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Aus: Ausgabe vom 18.12.2025, Seite 10 / Feuilleton
Prog-Rock

Es war nicht alles schlecht

Fair sein hilft: Ein Reissue des frühen Genesis-Klassikers »The Lamb Lies Down on Broadway«
Von Alexander Kasbohm
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Abgeschminkt: Prog-Rocker Peter Gabriel

Was bei »Star Wars« die Klonkriege waren, sind in der Geschichte der Popmusik die Punkkriege: das entscheidende, die weitere Geschichte und Geschichtsschreibung beeinflussende Ereignis. Nicht nur die Art, Musik zu machen, sondern auch die Art, über sie zu schreiben, änderten sich in den späten 1970ern grundlegend. Schluss war mit den elaborierten, oft esoterisch versponnenen Songs des Prog-Rock (vertreten von Genesis, Yes oder Emerson, Lake and Palmer) mit ihren oft sehr langen, klassisch beeinflussten Soli. Pop war – in der Form von Punk – wieder gesellschaftlich relevant. Und die Musikrezeption analysierte nicht mehr hermetisch die Songs, sondern setzte sie mit Gesellschaft, Politik, Philosophie und Soziologie in Beziehung.

Alles, was nur ganz leicht nach Prog-Rock roch, galt als reaktionär. Und das war es zumindest bis Mitte der 1990er in der Regel auch. Das Aufkommen von Post-Rock oder Bands wie The Mars Volta weichte die Fronten etwas auf, aber außer Jim O’Rourke (Gastr Del Sol, Sonic Youth) hätte sich weiterhin kaum jemand dazu bekannt, Genesis-Fan zu sein. Genesis waren doppelt uncool, wegen der frühen Prog-Rock-Jahre mit Peter Gabriel als Sänger und der späteren Stadionrockjahre mit Phil Collins. Und für die, denen Phil Collins noch zu avantgardistisch war, gründete Gitarrist Mike Rutherford dann auch noch Mike and the Mechanics.

»The Lamb Lies Down on Broadway«, das vielleicht bekannteste frühe Album der Band, feiert jetzt – ein Jahr verspätet – seinen 50sten Erscheinungstag mit einer remasterten CD-Box. Die enthält das Originalalbum, das ganze Album noch mal in einer Liveversion, ein drittes Mal in einem Dolby-Atmos-Mix, den niemand braucht, Downloadcodes für ein paar Demos und Gedöns (Poster, Karten, Buch etc.). Die Punk-Kriege liegen länger zurück als der Zweite Weltkrieg es zu der Zeit tat, da sie geführt wurden; also versuchen wir, fair und nachsichtig zu sein. Es war ja nicht alles schlecht, damals …

Und ich würde mich tatsächlich zu der Behauptung versteigen: Es steckt in diesem Doppelalbum ein überraschend ansprechendes Einzelalbum, im Kontext seiner Zeit. Die übergeordnete surrealistische Story (es war die Zeit der Konzeptalben, die eine Geschichte erzählen mussten) spielt – und das ist ungewöhnlich für das Genre – im zeitgenössischen New York und nicht in einer Fantasy-Welt, mit Seitenhieben auf die gesellschaftlichen Strömungen der Zeit. Natürlich stammten die Bandmitglieder aus gutsituierten bildungsbürgerlichen Elternhäusern und setzten hier ihre Klavierstunden und klassische Bildung um. Aber wir wollen niemandem seine Herkunft vorwerfen. Und ob es so viel besser ist, wenn ein privilegiertes Kind sich als Working-Class-Revoluzzer gebärdet, bezweifle ich jetzt einfach mal. Allerdings sollte es für die Naivität von Zeilen wie »I’d rather trust a country man than a town man / I’d rather trust a man who works with his hands« auch nachträglich noch einen Satz heiße Ohren geben.

Das Album besteht etwa zur Hälfte aus schlanken, direkten Popsongs, die durchaus Charme haben. Zur anderen Hälfte besteht es aus langen Soli von Keyboarder Tony Banks, die zwar irgendwie erzählerisch Sinn ergeben und originell sind, aber mit Ohren des Jahres 2025 nur unter sehr speziellen Bedingungen (Solipsismus, Drogen) genießbar sind.

An den guten Stellen des Albums hatten Genesis eine Balance aus Prog und irgend etwas anderem, nicht voll ausgeformtem gefunden. Der auch von Banks und Gabriel immer wieder hervorgehobene Song »Back in N. Y. C.« ist vielleicht der seltsamste, aggressivste und interessanteste der Band, »Counting Out Time« und »Lilywhite Lilith« (inklusive Beach-Boys-Elementen) sind konzise und inspirierte Popsongs, und der Gymnasiastenengtanzklassiker »The Carpet Crawlers« ist, wenn man sich von allem frei macht, eine berückend schöne Ballade. Dass das alles von den Punks ff. verachtet wurde, bleibt verständlich. Aber auch Genesis waren 1974 nur fünf junge Männer unter 25, die versuchten, künstlerische Grenzen auszuloten. Und das machten sie, zumindest auf diesem Album, besser als viele Zeit- und Genregenossen und auch besser als die Geschichtsschreibung – die ja immer von den Siegern geschrieben wird – es ihnen zubilligt.

Genesis: »The Lamb Lies Down on Broadway« (2025er Remaster) (Rhino)

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  • Leserbrief von Hans Dieter Henkel aus Plettenberg (19. Dezember 2025 um 23:05 Uhr)
    Hallo, es war zu der Zeit sogar mehr gut als schlecht, aber davon braucht ein so geniales Werk, das für sich selbst spricht, keinen solch langatmigen, langweiligen, vor Intellekt strotzenden Kommentar. Einfach mal genießen. Frohe Weihnachten!!

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