bis sie Ende Dezember erwirken konnten, dass insbesondere Printmedien aus dem Geltungskreis der Verordnung ausgenommen wurden. Natürlich gibt man sich mit derlei Zugeständnissen nicht zufrieden und fordert die Ausweitung der Ausnahme auch auf Waren wie Papierverpackungen, Etiketten oder Tapeten, für die bisher die ursprünglichen Regeln gelten sollen.
Die hohen Ressourcenpreise, über die sich die Geschäftsführung des Papierwerks Feldmühle beklagte, beziehen sich mit einiger Sicherheit auch auf den Altpapiermangel. Altpapier und Zellulose sind die wichtigsten Rohstoffe für die Branche. Wie das Umweltbundesamt schreibt, lag der Anteil von Altpapier bei der Produktion von Papierwaren in der BRD zuletzt bei etwa 84 Prozent. Gleichzeitig wird die Ressource knapp: 2024 sei mehr Altpapier für die Produktion neuer Ware eingesetzt worden, als recyclingfähiges »produziert« worden sei. Der Wegfall von Holzlieferungen aus Belarus und Russland dürfte ebenfalls auf die Gewinnmargen drücken.
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