Konflikt um Land und Kontrolle eskaliert
Von Thorben Austen, Quetzaltenango
Der historische Territorialstreit zwischen den Landkreisen Nahualá und Santa Catarina Ixtahuacán im guatemaltekischen Departement Sololá ist am Sonnabend eskaliert. Bei bewaffneten Auseinandersetzungen, die sich über mehrere Stunden hinzogen, kamen nach Medienangaben mindestens 13 Menschen ums Leben. Dabei soll es sich um Einwohner aus Nahualá gehandelt haben. Laut lokalen Behörden waren die Opfer zwischen 14 und 70 Jahre alt. Auch ein Soldat soll gestorben sein.
Der genaue Ablauf der Ereignisse ist noch ungeklärt. Autoritäten beider Landkreise geben sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation. Nach Angaben des Bürgermeisters von Nahualá, Manuel Guarchaj Tzep, ereignete sich der Vorfall in dem als »Los Canteros« bekannten Gebiet im Zuständigkeitsbereich von Nahualá, wo die Opfer bei der Arbeit waren, als sie angegriffen wurden. Der Bürgermeister forderte daher die sofortige Intervention des Staates und der Armee, um die Ordnung wiederherzustellen und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Sabino Tambriz, erster Stadtrat von Santa Catarina Ixtahuacán gab dagegen an, dass seine Gemeinde angegriffen worden sei. Dies sollen Videos belegen, auf denen eine Gruppe von Männern mit großkalibrigen Waffen zu sehen ist, die sich in Richtung der Berggebiete bewegt.
In einer Regierungsmitteilung heißt es, dass »illegale und schwer bewaffnete paramilitärische Gruppen den Militärposten in Nahualá angriffen, die Polizeistation der Nationalen Zivilpolizei besetzten und Beamte entführten«. Dies stelle »einen entscheidenden Wandel im Charakter des historischen Konflikts dar, der von Strukturen der organisierten Kriminalität ausgenutzt wird«. Die guatemaltekische Armee habe mit einer defensiven Maßnahme reagiert, bei der sieben Soldaten verletzt worden seien. Anschließend sei die Verbreitung von Falschinformationen festgestellt worden. Laut Regierung ist der Vorfall teil einer gezielten Strategie, ein Machtvakuum zu schaffen, das dem organisierten Verbrechen freie Hand in diesem strategisch wichtigen Gebiet lässt. Weiter heißt es, eine »Lageanalyse bestätigte die Infiltration illegaler bewaffneter Gruppen, die lokale Spannungen für kriminelle Zwecke missbrauchen«.
Wie verschiedene Medien berichteten, geht es kriminellen Gruppen um die Kontrolle von Land, Wasserquellen, Waldgebieten und Drogenhandel. Mit diesen verbundene Schlepperbanden würden sich Land aneignen, um im Gegenzug Menschen ohne Papiere in die USA zu transportieren. Da viele Menschen die hohen Kosten für die Schleuserdienstleistungen der Banden – mindestens 73.000 Quetzales (rund 8.100 Euro) – nicht bezahlen können, würden sie den Gruppen Land übergeben, welches dann für deren Geschäfte genutzt werde. Präsident Bernardo Arévalo erklärte auf einer Pressekonferenz am Sonntag für 15 Tage den Ausnahmezustand in beiden Landkreisen. Auch er begründete dies im Kern mit der Einflussnahme krimineller Gruppen in der Region.
Allerdings gibt es auch eine andere Version der Ereignisse. So gaben in einer über soziale Netzwerke verbreiteten Erklärung laut Prensa Libre Anwohner von Nahualá an, dass die in Santa Catarina Ixtahuacán stationierte Militäreinheit für die Eskalation verantwortlich sei und auf die Zivilisten geschossen habe. Die Betroffenen seien weder »Kriminelle, Eindringlinge noch Feinde«. Eine von ihnen, Judith Chox, forderte daher »exakte Aufklärung der Gewaltanwendung gegen die Bevölkerung von Nahualá und strukturelle Lösungen, statt neue Militärposten«. Medienberichten zufolge waren die Straßen der betroffenen Region nach dem Vorfall weitgehend menschenleer, dafür patrouillierten verstärkt Soldaten.
Der Konflikt, in dem beide Landkreise Territorien für sich beanspruchen, geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen, im Dezember 2021 kamen 13 Menschen ums Leben. 1999 wurde zwischen beiden Gemeinden ein Abkommen getroffen, das 2004 ratifiziert wurde. Es soll die gemeinsame Nutzung des Landes regeln.
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