Geschichte verpflichtet
Von Carmela Negrete
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum führt nicht nur die progressive Politik ihres Vorgängers Andrés Manuel López Obrador fort, sondern setzt sich insbesondere auch für die Gleichstellung der Geschlechter ein. Sie kann sich dabei unter anderem auf den erst zweiten feministischen Kongress in Lateinamerika vor 110 Jahren berufen, der im Januar 1916 in Mérida, Yucatán, stattfand. Zum ersten hatten sich Feministinnen 1910 in Argentinien zusammengefunden. Sheinbaum wird am 16. Januar gemeinsam mit Parlamentarierinnen, Amtsträgerinnen, Vertreterinnen internationaler Organisationen und weiteren Persönlichkeiten jenes historische Treffen würdigen, das etwa darin mündete, Frauen 1917 mehr Rechte in der Ehe zu garantieren. Zur Ankündigung erklärte Senatspräsidentin Laura Itzel Castillo Juárez am Wochenende, die Gedenkfeier sei eine »Hommage an die Frauen, die den Weg bereitet haben und die ihn heute von der öffentlichen Macht aus verändern«.
Das Jahr 2025 wurde in Mexiko zum Jahr der indigenen Frauen erklärt. In diesem Rahmen wurde unter anderem eine Ausstellung zur grafischen Kunst der Frauen der Völker Mexikos im Museo Nacional de la Estampa präsentiert. Die Botschaft ist klar: Auch arme, rassifizierte Frauen sind Künstlerinnen – und ihre Werke gehören in die Öffentlichkeit. Präsidentin Sheinbaum trägt zudem bei öffentlichen Auftritten häufig Kleidung mit traditionellen Stickereien, die von indigenen Frauen für sie angefertigt werden. In den mehrmals wöchentlich stattfindenden Regierungspressekonferenzen, in denen sie, wie zuvor López Obrador, Rede und Antwort steht, verweist sie immer wieder auf mutige Frauen der mexikanischen Geschichte, insbesondere auf indigene Frauen.
Der Feminismus in Mexiko beschränkt sich jedoch keineswegs auf die symbolische Ebene. Seit Anfang vergangenen Jahres ermöglicht das Programm Pensión Mujeres Bienestar rund drei Millionen Mexikanerinnen im Alter von 60 bis 64 Jahren eine Wohlfahrtsrente. Die Regierung stellte dafür 23.662 Millionen Pesos (rund 1,1 Milliarden Euro) bereit, um erstmals Hausarbeit sowie Pflege- und Sorgearbeit von Frauen anzuerkennen und zu honorieren. »Es ist die Zeit der Frauen, die Zeit des Wandels. Zum ersten Mal in der Geschichte Mexikos wurde die Pensión Mujeres Bienestar geschaffen, die die Arbeit der Frauen anerkennt und zu ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit beiträgt, damit sie Dinge verwirklichen können, die aufgrund fehlender finanzieller Mittel bislang unerledigt blieben«, erklärte die Sozialministerin Ariadna Montiel Reyes vom Sekretariat für Wohlfahrt (Secretaría de Bienestar) bei der Vorstellung des Programms im Jahr 2024.
Im November desselben Jahres trat zudem eine Verfassungsreform in Kraft, die die materielle Gleichstellung von Frauen festschreibt und den Staat verpflichtet, sie vor geschlechtsspezifischer Gewalt zu schützen. Ziel ist es, Gerechtigkeit, Wohlstand und die politische wie gesellschaftliche Teilhabe von Frauen zu fördern. Sieben Artikel der Verfassung wurden ergänzt, um unter anderem die Gleichstellung der Geschlechter, den Schutz vor Diskriminierung sowie die frauenspezifische Perspektive bei der Strafverfolgung mit zu verankern. Sheinbaum richtete darüber hinaus erstmals ein Ministerium für Frauen in ihrem Kabinett ein – ein Novum in Mexiko.
Diese Reform bildete die rechtliche Grundlage für den Ausbau eines Netzwerks von Frauenhäusern im Land. Allein in der Hauptstadt können derzeit nach Regierungsangaben rund 1.100 Frauen diese Schutzräume vor männlicher Gewalt in Anspruch nehmen. In Mexiko-Stadt gibt es bereits neun Frauenhäuser sowie zwei Übergangshäuser (Casas de Transición), in einem Land, das aufgrund der hohen Zahl von Femiziden traurige Berühmtheit erlangt hat. Eines dieser Häuser – die Casa Frida – bietet explizit sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten mit Fluchtgeschichte einen sicheren Ort vor Verfolgung. Grundsätzlich können Betroffene in den Schutzunterkünften bis zu drei Monate bleiben und dort im besten Fall einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt finden. Ziel ist es, ein selbstbestimmtes Leben ohne gewalttätige Partner zu planen. Ergänzend dazu gibt es die Hotline »Línea Sin Violencia«, die rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich ist.
Auch wenn die Zahl der Femizide zuletzt leicht zurückgegangen ist, bleibt das Ausmaß alarmierend hoch: Das Observatorio Ciudadano Nacional del Feminicidio zählte von Januar bis September 1.120 ermordete Frauen. 500 der Fälle wurden als Femizide eingestuft.
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