Verhandlungen
Von Stefan Heidenreich
In Berlin hätten Anfang dieser Woche Friedensverhandlungen stattgefunden, heißt es. Anwesend waren Keir Starmer, Emmanuel Macron, Giorgia Meloni, Donald Tusk, Mette Frederiksen, Jonas Gahr Støre, Alexander Stubb, Dick Schoof, Ursula von der Leyen, António Costa und Mark Rutte. Braucht man wirklich all die Chefs, nur um untereinander ein Friedensangebot auszuhandeln, das Russland ablehnen wird? Allen, die gerne glauben wollen, es ginge dabei um den Frieden, sei wärmstens der Einführungskurs »Doppelsprech für Einsteiger/Doublespeak for Dummies (DS)« empfohlen. Ergänzend dazu das Lektüreseminar »LTI« (Klemperer).
Gegen Ende des letzten großen europäischen Kriegs behauptete der in England lehrende österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein: »Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.« Das betrifft auch den Gebrauch der Worte in der Politik, und in Kriegszeiten ganz besonders das Wörtchen »Frieden«.
Da der Vorschlag der FriedensverhandlungenDS für den Bären ist, stellt sich die Frage, worum es in Berlin tatsächlich ging. Wer Wittgensteins Rat folgt, auf den »Gebrauch« zu schauen, und also nicht auf das, was geschwätzt, sondern auf das, was getan wird, kommt rasch auf eine eindeutige Antwort. Die Kriegsvorbereitungen laufen, der Operationsplan wird umgesetzt, und auch wenn sich der Friedensminister noch ziert, den Einsatz deutscher Soldaten an der Ostfront anzukündigen, heißt das nur, dass der Boden erst noch bereitet werden muss. Mit allergrößter Sorge schaut man auf Umfragen, denen zufolge kaum mehr als die Hälfte der Bevölkerung glaubt, dass Russland der alleinige Aggressor ist und dass man alle Verbindungen zu Moskau kappen sollte. Bis die Kriegstüchtigen einsatzbereit sind, gibt es noch viel zu tun. An die Journaille ergeht schon einmal der freundliche Rat, sich den Fall des Schweizer Exobersten und NATO-Angestellten Jacques Baud genauer anzusehen und die Maulkörbe entsprechend nachzujustieren.
Ein weiteres Indiz spricht dafür, dass es nicht um Diplomatie, sondern um Kriegsvorbereitung ging. Man muss nicht all die Staatschefs zusammentrommeln, um ein erstes Angebot auszuarbeiten. Das ließe sich im Umlaufverfahren durchwinken. Wenn die Meute sich trifft, geht es darum, etwas zu verteilen – entweder die Beute oder die Aufgaben. Da der Bär noch nicht erlegt ist, wird es um Verpflichtungen bei der Jagd gegangen sein.
Um sich den weiteren Ablauf auszumalen, braucht es nicht viel Phantasie. Nach der Zurückweisung des von den friedliebenden Fürsten des Westens in mühevoller Arbeit untereinander verhandelten Angebotes wird man nicht darum umhinkommen, einseitig einen WaffenstillstandDS zu verkünden und umgehend die zur Absicherung vorgesehenen FriedenstruppenDS gen Osten zu schicken. Sollte der Aggressor unsere tapferen Friedensbringer angreifen, wird nichts anderes übrigbleiben als zurückzuschießen. Womit »Europa« in den Krieg eintritt. Eile ist geboten, denn von den als Schlachtvieh geopferten Eingeborenen sind nicht mehr viele übrig, und die Front wackelt an allen Ecken und Enden.
