Geliebte Armut
Von Johannes Schillo
»Dilexi te« (dt. Ich habe dir meine Liebe zugewandt), so heißt das soziale Rundschreiben von Papst Leo XIV., das im Oktober 2025 verkündet wurde und das den Untertitel »Über die Liebe zu den Armen« trägt. Wie Leo darin schreibt (DT 2)¹, hatte Papst Franziskus (bürgerlich Jorge Mario Bergoglio) diese aus dem Buch der Offenbarung geschöpfte »Liebeserklärung« schon in seiner eigenen Enzyklika »Dilexit nos« (2024) über »die göttliche und menschliche Liebe des Herzens Christi« aufgegriffen und dort deren »unerschöpfliches Geheimnis«, so heißt es weiter, »vertieft«.
Da der neue Pontifex, der gebürtige US-Amerikaner Robert Prevost, »dieses Projekt gewissermaßen als Erbe erhalten« hat, will er es sich zu eigen machen, und zwar ganz im Sinne seines »verehrten Vorgängers, dass alle Christen den tiefen Zusammenhang zwischen der Liebe Christi und seinem Ruf, den Armen nahe zu sein, erkennen mögen. Auch ich halte es nämlich für nötig, auf diesen Weg der Heiligung zu dringen, denn in dem ›Aufruf, ihn in den Armen und Leidenden zu erkennen, offenbart sich das Herz Christi selbst, seine Gesinnung und seine innersten Entscheidungen, die jeder Heilige nachzuahmen sucht‹ (Franziskus).« (DT 3) So eingangs die »Exhortatio« (Ermahnung) Leos. Die Frage, wie man ein Geheimnis »vertieft«, und ähnliche rätselhafte Äußerungen in dem »apostolischen« Text sollen hier nicht weiter interessieren. Auch nicht die aus der Apokalypse übernommenen Mitteilungen über die Falschheit der »Juden«, die sich als auserwähltes Volk in ihren »Synagogen des Satans« versammeln, beim jüngsten Gericht aber der ewigen Verdammnis verfallen werden, während Jesus die armen Christenmenschen erhöht.
Es geht um das seltsame soziale Programm, Armut eigentlich nicht abzuschaffen oder zu lindern, sondern zum Orientierungspunkt eines frommen Lebens, zu einer »Option«, zu machen, die, wie man jetzt erfährt, das Zentrum der vor 2025 Jahren in die Welt gekommenen frohen Botschaft darstellt: »Ich bin überzeugt, dass die vorrangige Option für die Armen eine außerordentliche Erneuerung sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft bewirkt, wenn wir dazu fähig sind, uns von unserer Selbstbezogenheit zu befreien und auf ihren Schrei zu hören.« (DT 6)
Franziskanisches Ethos
Es ist kein Novum, dass sich die römisch-katholische Kirche mit ihrer »Soziallehre« eher skeptisch zur Marktwirtschaft äußert. Vor allem das franziskanische Ethos von Bergoglio hat hier zuletzt für Aufsehen gesorgt und auch viele Linke begeistert. Die Verurteilung bestimmter Tendenzen der Geldwirtschaft kennt das Christentum ja seit seinen Anfängen. Speziell die Statements des ab 2013 amtierenden Papstes aus dem Franziskaner-Orden fanden größere Resonanz. So sahen die Theologen Franz Segbers und Simon Wiesgickl, die 2015 den Sammelband »Diese Wirtschaft tötet« vorlegten, in Papst Franziskus den entscheidenden Gewährsmann für eine Kapitalismuskritik der Gegenwart. Diese hielten sie zudem für den aktuell angesagten sozialethischen Grundsatz der christlichen Kirchen – und tendenziell darüber hinaus: »Erstmals gibt es eine große Ökumene der Kirchen in der klaren Ablehnung von Geist, Logik und Praxis des Kapitalismus«, lautete ihr Fazit.
