Stille neue Welt
Von Frank Schwarzberg
Wie doch die Zeit vergeht. Vor gut zehn Jahren wurde die texanische Singer-Songwriterin Carson McHone (jetzt Ontario) in einem Interview gefragt, mit wem sie gerne mal ein Duett singen würde. Sie musste nicht lange überlegen: mit dem Kanadier Daniel Romano, und nannte so sieben, acht Gründe dafür. »Vielleicht hört er ja mal von mir und wir könnten gemeinsam meine nächste Platte angehen« (Roadtracks Magazine, Ausgabe 44/Frühjahr 2015).
Nun, die nächste Platte, »Carousel« (2018), nahm sie noch mit Mick McCarthy von Spoon auf. Doch mittlerweile sind McHone und Romano verheiratet und unterstützen sich bei ihren jeweiligen Projekten. 2022 erschien »Still Life«, ein ambitioniertes Gesamtkunstwerk von Album (Poesie, Artwork, Songs). Romano produzierte; die beiden spielten fast alle Instru-mente.
Am 23. Juli dieses Jahres fuhr ich zu ihnen, ins Grenswerk im niederländischen Venlo. »Carson McHone & Daniel Romano« stand auf dem Programm, doch auf der Bühne stand die ganze Hardcore-Country-Rock-’n’-Roll-Band Daniel Romano’s Outfit. Volle Dröhnung.
McHone spielte die Rhythmus-E-Gitarre und sang natürlich. Nichts von »Carousel«, dafür Titel von der Cover-EP »Still Life, Odes« (2024), zwei »Outfit«-Songs und zwei von McHones im September erscheinenden Album »Pentimento«. Im Zentrum des Soundinfernos: ihre Stimme. McHone singt beherrscht, auf den Platten zuweilen wie ganz zu sich. Oberflächlich kühl, doch darunter brodelt es. Das in dieser Konstellation live zu erleben war sensationell. Ein Glücksfall für alle, denen intelligentes Songwriting manchmal zu brav und Power Rock meist zu stumpf ist.
»Pentimento« ist etwas ganz anderes. Pandemie, private Veränderungen: McHones hielt inne, man hört es den neuen Songs an. Durch die Zusammenarbeit mit Romano und seiner Band erfuhr sie, wie erfüllend künstlerische Kollaboration sein kann. Auf dem neuen Album gelingt es ihr, die biographische und die kreative Ebene zusammenzuführen, ohne dass sie ineinander aufgehen. Der Begriff »Pentimento« stammt aus der Malerei und bezeichnet eine noch oder wieder sichtbare Spur einer früheren Version eines Bildes. So sind in die »fertigen« Lieder Gedichte, Tagebucheinträge, Vogelgesang und Pianoskizzen eingewoben, sie fungieren als Einleitungen oder Intermezzi. Besonders faszinierend ist das im 30sekündigen Intro zum ersten Song »Winter Breaking«.
Nur gelegentlich galoppieren die Gitarren, es überwiegen die stillen Töne und McHones beherrschter, bachklarer Gesang über ihre Vision von gemeinsamer Kreativität und Naturverbundenheit. »In der vollkommenen Stille hört man die ganze Welt«, schrieb Tucholsky. McHone hat sich auf die Stille eingelassen und erweckt auf »Pentimento« die Welt darin zum Leben. Es liegt viel Größe in dieser Musik, sie wirkt fast wie ein Gegenentwurf zur uns umgebenden Brutalität.
»Der Sound seiner Platte(n) ist einfach grandios«, sagte die Sängerin 2015 über Romano. Ihr gemeinsamer Sound bei Liveauftritten war es 2025 erst recht. Carson McHones stilles neues Album ist es – ganz anders, ganz eigen – nicht minder.
Carson McHone: »Pentimento« (Merge/Cargo)
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