Noch zögert man, zur Deckung der Kosten die russischen Einlagen zu rauben, denn damit ginge es ans Eingemachte. Auch hier gilt: auf die Taten schauen, nicht auf das Geschwätz. Schon hat sich Larry Fink, der ehemalige Chef des derzeitigen Bundeskanzlers, zu Wort gemeldet. Ein sicheres Zeichen, dass es etwas zu verteilen gibt. Nun ist Diebstahl zwar im Kapitalismus durchaus verbreitet, aber doch bitte dosiert und ohne beim Sprengen des Safes die ganze Bank abzufackeln. Mit dem Raub von Einlagen einer Staatsbank hätte sich die internationale Finanznachkriegsordnung erledigt. Die Folgen werden global bemerkbar sein.
Geld ist scheu wie ein Reh, besonders große und sehr große Vermögen. Wohin sollen die Rehlein springen, um sich in der neuen, schrecklichen Wolfswelt zu verstecken? In den gepflegten Garten, wie der EU-Kommissar Josep Borrell den Kontinent Europa bezeichnete, oder in den Dschungel, wie sein Vorbild Robert Kagan es formulierte? Wenn man sich im Garten ans Verspeisen eines Rehbratens macht, kommen dem Rehlein womöglich Zweifel. Vielleicht taugt der Dschungel doch besser als Versteck? Nicht vergessen: Auch Kleintiere machen Mist. Hier eine Milliönchen, dort eine Milliarde, und bald sind Trillionen auf der Flucht.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (19. Dezember 2025 um 09:06 Uhr)»Friedensverhandlungen« in Brüssel zwischen EU, USA und der Restukraine. Ich wusste gar nicht, dass die sich im Krieg befinden. Die Friedensverschleppung durch die anwesenden Parteien ist mittlerweile nur noch mit Zynismus zu ertragen. Oder lautem Lachen, wenn’s nicht so ernst wäre. Die Hirnlosigkeit des versammelten Personals (mit Ausnahme der Magyaren) ist schauderhaft. Das Schlimme ist, die glauben den Mist wirklich, den sie von sich geben in ihrem hochmoralischen Getue. Und alle, außer denen, sehen ganz klar, dass der Kaiser nackt ist.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (18. Dezember 2025 um 21:32 Uhr)Die EU-Panzerknacker sprengen wohl eher einen Geldautomaten als einen Safe. Allerdings kann bei solchen Aktionen das umgebende Gebäude auch unbrauchbar werden. Vor einer Stunde (18.12.2025, 20:05) habe ich in der Tagesschau gehört, dass eine Klage der russischen Staatsbank gegen Euroclear vor einem russischen Gericht zwar mehr oder wenger belanglos sei, bei der russischen Nationalbank seien aber hundert Milliarden Euro deutscher Unternehmen eingefroren. Falls diese im Gegenzug eingezogen würden, wäre das schon von Belang. Kurz zu Jacques Baud: Einer, der Realitäten zum Ukraine-Komplex veröffentlicht, muss aus Sicht der Herrschenden mundtot gemacht werden. Dass die Krim sich ein halbes Jahr vor der Ukraine für unabhängig erklärt hat und später militärisch in selbige eingegliedert wurde, passt halt nicht in die Märchenwelt der Leyens, Merzens, Pistoriusse …
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (19. Dezember 2025 um 13:41 Uhr)Hin und her mit Eingefrorenem: Warum sollten die Regierenden der RF sich ins Unrecht setzen? Weil verbreitet wird, dass …? Was könnte denn an Vermögen der RF nicht umgeparkt, verliehen, verschrieben, kreditiert worden sein und werden usw.? Die Behauptung ist, dass Geld herumliegt, weil grundlos Geld bei Euroclear in Umlauf gerät? Fragen wir Herrn Merz! Warum liegt Geld bei Blackrock? Ist nicht vertraglich gebunden? Dann kommt Herr Merz und meint: Ab jetzt entscheide ich! Abba was denn nur? Wird er auch die D-Mark wieder einführen? Nur weil sogar die Europäische Zentralbank nebenbei meinte: Liebe EU-Magnaten! Finger weg von Euroclear! War das so schwer zu begreifen?
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