Religiöse Antikapitalisten verweisen etwa darauf, dass seit den biblischen Zeiten eine Verurteilung der »ungehinderten Geldvermehrung« und des »Götzendienstes«, den die Menschheit dem »Mammon« leistet, gepredigt wird. Dieser religiöse Standpunkt habe sich mit dem Anbruch der Moderne weiter profiliert, denn in dieser sei es »typisch, dass Geldgier und Mammon ethisch neutralisiert und sogar als dynamischer Faktor der Wirtschaft wertgeschätzt werden« (Segbers/Wiesgickl). In der Tat hat die katholische Soziallehre seit den Anfängen des Kapitalismus und seit dessen Durchsetzung im 19. Jahrhundert vielfach gegen die »Geldgier« Stellung bezogen. 1745 bekräftigte Papst Benedikt XIV. in seiner Enzyklika »Vix pervenit« (dt. Kaum kam uns zu Ohren) das totale Zinsverbot; 120 Jahre später verurteilte Pio Nono in seinem berühmt-berüchtigten »Syllabus errorum« (1864, dt. Verzeichnis der Irrtümer) so gut wie alle Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft als sündhafte Irrtümer seiner Zeit, worauf sich dann Leo XIII. mit »Rerum novarum« (1891, dt. Neue Dinge) detaillierter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und dem unseligen Geist der Neuerung – vor allem der Entstehung einer Arbeiterbewegung! – zuwandte.
Seitdem hat die katholische Kirche den in der Wirtschaft herrschenden Egoismus, Materialismus und Konsumismus vielfach gegeißelt. Das ging teilweise bis zur Anklage einer strukturellen Sündhaftigkeit der ökonomischen Ordnung. Die schärfsten, an Systemkritik erinnernden Worte fand das Rundschreiben »Quadragesimo anno« (1931, dt. Im vierzigsten Jahr), das nach der Weltwirtschaftskrise erschien: »Zur Ungeheuerlichkeit wächst (die) Vermachtung der Wirtschaft sich aus bei denjenigen, die als Beherrscher und Lenker des Finanzkapitals unbeschränkte Verfügung haben über den Kredit und seine Verteilung nach ihrem Willen bestimmen. Mit dem Kredit beherrschen sie den Blutkreislauf des ganzen Wirtschaftskörpers; das Lebenselement der Wirtschaft ist derart unter ihrer Faust, dass niemand gegen ihr Geheiß auch nur zu atmen wagen kann.« (QA 106)
Solche harten Worte passten damals zum Zeitgeist. Von dort bis zur Sozialenzyklika »Caritas in veritate« (2009, dt. Die Liebe in der Wahrheit) von Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) wurde dann wieder die Haltung des Einzelnen in den Mittelpunkt gerückt. Franziskus spitzte das insofern zu, als er die Wirtschaftsordnung selbst als menschenfeindlich anklagte (»Diese Wirtschaft tötet«). Doch auch bei Franziskus blieb der Materialismus, der diese Ordnung trägt, der Dreh- und Angelpunkt. So bekräftigte seine Enzyklika »Laudato si« (2015, dt. Gelobt seiest du) noch einmal, was bereits in »Evangelii gaudium« (2013, dt. Freude des Evangeliums) als Ursache ausfindig gemacht worden war: Alle Übel kommen daher, dass »der Mensch sich selbst ins Zentrum stellt« (LS 122).
