Das größte Geschenk
Von Gabriele Damtew
Wie fast jedes Jahr zu dieser Zeit ereilt die getreuen, ewig junggebliebenen Lesenden (ha!) der »Unterklassen« der obligatorische Nachruf auf den ersten Part der Saison 2025/26. Genauer: auf die Hinrunde der dritten Liga. Lange Zeit beherrschte der Aufsteiger aus der Regionalliga West, der MSV Duisburg, die Tabelle. Vorteil der Meister dieser Regionalliga: Sie können direkt aufsteigen, ohne eine Relegation gegen andere Titelträger der vierten Liga absolvieren zu müssen. Was für jeden Meister bis dato eine himmelschreiende Ungerechtigkeit darstellt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, der DFB möge im kommenden Jahr endlich etwas gegen diese unselige Regelung unternehmen, die nicht nur jeglichen Sportsgeist untergräbt, sondern auch verdiente Lebenswege. Kurios – nicht selten geschah es in den vergangenen Jahren, dass ausgerechnet einige dieser Newcomer das Geschehen im Souterrain des bezahlten Fußballs bestimmten. Zuletzt gelang das überaus überzeugend dem SV Elversberg aus dem Saarland mit einem direkten Lauf in die höhere Etage. Auch zwei Jahre später zur Winterpause auf Platz zwei in der zweiten Bundesliga, hinter Schalke 04.
Das größte Geschenk zur Bescherung seiner Fans war einem gewiss: Kapitän Alexander Hahn vom MSV Duisburg verkündete die frohe Botschaft ausgerechnet zu Heiligabend. Er werde über das Saisonende hinaus bleiben, alles geben und das »auch weiter 90 Minuten Vollgas auf dem Rasen«. Also kein Quickie, sondern eine astreine Vertragsverlängerung. Den ersten Platz hatte der Aufsteiger allerdings eingebüßt. Für sogenannte Experten unerwartet, aber für Laien nicht ganz überraschend hat sich Energie Cottbus den Titel des Herbstmeisters gesichert. Wie das auch immer geschehen sein mag, die beste Tordifferenz spricht für sie. Nicht zuletzt hatten nach Rückschlägen wichtige Spiele, gegebenenfalls auch mal auswärts, gewonnen werden können. Die Chemie zwischen Trainer Pele Wollitz und Team scheint auch zu stimmen. Und nicht zu vergessen gehört ein Spieler, der 2021 einst Aufsteiger Viktoria Berlin in der dritten Liga Format gab, heute zu Cottbus wie Energie: Tolcay Ciğerci. Sein Wert für die Mannschaft unbezahlbar. Wobei sich im Kapitalismus der sportliche Marktwert oft am Alter messen lässt. Nicht immer geht diese Rechnung auf, glücklicherweise.
Überraschungszweiter ist, nur einen Punkt hinter Cottbus und einen vor Duisburg, die Mannschaft des SC Verl. Niemand wollte den kleinen Club aus NRW ernst nehmen, gar kennen. So mancher hat ihn von seiner starken Seite kennenlernen müssen; die Tabelle lügt nicht. Auch Rot-Weiss Essen macht auf Platz vier Furore, auch mit riesigem Fanauflauf.
Wie jedes Jahr wurde auch der TSV 1860 München zu Weihnachten von der Realität eingeholt. Als hochgehandelte Favoriten auf den Aufstieg mussten sich die Löwen auch nach Trainerwechsel im Mittelfeld einsortieren, nichts Neues. Schlimme Zeiten auch für den Absteiger SSV Ulm, letzte Saison noch im Hoch der zweiten Bundesliga, der neben den Aufsteigern Havelse und Schweinfurt das Tabellenende anführt. Rette sich, wer kann.
Übrigens sind die englischen Oberklassen auch nicht mehr, was sie mal waren. Freuten sich Millionen von fußballsüchtigen Sterblichen im Gegensatz zum Krippenspiel auf das »schöne Spiel« am Boxing Day (26. Dezember), gab es dieses Jahr nur ein lausiges Match. Manchester United vs. Newcastle United (1:0). Der Weihnachtsfrieden war gestört.
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