Das »vorherrschende technokratische Paradigma« (LS 101) bestimme seit einiger Zeit das moderne Wirtschaftsleben. Das soziale Grundproblem bestehe demnach in der »Art und Weise, wie die Menschheit tatsächlich die Technologie und ihre Entwicklung zusammen mit einem homogenen und eindimensionalen Paradigma angenommen hat. Nach diesem Paradigma tritt eine Auffassung des Subjekts hervor, das im Verlauf des logisch-rationalen Prozesses das außen liegende Objekt allmählich umfasst und es so besitzt. Dieses Subjekt entfaltet sich, indem es die wissenschaftliche Methode mit ihren Versuchen aufstellt, die schon explizit eine Technik des Besitzens, des Beherrschens und des Umgestaltens ist. Es ist, als ob das Subjekt sich dem Formlosen gegenüber befände, das seiner Manipulation völlig zur Verfügung steht.« (LS 106)
Die FAZ (20.6.2015) kommentierte seinerzeit zutreffend, dass dies eine »deutliche Absage an das moderne Weltbild (ist), wonach der Mensch die Welt zu seinem Nutzen gestalten solle. (…) Das anthropozentrische Weltbild, das den Menschen im Mittelpunkt sieht, ist für Franziskus die Ursünde.« Die FAZ nahm, da sie die – von Ratzinger noch gelieferte – Verklärung des Marktes vermisste, dezidiert Stellung gegen die Verurteilung des besagten »Weltbilds« und polemisierte gegen das »moralinsaure Gebräu« (FAZ, 18.6.2015) aus dem Vatikan. Ziemlich verlogen. Denn natürlich kennt das konservative Blatt sonst durchaus Werte, die von dem Einzelnen Opferbereitschaft verlangen und ihn davon abhalten sollen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Aber eine Moral, die die Verhältnisse in der globalisierten Marktwirtschaft in Frage stellt, kann die FAZ eben nicht leiden.
Wider den Kommunismus
Von einer Gegnerschaft zur kapitalistischen Ordnung, die sich in einer schlüssigen Sozialtheorie oder einer politischen Intervention ausgedrückt hätte, konnte bei Franziskus allerdings keine Rede sein. Wenn er sich zum Beispiel programmatisch zum Sozialismus oder Marxismus äußerte, stand er ganz in der Tradition des kirchlichen Antikommunismus eines Karol Józef Wojtyłas oder Ratzingers. Bei seinem Kuba-Aufenthalt 2015 begrüßte er die Annäherung des Landes an die kapitalistischen USA und erinnerte daran, dass »ebendies auch der Wunsch des heiligen Johannes Paul II. (war) mit seinem brennenden Aufruf: ›Möge Kuba sich mit all seinen großartigen Möglichkeiten der Welt öffnen, und möge die Welt sich Kuba öffnen!‹« Wie beim Ende des Ostblocks ging es also darum, dass sich alle Länder der kapitalistischen Weltwirtschaft öffnen und ihre Abschottung aufgeben.
Radio Vatikan fasste die Hauptrede auf dem Platz der Revolution so zusammen: »Papst Franziskus hat im kommunistischen Kuba Cliquenwirtschaft und elitäres Verhalten verurteilt. Mancher missbrauche seinen Dienst für die Gesellschaft, um im Namen des Allgemeinwohls die eigenen Leute zu begünstigen«. Spiegel online meldete am 20. September 2015 ganz papsttreu: »Papst Franziskus hat bei seinem Besuch im kommunistischen Kuba Ideologien als falschen Weg bezeichnet und mehr religiöse Freiheiten gefordert. Der Dienst am Menschen dürfe niemals ideologisch sein, sagte er bei einer Messe vor Hunderttausenden Menschen auf dem Revolutionsplatz in Havanna. ›Denn man dient nicht Ideen, sondern man dient den Menschen.‹« Klar, was mit Ideologie gemeint ist: der Marxismus. Eine Glaubensgemeinschaft dagegen, die ihre Dogmen von einer unfehlbaren Autorität geliefert bekommt und die ihren Dienst am Menschen unter die weltfremde Idee der Nächsten- und Feindesliebe stellt, ist das Unideologischste der Welt.
Bei der Frage danach, wie die soziale Misere in den Griff zu kriegen sei, war Bergoglio konventionell. Einen antikapitalistischen Aufbruch, eine Bevorzugung der Basis, den Weg einer Veränderung »von unten« – was ihm quasi als Erbschaft der Befreiungstheologie unterstellt wurde – fasste er nicht ins Auge. In »Evangelii gaudium« stellte er zudem klar, dass man der verbreiteten Politikverdrossenheit entgegentreten müsse: »Die in Misskredit gebrachte Politik ist eine sehr hohe Berufung, ist eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe, weil sie das Gemeinwohl anstrebt.« (EG 205)
Dasselbe hielt er für die Unternehmer fest: »Die Tätigkeit eines Unternehmers ist eine edle Arbeit, vorausgesetzt, dass er sich von einer umfassenderen Bedeutung des Lebens hinterfragen lässt; das ermöglicht ihm, mit seinem Bemühen die Güter dieser Welt zu mehren und für alle zugänglicher zu machen, wirklich dem Gemeinwohl zu dienen.« (EG 203) Und bei den notwendigen Veränderungen war klar, dass die politische Klasse das Heft in der Hand behalten muss: »Es ist Sache der Politik und der verschiedenen Vereinigungen, sich um eine Sensibilisierung der Bevölkerung zu bemühen.« (LS 214)
Anno Domini 2025
Das Rundschreiben »Dilexi te« (2025) von Leo XIV. holt nun weit aus – von den oft als kommunistisch bezeichneten Anfängen im Urchristentum bis zum 19. Jahrhundert, in dem der Kapitalismus zur herrschenden Wirtschaftsordnung wurde und der Vorgänger des jetzigen Leo, Papst Leo XIII., mit seiner berühmten Enzyklika »Rerum novarum« auf die politischen und ökonomischen Neuerungen reagierte. Leo XIV., der sich mit seiner Namenswahl bewusst in die Nachfolge dieses Pontifex gestellt hat, spricht in dem Zusammenhang vom »Jahrhundert der Soziallehre der Kirche«. Bei dem Rückblick darauf klingt dann das einzige Mal in seinem Rundschreiben die Tatsache an, dass die moderne Form der Armut arbeitender und arbeitsuchender Menschen, die sich auf dem Markt gegen Lohn verdingen müssen, zu einer eigenen Bewegung geführt hat, die eine solche Armut nicht hinnehmen will. Die Gewerkschaftsbewegung, der in früheren Sozialenzykliken noch eine bedeutende Rolle zugewiesen wurde, wird jedoch noch nicht einmal beim Namen genannt, sondern eingeordnet in einen allgemeinen Aufbruch, der im 19. Jahrhundert stattgefunden und der Menschenwürde gegolten habe: »Die Arbeiter-, Frauen- und Jugendbewegungen sowie der Kampf gegen rassistische Diskriminierung haben zu einem neuen Bewusstsein für die Würde derjenigen beigetragen, die am Rande der Gesellschaft stehen.« (DT 82)
Die materielle Besserstellung der arbeitenden Menschen, gar eine Aufhebung der Klassengesellschaft und der Herrschaft des Kapitals spielen hier überhaupt keine Rolle. Und das Schlusskapitel singt das hohe Lied des Almosengebens. In der ganzen Schrift kommen – die Linie von Papst Franziskus fortsetzend – die Begriffe »Kapital« oder »Kapitalismus« kein einziges Mal vor. Beiläufig werden einmal »Strukturen der Ungerechtigkeit« (DT 96) erwähnt, die nicht hinzunehmen seien. Aber davon, was einst den Anstoß zur modernen katholischen Soziallehre lieferte, findet sich nichts mehr. In den klassischen Texten der Soziallehre, die etwa der Jesuit Oswald von Nell-Breuning zu verantworten hatte, und selbst noch beim strammen Antikommunisten Wojtyła mit seiner Enzyklika »Laborem exercens« (1981) wurde der Gegensatz von Kapital und Arbeit in den Blick genommen. Er sollte selbstverständlich lediglich im Sinne einer Versöhnung aufgelöst werden. Die Entwicklung der Privateigentumsordnung zu einer Klassengesellschaft gelte es zu verhindern, und der menschlichen Arbeit den Vorrang vor den sachlichen Bedingungen, eben dem Kapital, einzuräumen.
Auf den Klassengegensatz reagierte damals Leo XIII., denn die Erfolge der sozialistischen Arbeiterbewegung zusammen mit den demokratischen Freiheitsrechten machten ja gerade die gefährlichen Neuerungen aus, die das Rundschreiben anprangert: »Der Geist der Neuerung, welcher seit langem durch die Völker geht, musste, nachdem er auf dem politischen Gebiete seine verderblichen Wirkungen entfaltet hatte, folgerichtig auch das volkswirtschaftliche Gebiet ergreifen.« So lautete der erste Satz der Sozialenzyklika »Rerum novarum« (RN 1), und diese gab damit die Linie für alle weiteren Schreiben bis zu »Caritas in veritate« (2009) vor, in dem der Ratzinger-Papst die endgültige Überwindung sozialistischer Ideen feierte und eine unverhohlene Apologie, ja Apotheose des Marktes lieferte.
Bei Ratzinger wurden dann auch die Gewerkschaften von ihrer ursprünglichen Funktion der Interessenvertretung entbunden und auf eine eigenartige Aufgabe verwiesen, nämlich darauf, »sich um die neuen Probleme unserer Gesellschaft zu kümmern: Ich beziehe mich z. B. auf die Gesamtheit der Fragen, die die Sozialwissenschaftler im Konflikt zwischen Arbeitnehmer und Konsument ermitteln« (CIV 64). Was Benedikt genau meinte, ob die Lohn-Preis-Spirale oder anderes, bleibt im Dunkeln. Klar ist aber, dass von einem Gegensatz, in dem die »Arbeitnehmer« zu ihren »Arbeitgebern« stehen, keine Rede mehr sein soll. Und das hat Schule gemacht, die feierlich verkündete »vorrangige Option für die Armen« spricht kein Klassenverhältnis mehr an.
Antikapitalistischer Stachel
Die moderne katholische Soziallehre ist als eine Reaktion auf den Sozialismus entstanden, der den Arbeitern den Weg zu einem irdischen Paradies weisen wollte, statt sie auf das Jenseitige zu vertrösten. Armut und Elend abzuschaffen, erschien den kirchlichen Hirten als eine vermessene Vorstellung, die ja auch die Tröstungsfunktion ihrer eigenen Einrichtung in Frage stellte. Sie mussten sich aber angesichts der erstarkenden Arbeiterbewegung mit dem Recht der Arbeiter auf den Kampf für ihre Interessen auseinandersetzen. Gerade darin lag das Neue an den »Rerum novarum«, dass hier den Arbeitervereinen ein Recht auf Interessenvertretung zugestanden wurde, selbstverständlich in gewissen Grenzen und solange sie das Allerheiligste, das Privateigentum, nicht antasteten. So gesehen begann 1891 – parallel zu Bismarcks Sozialstaatsreformen, die der Stabilisierung der Kapitalherrschaft dienten – das Jahrhundert der Soziallehre, nachdem die Arbeiterbewegung sich bereits jahrzehntelang für den Kampf gegen die Armut eingesetzt hatte. Damit erwarb sich Leo XIII. den Ruf eines sozial gesinnten Reformers, an den der jetzige Papst anknüpft.
Im Blick auf die gegenwärtigen Verhältnisse muss man festhalten, dass der weltweite Siegeszug des Kapitalismus mit dem Segen der Kirche, vor allem dem der strammen Antikommunisten Wojtyła und Ratzinger, erfolgt. Gleichzeitig ist zu konstatieren, dass die katholische Kirche die Übel der Kapitalherrschaft nicht aus den Augen verliert, ja sogar ihre mahnenden Worte nachschärft. Eine solche Zuspitzung kann man dem Papstwort »Dilexi te« bescheinigen – nur muss man hinzufügen, dass hier alles auf dem Kopf steht. Armut ist für Leo ein überzeitliches Phänomen, das vor 2.000 Jahren in der Christengemeinde genauso herrschte wie im heutigen Turbokapitalismus. Armut ist somit kein sozialer Tatbestand, der die Frage nach seinen Gründen oder Initiativen zu seiner Überwindung herausfordert, sondern eine Bewährungsprobe für die Gottesliebe. Es »geht nicht«, wie es ausdrücklich heißt, »um Wohltätigkeit, sondern um Offenbarung« (DT 5). Im armen Menschen erscheint Christus, er ist die Ermöglichung einer Gottesbegegnung, während das Verlangen nach Reichtum die Sündhaftigkeit des Menschen verrät. Und Leo scheut vor keiner Schwülstigkeit zurück: »Tatsächlich sind die Armen für die Christen keine soziologische Kategorie, sondern das Fleisch Christi selbst.« (DT 110)
Die Kirche, deren Reichtum heute jeder Tourist im Petersdom bewundern kann, erscheint in Leos Revue der tätigen Nächstenliebe als eine Instanz, die ihre Liebe seit 2.000 Jahren den Armen zuwendet – vom Urchristentum über die Bettelorden und die wohltätigen Klöster des Mittelalters bis hin zur Befreiungstheologie des 20. Jahrhunderts. Bei letzterer schafft Leo XIV. es sogar, das damalige Schreiben der römischen Kongregation, das Ratzinger als Kardinal zu verantworten hatte und das der Verurteilung dieser Richtung galt, zustimmend in seine Bilanz der unermüdlichen Fürsorge einzubauen – so als ob sich die Kirchenführer schon immer im Geist der Befreiung einig gewesen wären. Was in gewisser Weise ja auch stimmt: Armut und Elend als spirituelles Erlebnis aufzufassen, als Absage an den Materialismus der Welt und als Grund zur Hoffnung auf ein Jenseits, das für alles Irdische entschädigt und von der Sünde endgültig befreit, hatte schon immer den Segen der Kirchenleitung. So vollendet Leo XIV. das Jahrhundert der Soziallehre, der der antikapitalistische Stachel genommen ist.
Aber klar, einem Donald Trump oder einem Friedrich Merz will das kirchliche Oberhaupt nicht beipflichten. Dass diese Wirtschaft tötet – eine Wirtschaft, die kein einziges Mal beim Namen genannt wird, aber genau diejenige ist, die die modernen Staatenlenker betreuen und die sie als den Inbegriff von Rationalität und Effizienz feiern –, wird nicht zurückgenommen: Seit den beiden letzten Päpsten haben wir es schriftlich, dass der globalisierte Kapitalismus ein mörderisches System ist. Der Doppelfunktion der Religion, wie Marx sie charakterisierte – nicht nur mit Fentanyl die Massen zu betäuben, sondern auch als »Seufzer der bedrängten Kreatur« das irdische Jammertal anzuklagen –, bleibt die katholische Kirche also treu, jedenfalls in der obersten Etage in Rom.
Wie die nationalen Bischofskonferenzen das dann in den Alltag einer frommen Volksbetreuung umsetzen, die den jeweiligen staatlichen Anliegen nicht zu nahe treten und den sozialen Frieden (gerade auch in Zeiten von Hochrüstung und Kriegsvorbereitung) fördern will, bleibt deren Sache. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, die zuletzt der Wiedereinführung der Wehrpflicht ihren vollen Segen erteilte, hat auch gleich vorgebaut und dem Papier die politische Spitze zu nehmen versucht: Der Papst mische »sich nicht in konkrete politische Fragen ein«. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Würde man die »Dilexi te«-Passagen zu Migration und Armutsbetreuung neben das hohe Lied auf harte Abschiebepraxis und Schikanierung von Bürgergeldempfängern halten, das katholische Politiker wie Merz oder Alexander Dobrindt von sich geben, könnte der Kontrast nicht größer sein.
Anmerkungen
1 Die päpstlichen Dokumente werden nach der Nummerierung der Abschnitte zitiert, und zwar nach den autorisierten Übersetzungen, die die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Website (https://www.dbk.de/themen/dokumente-der-paepste) zur Verfügung stellt; die älteren Dokumente nach dem Sammelband »Texte zur katholischen Soziallehre« (Hg. vom Bundesverband der KAB mit einer Einführung von Oswald von Nell-Breuning, 1975).
Johannes Schillo schrieb an dieser Stelle zuletzt am 13. Juni 2025 zusammen mit Andreas Buderus über das Manifest einiger SPD-Mitglieder zu Fragen von Krieg und Frieden: »Ein bisschen Frieden«
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Leserbrief von Doris Prato (10. Dezember 2025 um 16:25 Uhr)Mit seiner 1961 erlassenen Enzyklika „mater et magistra“ (Mutter und Lehrmeisterin), erörterte Johannes XXIII., zu dessen Erbe sich Franziskus bekannte, Fragen von „Christentum und sozialem Fortschritt“ und wollte eine vorsichtige Reform einiger überholter Leitsätze der von Leo XIII., dem Namensgeber des heutigen Papstes, erlassenen katholischen Soziallehre einleiten, welche die „unerbittliche Hütung des Privateigentums“ postuliert hatte. Er trat natürlich nicht für dessen Beseitigung ein, setzte aber einige neue Akzente. Seine Enzyklika ging auf die Ärmsten in den Industrienationen ebenso wie auf die noch Ärmeren in den Entwicklungsländern und in den noch bestehenden Kolonien ein. Er erwähnte ihren Bedarf an Grundgütern, aber auch ihre Menschenwürde, und forderte soziale Gerechtigkeit, die er als Teilnahme aller Menschen am Wohlstand definierte. Er sprach vom Recht auf Privateigentum im Zusammenhang mit dem Recht auf Mitbestimmung am Arbeitsplatz und den Problemen der „Vergesellschaftung“. Er gebrauchte den Begriff der „Sozialisation“ und nannte ihn „Ausdruck eines sozusagen unwiderstehlichen Strebens der menschlichen Natur; des Strebens, sich mit anderen zusammenzutun, wenn es darum geht, Güter zu erlangen, die von den einzelnen begehrt werden, jedoch die Möglichkeiten und Mittel des einzelnen überschreiten“. Das waren natürlich lediglich reformistische Gedanken, die aber die meisten sozialdemokratischen Parteien zu dieser Zeit aufgegeben hatten. Johannes XXIII. unterschied sich in dieser Haltung von der antikommunistischen Kreuzzugsideologie und -praxis seiner Vorgänger. In „mater et magistra“, wandte er sich auch Problemen zu, die später als Nord-Süd-Konflikt zusammengefasst wurden. Die mit Reichtum und Überfluss gesättigten Staaten mahnte er, jene Völker nicht zu vergessen, die „vor Elend und Hunger fast zugrunde gehen“. Es war eine Kritik am imperialistischen System an der Franziskus mit seiner Forderung „Tax for se Rich“ anknüpfte. In Italien widmete sich Johannes XXIII. der Arbeiterfürsorge, suchte den Ausgleich mit den Sozialisten und scheute auch nicht vor Kontakten mit den Kommunisten zurück. Giacomo Manzù, einem der großen Bildhauer der Welt, von dem öffentlich bekannt war, dass er als Katholik mit den Kommunisten sympathisierte, beauftragte er, ein amtliches Porträt in Büstenform von sich zu schaffen. Manzú nahm später Johannes auch die Totenmaske ab. Chruschtschow übermittelte ihm zu seinem 80. Geburtstag im November 1961 persönliche Grüße „mit dem aufrichtigen Wunsch für gute Gesundheit und Erfolg bei dem edlen Bemühen zur Stärkung und Festigung des Friedens in der Welt durch Lösung der internationalen Probleme durch freimütige Verhandlungen“. Er hörte nicht auf die Ratschläge, sie unbeantwortet zu lassen. Er sandte dem sowjetischen Führer seinen aufrichtigen Dank, dem er hinzufügte, „ich werde für dasVolk Russlands beten.“ Im Oktober 1962 nahm er zur Kubakrise, welche die Gefahr des Ausbruchs eines atomaren Weltkrieges in sich barg, Stellung. Nach Rücksprachen mit Chruschtschow und Kennedy sandte er am 25. Oktober einen Friedensappell in die Welt. In seinem Todesjahr 1963 erschien seine dritte Enzyklika, „pacem in terris“(1963 Frieden auf Erden), in der er für ein Verbot der Atomwaffen und für das Ende des Wettrüstens eintrat, die Rassendiskriminierung verurteilte, sich für den Schutz von Minderheiten und die Rechte politischer Flüchtlinge einsetzte.
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